Berlin: Nazis fordern mehr rechte Gewalt

Autonome Nationalisten demonstrieren für mehr Gewalt
Autonome Nationalisten demonstrieren für mehr rechte Gewalt

In Berlin haben am 10. Oktober 2009 rund 750 gewaltbereite Neonazis demonstriert. Sie riefen zu „Rache“ und zum „Nationalen Angriff“ auf, verlasen Namenslisten politischer Gegner und drohten offen mit Gewalt.

Berlin Alexanderplatz, Samstag, 12.00 Uhr: Mit den einfahrenden S-Bahnen und Regionalzügen sammeln sich mehr und mehr aggressiv grölende Neonazis vor dem Fernsehturm. Unter dem Motto „Vom nationalen Widerstand zum nationalen Angriff“ liefen rund 750 Neonazis, überwiegend aus der Szene der Autonomen Nationalisten, vom Alexanderplatz zum S-Bahnhof Landsberger Allee. Begleitet wurden sie von etwa genauso vielen Gegendemonstrantinnen und -demonstranten, die sich Beschimpfungen, Drohungen und Angriffen ausgesetzt sahen. Das rechtsextreme Spektrum zeigte sich in seiner bundesweiten Breite: Sieben Busse mit Neonazis aus dem Raum Bayern kamen mit Polizeibegleitung in Berlin an. Kameradschaften aus Teltow-Fläming, Potsdam, Wolfsburg und Märkisch Oderland, um nur wenige zu nennen, zogen durch die Stadt.

Ein „kamerad aus bayern“ schrieb zu seiner Reise nach Berlin:
Kameraden, ich ärgere mich wirklich heute nach Berlin gekommen zu sein. Mickrige 1000-1200 Kameraden ziehen eher lust- und lautlos durch die Hauptstadt. Vom Inhalt, gegen den roten Terror demonstrieren zu wollen, schien die Bevölkerung wegen schlechter Routenwahl und sehr schlechter Reden nicht viel mitbekommen zu haben. Die Krönung war, dass ich zum einen vor Ort in Berlin erfahren musste, dass es wohl nationale Trinker waren und keine Roten(rein für die Richtigkeit, denn wir wollen uns ja nicht blamieren!) und dass die Möglichkeiten nicht genutzt wurden, die sich massenweise boten und unsere Gruppe aktiv und entschlossen gegen die sogenannten Antifaschisten vorgeht. Es waren immer große Lücken und viele Ausbruchmöglichkeiten, die im Grunde wirklich garnicht genutzt wurden. Es ist nicht nur eine Schande für die Bewegung, dass die Kameraden in Berlin so dermaßen unfähig sind, sondern vor allem ist es die größte Schande, dass die Hauptstadt inzwischen wohl oder übel als verloren bezeichnet werden kann!

Neonazis sind auf „Rache“ aus

Bianca Klose von der Mobilen Beratung in Berlin war bereits vor der Demonstration den Drohungen der Neonazis ausgesetzt, nachdem es am vergangenen Samstag einen Brandanschlag auf das in der rechtsextremen Szene beliebte Lokal „Henker“ in Schöneweide gab. Auch wenn die vermeintlichen Täter inzwischen gefasst wurden und die Polizei nicht von einem Angriff aus der linken Szene, sondern einem persönlichen Racheakt ausgeht, werden engagierte Demokraten für den Vorfall verantwortlich gemacht. „Hier wird eine Geschichte konstruiert, um gegen politische Gegner vorzugehen“, so Klose gegenüber MUT GEGN RECHTE GEWALT.

Kommentar aus einem Neonazi-Forum:
Eine Trauerdemo für jemanden, der noch gar nicht tot ist. Gegen linke Gewalt, die in diesem Fall offensichtlich nicht da war. Von Nazis, die als solche gar nicht erkennbar sind. Auf einer Demorute, die gar nicht relevant ist. Gute Heimreise!

Mit Aufrufen zu Straftaten wurde auf dem Demonstrationszug beispielsweise eine Liste der Namen der so genannten Gegner vorgelesen, ohne dass die Polizei eingegriffen hätte. In anderen Redebeitrag wurde vehement zur „Rache“ gegen Gegner aufgerufen und die Parole „Linke haben Namen und Adressen – kein Vergeben, kein Vergessen“ angestimmt. Auch Flaschenwürfe und eine faustgroße Eisenplatte, die auf einen Schwarzen geworfen wurde, blieben von der Polizei ungeahndet. Von der Volksverhetzung bis zur antisemitischen Hetze war von den Neonazis alles zu hören. So wurde einem Gegendemonstrant geraten, er solle doch „zurück in den Urwald gehen“ und beim Anblick einer Israelfahne skandierten Autonome Nationalisten „Kindermörder Israel“.

Der Neonazi Christian Worch über den Neonazi-Aufmarsch in Berlin:
Die kraftvolle, laute und gut motivierte Demonstration hat gezeigt, daß Berlin schon lange nicht mehr die Hauptstadt der militanten Linken ist. Und für uns Auswärtige gilt, soweit es die alte Reichshauptstadt betrifft: Berlin ist immer eine Reise wert!

NPD ruft zum „Zecken jagen“ auf

Bis Samstag Abend wurde nichts über verletzte Gegendemonstrantinnen oder -demonstranten bekannt. Doch die rechtsextreme NPD hätte offensichtlich nichts dagegen, genau dies zu ändern. Über Twitter rief die NPD Marburg dazu auf, in Berlin noch „munter Zeckenjagen“ zu gehen. Der Beitrag wurde inzwischen gelöscht, doch er zeigt deutlich den Hass auf alle, die nicht in das Weltbild der Neonazis passen.

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Die Kollegen von redok stellen zu den Ereignissen der vergangenen Woche treffend fest: „Innerhalb weniger Tage hat sich in der vergangenen Woche die militant-nationalsozialistische Szene selbst einen Quantensprung verordnet. Mit dem ausdrücklichen Rückgriff auf „Weimarer Verhältnisse“ wird nun zwar ohne aktuelle Opfer, dafür aber mit umso mehr herbeigefühlten Rachephantasien der Umschwung vom „Nationalen Widerstand“ zum „Nationalen Angriff“ erklärt. Dass dabei gleich noch die heutige Teilnehmerzahl in manchen Kreisen mit „2.500 Deutsche Bürger“ ins Uferlose phantasiert wurde, unterstreicht den derzeitigen Realitätsverlust in Teilen der extremen Rechten. Diese Mischung aus eingebildetem Opfer-Status und überzogener Vorstellung eigener Stärke könnte in nächster Zeit ein gefährliches Gebräu werden.“

Haftbefehle erlassen – die Berliner Morgenpost berichtet am 11. Oktober 2009:
Inzwischen deutet allerdings alles daraufhin, dass die Verantwortlichen für den Anschlag auf den rechten Treffpunkt nicht aus der linken Szene kommen. Am Freitagabend hatte die Polizei sieben Verdächtige aus Berlin und Brandenburg festgenommen. Die mutmaßlichen Täter gehörten weder der linken Szene an noch hätten sie ein politisches Motiv, sagte ein Polizeisprecher. Fünf der sieben Festgenommenen wurden gestern Abend von der Polizei wieder auf freien Fuß gesetzt. Zwei Männer gelten als mutmaßliche Täter. Gegen sie erließ ein Richter Haftbefehl.

Siehe auch: Anschlag auf Nazi-Kneipe: Täter handelten offenbar aus Rache, Fotos von der Demonstration (Creative Commons) Foto: Amadeu Antonio Stiftung (Creative Commons), Text: Sebastian Brux, zuererst veröffentlicht bei Mut gegen rechte Gewalt, Ergänzungen und Zitate: Robert von Seeve

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