Kinder und Tiere – Über Opfer- und Tierschutz verbinden Neonazis Populismus und Ideologie

In Lokalredaktionen fällt der Begriff „Kinder und Tiere“ häufig zusammenhängend. Meistens geht es dabei um die Bebilderung von Zeitungsseiten. Denn Kinder und Tiere sind den meisten Menschen lieb. Sie erheitern und sind unschuldig, sind deshalb populär. Es ist gleichsam die Antwort auf die Frage, warum Kinder und Tiere ausgerechnet in der Propaganda von Rechtsextremisten eine zentrale Rolle spielen. Etwa bei der NPD, dem parlamentarischen Arm der Neonazibewegung.

Von Olaf Sundermeyer

Die Sympathie für Kinder und Tiere wird instrumentalisiert, um zu antidemokratischen und rassenbiologischen Positionen überzuleiten. So zeigt sich die Tierliebe der Neonazis immer dann, wenn sie sich gegen eigene Feindbilder richten lässt. Etwa beim Schächten, dem Schlachten ohne Betäubung nach moslemischem Ritus. Darin wurde in der vergangenen Woche ein muslimischer Metzger aus Mittelhessen vom Bundesverfassungsgericht bestätigt. Er darf weiterhin ohne Betäubung sowie ohne Anwesenheit eines Tierarztes schlachten. Seit 15 Jahren schon kämpft er mit der Justiz. Und immer wieder wurde der Fall von Neonazis aufgegriffen.

Etwa von Patrick Wieschke, der es vom verurteilten Gewalttäter – er war an einem Sprengstoffanschlag auf eine Dönerbude beteiligt – bis zum hauptamtlichen NPD-Funktionär brachte. Auch weil er solche Botschaften unters Volk bringt. „Skandal-Urteil erlaubt Schächten in Deutschland“, resümierte Wieschke zum Fall des hessischen Metzgers nach einer zwischenzeitlichen Entscheidung in dem NPD-finanzierten Thüringer Anzeigenblatt „Wartburgkreisbote“, um dann fortzufahren: „Nur in derart verseuchten Richterhirnen, mit einem Korpus ohne Rückrat und Herz, dem Multi-Kulti-Wahn verfallen, vermag so grauenhafte, archaische und anachronistische, nach Deutschland eingeschleppte Tierquälerei wie betäubungsloses Tierabmetzeln zur Religionsausübung mutieren.“

Im Wahlprogramm der bayerischen NPD hieß es im vergangenen Jahr, die Partei trete „für einen effektiven und konsequenten Tierschutz ein“. Ein paar Silben später kommt dann die Verbindung zum Antisemitismus und Antiislamismus: „Neben zahlreichen anderen mitteleuropäischen Traditionen entgegenstehenden Unsitten, ist es insbesondere die Praxis des Schächtens von Schlachttieren durch Moslems und Juden, welche von der NPD konsequent abgelehnt wird.“

tierschutzDie Ideologie hinter ihrer vermeintlichen Tierliebe zeigen unverhohlen die so genannten „Autonomen Nationalisten“ (AN), eine Gruppe besonders radikaler junger Neonazis, die im Ruhrgebiet stark ist, und Verbindungen zur NPD pflegt. In einem Pamphlet aus Marl wird an das „Reichstierschutzgesetz von 1934“ erinnert. Immer wieder geriert sich die Gruppe als kämpferische Tierschützer. „Wie vieles anderes ist die gesamte bürgerliche Tierrechtsbewegung auf nationalsozialistische Forderungen zurückzuführen“. Schließlich erinnert der Autor daran, dass „von allen Berufsständen Deutschlands der größte Prozentsatz der Tierärzte der nationalsozialistischen Partei angehörte.“ In verschiedenen Ruhrgebietsstädten organisieren „Autonome Nationalisten“ regelmäßige Flugblattaktionen zum Thema Tierschutz, um es für sich zu besetzen.

Todesstrafe für „Kinderschänder“

Eine andere Kampagne dieser Gruppe heißt „Todesstrafe für Kinderschänder.“ Auch hier schließt sich der Kreis zur NPD. In Leipzig standen Mitglieder der AN im Sommer vergangenen Jahres der NPD bei, als sie versuchte den Mord an der achtjährigen Michelle für sich zu nutzen. Gemeinsam mit dem NPD-Fraktionsvorsitzenden im Sächsischen Landtag, Holger Apfel, trat man bei Gedenkveranstaltungen auf und forderte die Todesstrafe für Kinderschänder. Bis heute versucht Apfel Kapital aus dem Tod des Mädchens zu schlagen. Michelles Mörder wurde in der vergangenen Woche nun zu einer neuneinhalb jährigen Jugendstrafe verurteilt. Postwendend polterte er: „Die NPD wird die Verhängung der gesetzlichen Höchststrafe für Kindermörder und einen Volksentscheid über eine Grundgesetzänderung zur Wiedereinführung der Todesstrafe fordern“. Dieser Forderung schließt sich auch Ines Schreiber an, die als Schöffin am Amtsgericht in Apfels Wohnort Riesa registriert ist. „Mit der Forderung nach einer Todesstrafe für Kinderschänder wissen wir ja eine Mehrheit der Leute hinter uns.“

Kinder und Tiere sollen der NPD eine wachsende Zustimmung bescheren. „Denn natürlich wissen wir, dass mehr Menschen solche Standpunkte vertreten, als dass Menschen direkt hinter der NPD stehen“, sagt dazu ein führender NPD-Funktionär. Dass hinter ihrem scheinbaren Einsatz für Kinder und Tiere ein antidemokratisches, rassenbiologisches und fremdenfeindliches Ansinnen steckt, sagt er nicht.

Olaf Sundermeyer arbeitet als freier Autor für die F.A.Z. und verschiedene Fernsehmagazine von WDR und RBB. Zu Beginn des Superwahljahres 2009 veröffentlichte er gemeinsam mit Christoph Ruf das Buch “In der NPD” im Verlag C.H.Beck.

Siehe auch: Neonazis fordern “höchste Strafe für Kinderschänder”, NPD hetzt gegen “Kinderschänder, Perverse und Homosexuelle”, Ex-NPD-Abgeordneter wegen Kinderpornografie vor Gericht

6 thoughts on “Kinder und Tiere – Über Opfer- und Tierschutz verbinden Neonazis Populismus und Ideologie

  1. Habe einmal in meinem Blog unter den Kommentaren bei Diskussionen mit einem „Autonomen National(sozial)isten“ (AN) und Tierschützer die Frage gestellt:

    Warum zeigt er sich solidarisch mit der radikal-islamischen Hamas und agitiert zugleich als NS-Tierschützer, der sich in Deutschland gegen das Schächten, also das muslimische Schlachten, stellt…

    So richtig konnte er nicht beantworten, warum islamistische Schächt-Fleischesser und Kämpfer gegen Israel alias „die Juden“ denn nun zu supporten seien, aber der muslimische Metzger ums Eck ein böser Mann sein soll…

    Dabei wäre die Antwort so einfach. Als Antisemit und Fremdenfeind nimmt man halt, was man populistisch finden kann…

    Mik

  2. Stimmt die verkehren auch bei Neonazi Heise in Fretterode. Sehr aktiv sind die Kasseler dort.

  3. @Hoffmann: Da steht doch nur, dass diese Gruppe im Ruhrgebiet „stark“ ist, nicht konzentriert…

  4. Nun haltet aber mal die Luft an!
    Artikel 3 GG sagt das vor dem Gesetz alle gleich sind. Offenbar sind aber islamische Schlachtergesellen irgendwie ebenso gleich wie einer der mit Erlaubnis eines Gerichtes den Turban auf dem Kopf haben darf beim Motorrad fahren. Oder stehen hier einige Artikel des Grundgesetzes im Widerspruch zu Artikel 3. Das ist mir schon in anderem Zusammenhang aufgefallen.
    Ich habe bei einem Urlaubsaufenthalt im Kaukasus solches schächten eines Schafes sehen können. Einfach ekelhafte Tierquälerei.
    Und wenn die demokratischen Parteien solch ekelhaftes Tun nicht öffentlich anprangern, muss sich keiner wundern, wenn solches Thema von Leuten besetzt wird, die einfach nur Aufmerksamkeit erheischen wollen.
    Zum Thema Strafe für Kinderschänder ist schon soviel gequakt worden, das sich auch hier keiner wundern muss, das man mit übertriebenen Forderungen Sympatien sammel will.
    Ich bin gegen die Todesstrafe aber auch für dramatisch harte Strafen für Kinderschänder.

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