Faßberg: Spontane Proteste gegen Neonazi-Zentrum

Kaum einer bringt seinen Protest so deutlich wie Johannes Schulze zum Ausdruck: In der Hand hält der 70-Jährige ein handgeschriebenes Pappschild. „Naziideologie ist menschenverachtend“ ist da zu lesen und Johannes Schulz weiß, warum: “Ich bin als Kind in der Nazizeit aufgewachsen und habe diese Ideologie noch mit aufgenommen. Und ich habe viele Jahre gebraucht, um sie wieder los zu werden. Deshalb stehe ich heute hier.“

Von Stefan Schölermann, NDR Info

NPD-Funktionär Jürgen Rieger (Quelle: Recherche Nord)
NPD-Funktionär Jürgen Rieger (Quelle: Recherche Nord)

Wie Johannes Schulz stehen rund 100 Gleichgesinnte vor dem Faßberger Rathaus um gegen die Pläne des Hamburger Neonazis Jürgen Rieger zu protestieren. Rieger will in einem maroden Hotelbau im Faßberger Ortsteil Gerdehaus ein Neonazizentrum errichten. Seit zwei Jahren schon wehrt sich die 7000 Seelen- Gemeinde in der Südheide gegen dieses Vorhaben. Alles schien auf einem guten Weg, bis vor zwei Tagen bekannt wurde, dass das Hotel namens „Landhaus Gerhus“ am 16. Dezember öffentlich versteigert werden soll. Für Rieger wäre das die Gelegenheit, sich endgültig in den Besitz des Schrotthotels zu bringen.

Deshalb sind die Menschen in der Region jetzt in Alarmstimmung: „Für uns eine Horrorvorstellung, wenn der Neonazi sich hier festsetzen würde. Aber in der Heide gibt es viele Steine – und die werden wir ihm in den Weg legen“, ruf die Faßbergerin Anna Jander den Demonstranten vor dem schlichten 70iger Jahre- Bau des Faßberger Ratauses zu – und der Applaus für diese Worte ist stürmisch. Anna Jander war es, die im Sommer zu regelmäßigen Mahnwachen vor dem geplanten Neonazi-Zentrum aufgerufen hatte, die der kleinen Ortschaft in der Südheide bundesweite Aufmerksamkeit verschafft hatte .

Jetzt hat sie die Faßberger erneut per Email-Kette zusammengetrommelt. Dass rund 100 Menschen, die meisten von ihnen deutlich über 30 Jahre alt, an einem Werktag diesem Aufruf gefolgt sind, ist für sie ein Erfolg: „Rieger hat es schon jetzt fertig gebracht, eine ganze Region gegen sich aufzubringen. Wir werden es ihm schwer machen.“ In ihren Worten schwingt eine gehörige Portion Trotz mit, denn niemand weiß bislang, ob der Abwehrkampf gegen den Hamburger Neonazi von Erfolg gekrönt sein wird.

Auch nicht der parteilose Faßberger Bürgermeister Hans-Werner Schlitte, der die Demonstranten vor „seinem“ Rathaus begrüßt. Zwar sei er guten Mutes, dass man am Ende Erfolg haben werde – aber Prognosen seien Kaffesatzleserei, sagt der Verwaltungschef, für den das Neonazi-Zentrum in den letzten zwei Jahren zum beherrschenden Thema in der Alltagsarbeit geworden ist. Sorgen macht man sich nicht nur in Faßberg selbst, sondern in der gesamten Region, die wirtschaftlich vor allem vom Fremdenverkehr abhängig ist. Ein internationaler Radweg führt von der nahen Gedenkstätte Bergen-Belsen Richtung Faßberg. Sollte das Neonazizentrum Wirklichkeit werden, würden die Besucher unmittelbar daran vorbeiradeln.

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Dennis Bührig auf einer NPD-Demonstration in Hannover (Foto: Kai Budler)

Im Sommer war es schon einmal für kurze Zeit so gewesen, als Rechtsextremisten um den Celler Neonazi- Kameradschaftsanführer Dennis Bührig das Haus für kurze Zeit widerrechtlich besetzt hatten und ihre Hetzparolen an der Hauswand befestigt hatten. „ Das hat sich bei vielen Kunden herumgesprochen – und viele haben gesagt, dass sie nicht mehr wiederkommen werden, wenn das Nazihaus Wirklichkeit wird“, sagt Hans-Dietrich Spinghorn aus der Nachbargemeinde Müden. Springhorn weiß, wovon er spricht, denn er ist Mitglied im Müdener Fremdenverkehrsverein.

Doch es sind nicht vor allem wirtschaftliche Gründe, die die Menschen vor dem Faßberger Rathaus zusammenkommen lässt, es ist die Sorge um das Ansehen einer ganzen Region. Für den katholischen Pfarrer Günter Birken aus dem nahen Bergen wäre es eine „unerträgliche Vorstellung“, ein Neonazi-Zentrum in unmittelbarer Nähe der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen zu wissen. Demonstrativ trägt er auf dem Faßberger Rathausplatz ein Foto von Anne Frank in der Brusttasche seines schwarzen Sakkos. Das jüdische Mädchen war von den Nazis in Bergen-Belsen ermordet worden.

Als Geistlicher glaube er an die Macht des Gebetes, aber mindestens ebenso wichtig sei es, dass christliche Menschen gegen das Treiben der Neonazis auf die Straße gehen, sagt Pfarrer Birken. Der Pfarrer ist nicht der einzige Geistliche der vor dem Faßberger Rathaus gegen den braunen Ungeist protestiert: Kantor Malcolm Chamberlain aus der St. Laurentius Gemeinde in Müden hat große Pappkartons mit lilafarbenen T-Shirts mit nach Faßberg gebracht: In weißer Schrift und großen Lettern ist darauf der Protest gegen das Neonazi-Zentrum festgeschrieben. 300 solcher Hemden habe man schon verkauft, weitere 150 sind in Druck, sagt der Kirchenmann als er in Faßberg eintrifft. Nach kurzer Zeit sind die mitgebrachten Kartons schon wieder leer. Die Region um Faßberg ist alarmiert. Der Kirchenmann wird noch viele T-Shirts gegen Rieger drucken können.

Siehe auch: Faßberg: NPD-Funktionär Rieger kann auf Versteigerung hoffen, Neonazi-Hotel kann geräumt werden / Razzia nach erneutem Schuss, Braunes Schulungszentrum in Faßberg: Etappensieg für NPD-Vize Rieger, Neonazis wollen JN in Niedersachsen reaktivieren, Neonazi-Schulungszentrum: Faßberg will Landhaus erwerben, Faßberg: Einsatz im Immobilienpoker wird erhöht, “Als Haus wärst du `ne Hütte”: Neonazis bieten, Gemeinden zahlen, Über die Anziehungskraft von Bruchbuden auf Neonazis

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