Broschüre: Gefährliche Liebschaften – Rechtsextremismus im kleinen Grenzverkehr

Rechtsextremistische und nationalsozialistische Bewegungen gibt es nicht nur in der Bundesrepublik. Es gibt quasi eine Internationale rechter Gruppen, die eine verdeckte wie offene gegenseitige Unterstützung einschließt. Auch zwischen Tschechien und Deutschland existiert dementsprechend eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Und das schon seit etlichen Jahren. Aber erst in jüngster Zeit beginnen beide Länder, ihre Kooperation um die Beobachtung und Eingrenzung rechtsextremistischer Szenen zu erweitern. Auch die beiden Zivilgesellschaften sind im Kampf gegen Rechtsextremismus und für Demokratie noch nicht ausreichend vernetzt.

Demokratie_10-Gefaehrliche_Liebschaften_284Die Publikation mit dem etwas merkwürdigen Namen „Gefährliche Liebschaften. Rechtsextremismus im kleinen Grenzverkehr“ der Heinrich-Böll-Stiftung gibt Einblick in die rechtsextremen Aktivitäten im Grenzland. Zu diesen Aktivitäten gehören auch die gegenseitige Unterstützung bei Demonstrationen und der Verkauf rechtsextremistischer Musik, Bekleidung, „Devotionalien“. Darüber hinaus beleuchten einige Beiträge die Situation von Opfern rechtsextremer Gewalt und die Arbeit zivilgesellschaftlicher Akteure. So ist ein praxisnaher Sammelband entstanden, der Zivilcourage und Engagement gegen den alltäglichen Rechtsextremismus stärken will.

Dabei stellt die Broschüre eine Sammlung von Texten dar, mit der vornehmlich Spezialistinnen und Spezialisten aus nichtstaatlichen Organisationen und einige Beraterinnen und Berater staatlicher Verfolgungsbehörden für rechtsextreme Gewalt- und Propagandadelikte ihre Analyse der derzeitigen grenzüberschreitenden Kontakte und Aktivitäten rechtsextremer Gruppierungen vorlegen.

Aufgrund der unterschiedlichen Zugänge und Erfahrungen der Autorinnen und Autoren beiderseits der Grenze finden sich in der Broschüre unterschiedliche Begrifflichkeiten und Einschätzungen. Insgesamt sind sich die Autoren jedoch darin einig, dass die grenzüberschreitenden Kontakte der rechtsextremen Szene spürbar zunehmen und gerade die nationalsozialistischen Strömungen in Deutschland und Tschechien immer stärker zusammenarbeiten. Dabei ist es augenscheinlich, dass die tschechische rechtsextreme Szene – wie es unsere tschechische Freundin im Eingangszitat richtig erfühlte – von den Entwicklungen und Strategien der bundesdeutschen Rechtsextremen lernt. Diese und viele andere Erkenntnisse in unserer Broschüre „Gefährliche Liebschaften“ sind – dessen sind wir uns sicher – von hohem Interesse für solche Berufsgruppen in Tschechien und Deutschland, welche sich mit Prävention und Strafverfolgung rechtsextremer Aktivitäten befassen.

Inhalt
Vorwort der Stiftung
Vorwort
Kapitel 1
Kurzer historischer Abriss zum organisierten Rechtsextremismus in Tschechien und Deutschland

Miroslav Mareš
Geschichte des organisierten Rechtsextremismus in Tschechien
Maria Grjasnow
Geschichte des organisierten Rechtsextremismus in Deutschland
Kapitel 2
Ideologischer Rahmen des Rechtsextremismus in Tschechien und Deutschland

Miroslav Mareš
Die ideologische Verankerung des tschechischen Rechtsextremismus
Friedemann Bringt und David Begrich
Transformationsprozesse des (ost-)deutschen Neonazismus. Wirkungen für die extreme Rechte in der BRD
Frank Carstens
Wenn aus Feinden Freunde werden. Konfliktlinien bei den grenzüberschreitenden Kontakten deutscher und tschechischer Neonazis
Kapitel 3
Aktionsformen, Strategien und aktuelle Tendenzen des Rechtsextremismus

Carsten Enders
Europäische Vernetzung der rechtsextremen Szene
Jan Raabe
Grenzüberschreitende Bruderschaft: Rechtsrock und Musikhandel
Klára Kalibová und Ondrˇej Cakl
Rechtsextreme Aktionsformen in Tschechien: Themen, Szenen, Personen
Petra Schickert und Markus Kemper
Rechtsextreme Aktionsformen und Strategien in Sachsen
Hendrik Lasch
„Verboten? Ist kein Problem.“ Auf deutsch-tschechischen Grenzmärkten werden Rechtsextreme weiter fündig
Kapitel 4
Situation von Opfern rechtsextremer Gewalt

Klára Kalibová
Rassistische und von Rechtsextremisten verübte Gewalt. Die Situation in Tschechien nach 1989
Markus Pape
Fallbeispiel: Interview mit Marek Polák jr.
Sander Schulze
„Es ist das Klima, das wir verändern müssen …“ Betroffene rechtsextremer Gewalt in Sachsen. Die Situation aus Sicht der Beratungsprojekte des AMAL e.V. und des RAA Sachsen e.V.
Juliane Wetendorf
Ein Fallbeispiel
Sander Schulze
Fallbeispiel: Gespräch mit einem Jugendlichen aus einer Kleinstadt an der tschechischen Grenze
Kapitel 5
Reaktionen von Legislative und Strafverfolgung

Miroslav Mareš
Reaktionen der Legislative und der Judikative auf den Rechtsextremismus in Tschechien
Volker Lange
Polizeiliche Reaktionen auf rechtsextreme Aktivitäten in Sachsen
Jan Raabe und David Begrich
Wir werden es schon richten? Staatlicher Umgang mit Rechtsextremismus – eine kritische Auseinandersetzung
Carsten Enders
„Bei uns gibt’s keine Nazis“ Umgang mit Rechtsextremismus in der deutschen Gesellschaft
Miroslav Bohdálek
„Tschechen sind keine Rassisten, sie sind nur romafeindlich“ Umgang mit Rechtsextremismus in der tschechischen Gesellschaft
Grit Hanneforth und Friedemann Bringt
Einschätzungen, Ausblick, Handlungsmöglichkeiten
Nachwort
Autorinnen und Autoren

Schriften zur Demokratie – Band 10:
Gefährliche Liebschaften. Rechtsextremismus im kleinen Grenzverkehr
Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Kulturbüro Sachsen
Berlin, Dezember 2008, 208 Seiten
ISBN 978-3-927760-99-8

Die Broschüre kann hier als pdf heruntergeladen werden.

Siehe auch: Lesetipp: LOTTA #36 über völkische Bewegung in Ungarn und Neonazis in Tschechien, Geheimdienst: Strukurwandel in Tschechiens extrem rechter Szene, Tschechien: Verbot der rechtsextremen “Arbeiterpartei” abgelehnt, Die Ziele der NPD: Österreich, Polen, Tschechien, Russland, Litauen, Tschechien: Proteste gegen Nazi-Aufmarsch im jüdischen Viertel, Dokumentation über Rechtsextremismus in Osteuropa

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