Open Air und dicke Luft in Boizenburg

Als einige Jugendliche aus der Kleinstadt im Landkreis Ludwiglust damit begannen, das Festival „Tinnitus statt Faschismus“ zu organisieren, wollten sie vor allem ein Zeichen gegen die aggressive rechte Szene vor Ort setzen. Dass die Neonazis alles tun würden, um ein solches Konzert zu verhindern, hatten sie erwartet. Womit sie nicht rechneten, waren die Reaktionen von Bürgern und Medien vor Ort.

Mit freundlicher Genehmigung aus „Perspektiven“ – Rundbrief der LOBBI – Ausgabe 5 / 2009

headbannerneuSchon Ende 2008 begannen die Planungen für das erste antifaschistische Konzert in der Stadt. Die Jugendlichen schrieben ein Konzept und suchten den Kontakt zu Stadtverwaltung und engagierten BürgerInnen. Zunächst erfuhren sie viel Unterstützung: der Kinoclub übernahm die Anmeldung, der Bürgermeister fungierte als Schirmherr, erste Sponsoren sagten ihre Hilfe zu und ein möglicher Veranstaltungsort wurde gefunden.

Als die OrganisatorInnen dann begannen, das Konzert öffentlich zu bewerben, regte sich erwartungsgemäß die örtliche rechte Szene. Im Internet drohten Neonazis, dass sie den „kleinen Rotfaschisten nicht tatenlos zusehen“ werden und verteilten massenhaft Flugblätter. Deren Inhalt: „gewaltbereite und kriminelle Jugendliche“ würden sich treffen, von denen „regelrechte Gewaltausbrüche, sinnlose Zerstörung von Privateigentum und schwere Körperverletzungen“ zu erwarten seien. Den EinwohnerInnen wurde geraten, sich in den Häusern zu verbarrikadieren und gegen das geplante Konzert aktiv zu werden.

Angeln für Kinder wegen Sicherheitsbedenken abgesagt

Und tatsächlich setzte zur gleichen Zeit Protest von BürgerInnen ein. Unterschriften gegen das Konzert wurden gesammelt. In einem äußerst tendenziösen Zeitungsartikel fragte sich eine Anwohnerin „…wer schützt das Eigentum und Anwohner vor Gewalt ?“ Gleichzeitig drohte sie der Stadt mit einer Anfechtungsklage, sollte das Konzert am geplanten Ort stattfinden. Auch nachdem die Veranstaltung zum dritten Mal und nun an den Stadtrand verlegt wurde, beruhigten sich die Gemüter nicht. So wurde etwa dem Bürgermeister unterstellt: „Was er damit für einen Schaden anrichtet, das ist auf keinen Fall absehbar.“ Diese Art der Panikmache setzte sich trotz enormer Sicherheitsauflagen für das Konzert und angekündigter massiver Polizeipräsenz bis zum 18. Juli, dem Veranstaltungstag, fort und hatte teilweise groteske Folgen. So wurde ein in der Nähe geplantes Angeln für Kinder wegen Sicherheitsbedenken abgesagt und mindestens zwei Gewerbetreibende verbarrikadierten ihre Geschäfte.

Fast schon erstaunlich in dieser von Angst und Vorurteilen geprägten Atmosphäre war schließlich die Zahl von 150 BesucherInnen. Sie konnten nicht nur Livemusik erleben, sondern sich auch an diversen Ständen informieren. Und was für viele der jugendlichen Gäste sicher ebenso wichtig war: Sie konnten sich angstfrei mit Freunden und Freundinnen treffen und gemeinsam feiern. Leider nutzten wenige BoizenburgerInnen die Gelegenheit neue Eindrücke zu gewinnen und ihre Vorurteile abzubauen. Sie wären von den feiernden Jugendlichen, die wohl gar nicht ihrem Bild von „gewaltbereiten Extremisten“ entsprochen hätten, sicher ebenso überrascht gewesen, wie von der professionellen Durchführung der ehrenamtlich organisierten Veranstaltung. Möglicherweise wären sie an einem der Infostände auch ins Grübeln gekommen, ob es richtig war zu behaupten, „daß die Stadt kein rechtsextremes Problem hat“ und ob sie ihre Argumente wirklich mit Personen teilen möchten, die auf ihren Flugblättern „Nationaler Sozialismus jetzt!“ fordern.

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