Ein Neonazi steigt aus: „Ich will, dass es allen Menschen gut geht“

Wenn die NPD schreibe „Kriminelle Ausländer raus!“, dann sei die eigentliche Forderung, jeder ohne „arisches“ Blut solle raus. Aussteiger Frank Försterling weiß, wie NPD-Kader und andere Neonazis reden, wenn sie unter sich sind. Der 23-Jährige ist nach mehr als fünf Jahren aus der Szene ausgestiegen. Nun wolle er gegen Neonazis angehen, da diese „menschenfeindlich“ seien, so Försterling. Dafür wagt er jetzt den Schritt an die Öffentlichkeit.

Von Patrick Gensing

Frank Försterling als Anti-Antifa-Fotograf auf einer NPD-Demo im Jahr 2005
Frank Försterling als Anti-Antifa-Fotograf auf einer NPD-Demo im Jahr 2005 (Quelle: Antifainfo)

Frank Försterling war mehr als fünf Jahre in der organisierten Neonazi-Bewegung äußerst aktiv, bei Aufmärschen, Infoständen und Konzerten stets dabei, er fotografierte zudem politische Gegner. Auch bei der NPD mischte der Hamburger mit. Diese sei in der Hansestadt sowie in vielen anderen Landesverbänden „klar nationalsozialistisch“ ausgerichtet, so Försterling. Dies gelte auch für den Hamburger Landeschef, den Anwalt Jürgen Rieger, der aber lediglich nach außen als Galionsfigur diene. Organisatorisch mache Rieger „gar nichts“, so der Aussteiger im Gespräch mit dem Autor. Die Fäden im Hintergrund ziehe ein langjähriger Neonazi-Kader, der sich Gerüchten zufolge selbst als „SA-Mann“ bezeichne.

Schon vor seinen ersten Kontakten mit organisierten Neonazis hatte sich Försterling über Bekannte mit Rechtsrock versorgt. Diese Musik sei „sehr verbreitet, damit kommen die meisten Leute zuerst in Berührung“, unterstreicht der 23-Jährige die überragende Bedeutung der Musik für die Rekrutierung des extrem rechten Nachwuchses. Der Aussteiger schätzt, dass jeder Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren in Deutschland die Neonazi-Band „Landser“ kenne – „zumindest vom Hörensagen.“

Försterling, Hardcore-Fan und Straight-Edger, weist darauf hin, dass die extrem rechte Musik eine enorme Entwicklung durchgemacht habe: „Hochwertige rechte Musik gibt es erst seit einigen Jahren. Landser und Störkraft war ja eher Garagen-Geschrammel. Das ist heute auf einem ganz anderen Niveau.“

Aussteiger Frank Försterling (Foto: privat)
Aussteiger Frank Försterling (Foto: privat)

Identität und Zusammenhalt

Es klingt wie im schlechten Film: Einige Nazi-Skinheads, die er in einem Bus getroffen hatte, nahmen Försterling mit auf eine Party im Hamburger Süden. Offenbar ein Schlüsselerlebnis, denn hier habe er „seine Ansichten plötzlich nicht mehr verstecken müssen“. Es sei eine sehr einfache Art gewesen, über das eigene Volk und den Nationalismus eine gemeinsame Identität zu bilden, meint Försterling rückblickend. Dadurch habe es in der Szene ein Zusammengehörigkeitsgefühl gegeben. „Das war das Bauchgefühl. Einen Kreis von Personen haben, auf die man zählen kann. Später dann auch die Möglichkeit, Ansichten verbreiten zu können.“ Auf der Straße habe jeder sofort gewusst, „wer man ist, wenn man die entsprechenden Insignien trägt“, erzählt der Aussteiger.

Die Kreise, in die man zuerst reinkomme, das seien „Leute, die ganz viel Musik hören und am Wochenende saufen gehen. Die leben einige Werte noch stärker aus, als dass sie tatsächlich Politik machen. Faktoren wie Kameradschaft und „Rassereinheit“ wird bei Leuten, die keine Politik machen, sehr viel stärker ausgelebt“, berichtet Försterling. „Wenn ich mir angucke, dass ein Hamburger aktiver Neonazi mit einer Iranerin zusammen ist – passt eigentlich nicht – wird aber toleriert.“

„Auch die Saufglatzen gehen mal auf Demos“

Försterling schätzt, dass rund 20 Prozent des Neonazi-Spektrums aktiv Politik macht. „Auch die Saufglatzen gehen mal auf Demos, wenn das bei denen im Stadtteil ist, beispielsweise Harburg. Auch Sachen wie den Rudolf-Heß-Marsch, denn das kennen die aus Liedern. Und dann wird schnell festgestellt: ‚Oh, hier darf ich keine Springerstiefel tragen, hier gehe ich nicht mehr hin.'“

Einige „Kameraden“ suchten vor allem die Gewalt. Es gebe Leute, so Försterling, die sagten: „Wenn ich einen Linken sehe, dann haue ich dem sofort aufs Maul.“ Was von solchen Drohungen zu halten sei? Försterling muss nicht lange überlegen: „Der, der das gesagt hat, dem ist das zuzutrauen. Denn das ist ein absoluter Psychopath.“ Bei den Gewalttaten werde in der Neonazi-Szene unterschieden, betont der Aussteiger. „Wenn jemand zu einem bekannten Journalisten hingeht und den völlig zu Matsch macht, der wird auf jeden Fall mehr Anerkennung bekommen, als jemand, der einfach nur losläuft und eine Frau mit Kopftuch zu Matsch macht.“

Hitlers Geburtstag im „Nazi-Bierzelt“ auf dem Dom

Försterling stieg tief in eine Szene ein, in der verurteilte Straftäter „kontinuierlich anerkannte Politik machen und im Hintergrund einige Fäden ziehen“. An Adolf Hitlers 114. Geburtstag, dem 20. April 2003, feierte Försterling mit Gleichgesinnten im „Nazi-Bierzelt“ auf dem Hamburger Dom; dort lernte er maßgebliche Kader kennen, wie beispielsweise Alexander Hohensee, der ihm den Weg in den inneren Kreis der Hamburger Neonazi-Szene ebnete.

Unter Kameraden: Försterling zwischen Alexander Hohensee (li. mit Pali-Tuch) und Christian Worch (re.)
Unter Kameraden: Försterling zwischen Alexander Hohensee (li. mit Pali-Tuch) und Christian Worch (re.) (Quelle: Antifainfo)

Auch in die NPD trat Försterling ein. Nach dem gescheiterten NPD-Verbotsverfahren unterwanderten „nicht parteigebundene Neonazis den Hamburger Landesverband komplett“, so Försterling. Und so „wurde aus einer Altherrenpartei, die sich nur in Hinterzimmern trifft, ein Haufen von aktiven Neonazis – also wirklich Nationalsozialisten“. Diese wollten eine legale, unverbietbare Organisationsplattform bekommen. Ein Vorgang, der auch in vielen anderen Landesverbänden zu beobachten war.

Ein Großteil dieser Leute sei „tatsächlich so gepolt, dass sie dem historischen Nationalsozialismus“ anhängen. Beispielsweise habe ein wichtiger Kader gegenüber Försterling betont, er „steht zum Führer“. Doch das „nationalsozialistische Weltbild“ wolle die NPD nicht nach außen tragen. „Alles was die Partei öffentlich von sich gibt, ist nur die Light-Version“, erklärt Försterling. „Das ist bezeichnend für die NPD.“

„Ich will, dass es allen Menschen gut geht“

Nach mehr als fünf Jahren hat er schließlich genug. Mit der stets propagierten „Kameradschaft“ sei es in der Szene nicht weit her gewesen: „Echte Kameradschaft“ habe es nicht gegeben. Eine Erfahrung, über die auch andere Aussteiger übereinstimmend berichten. Försterling beschreibt dies so: „Kameraden sind Leute, mit denen man politisch was macht. Aber nur auf Freunde kann man sich immer verlassen.“

Im Frühjahr 2008 zieht Försterling in den Ruhrpott, bewegt sich in den Kreisen der Dortmunder „Autonomen Nationalisten“. „Da hatte ich mit Holger H. zu tun, bei dem habe ich gewohnt.“ H. wurde aus der Szene rausgeschmissen, weil er beispielsweise bei Aufmärschen keine Ordner akzeptieren wollte, sondern alles eigenständig im „Schwarzen Block“ regeln wollte. H. habe sich daraufhin „nach und nach Kopfmäßig wegorientiert“. Försterling ging es ähnlich: „Ich wollte mit der Szene und dem Schwachsinn nichts mehr zu tun haben.“ Er selbst sah seine persönliche Position zuletzt „null“ in der Bewegung vertreten. „Das was ich möchte, als Veränderung in der Gesellschaft und in der Welt, stimmt nicht mit dem überein, was die rechte Szene möchte“, erklärt er. „Die rechte Szene möchte, dass es wenigen Leuten gut geht, ich möchte, dass es allen Leuten gut geht.“

Försterling steigt aus. Vor seiner Wohnungstür findet er eine abgetrennte Schweinepfote, dazu steht in einem Brief: „Die Antifa-Schweine von heute sind die Schinken von morgen.“ Trotz Drohungen wagt er den Schritt an die Öffentlichkeit – um gegen die Ewiggestrigen „vorzugehen“, so sagt der 23-Jährige, und auch, um die „eigene Vergangenheit aufzuarbeiten“.

Interview mit Frank Försterling: „Autonome Nationalisten“ werden die Skinheads ablösen

Siehe auch: Innenansichten aus der Neonaziszene: Ein Autonomer Nationalist steigt aus, Rückblick: Ein NPD-Aussteiger packt aus

Försterling glaubt, die "Autonomen Nationalisten" werden weiterhin eine große Rolle in der extrem rechten Bewegung spielen. (Foto: Marek Peters)
Försterling glaubt, die "Autonomen Nationalisten" werden weiterhin eine große Rolle in der extrem rechten Bewegung spielen. (Foto: Marek Peters)

13 thoughts on “Ein Neonazi steigt aus: „Ich will, dass es allen Menschen gut geht“

Comments are closed.