Die Republikaner entdecken den Antisemitismus für sich

Die Republikaner haben ein bundesweites Sofortprogramm gegen den Antisemitismus gefordert. Das von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble vor kurzem eingeführte „Expertenforum“ sei symbolpolitischer Aktionismus, der wesentliche Aspekte des Problems gezielt ausblende, kritisierte der Bundesvorsitzende der Republikaner Rolf Schlierer. Die fortdauernde Tabuisierung des sich ausbreitenden muslimischen Antisemitismus verhindere ein wirksames Vorgehen gegen antisemitische Tendenzen in unserem Land.

Im Folgenden sprechen die Reps ausschließlich von einem „importierten“ Antisemitismus und verschweigen damit geflissentlich, dass es bereits eine jahrhundertlange Tradition des Antisemitismus in Deutschland gibt, der einen bedeutenden Anteil am neuen Antisemitismus auch in der arabischen Welt hat. Heute kommt dieser Antisemitismus in Deutschland und international zumeist getarnt als Antizionismus sowie vollkommen unverhältnismäßige und grundsätzliche Kritik an Israel daher. Der wahnhafte Antisemitismus der extrem rechten Bewegung ist den Reps ebenfalls keine Silbe wert. Die Reps müssen sich daher den Vorwurf gefallen lassen, ähnlich wie andere islamfeindliche Rechtsradikale, die Antisemitismus-Karte ausschließlich zu spielen, um gegen muslimische Bürger Stimmung zu machen.

Aus einer Meldung von NPD-BLOG.INFO vom Mai 2009

Die Bundesregierung fördert vier Projekte, die sich besonders mit Antisemitismus bei jugendlichen Migranten auseinandersetzen. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung (16/12825) auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (16/11278) hervor. Träger der Projekte sind die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, das Anne Frank Zentrum, der Verein für Demokratische Kultur und das American Jewish Committee. Ziel der Initiativen sei es, Konzepte zu entwickeln, mit denen insbesondere Antisemitismus bei jungen muslimischen Migranten begegnet werden könne.

Im Focus der Initiative stehe auch die Aus- und Weiterbildung der Pädagogen, die mit dieser Zielgruppe arbeiten. Darüber hinaus werde seit Oktober 2008 ein Forschungsprojekt der Universität Bielefeld zu antisemitischen Einstellungen und Verhaltensweisen bei muslimischen Jugendlichen gefördert.

Zweifelsohne ist der Antisemitismus in der muslimischen Community ein riesiges Problem, doch wird dieses nicht dadurch kleiner, dass man verschiedene Formen der Menschenfeindlichkeit gegeneinander auszuspielen versucht.

Wahlkampfplakat der Reps
Wahlkampfplakat der Reps

Viel mehr  gilt es, gegen jede Form der Stereotypisierung und gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit vorzugehen. Beim Antisemitismus eine besonders mühselige Angelegenheit, da sich die meisten Antisemiten nie und nimmer als solche bezeichnen würden – sondern sich eher als mutige und kritische Geister gerieren.

Natan Sharansky über den Antisemitismus und legitime Kritik an der Politik des Staates Israel (Quelle: Hagalil)

Ich schlage den folgenden Test vor, um legitime Kritik an Israel von Antisemitismus zu unterscheiden. Der 3-D-Test, wie ich ihn nenne, ist kein neuer Test. Er wendet nur dieselben Kriterien auf den neuen Antisemitismus an, die auch seit Jahrhunderten die verschiedenen Dimensionen des klassischen Antisemitismus identifiziert haben.

Das erste D ist der Test auf Dämonisierung. Ob in der theologischen Form der Kollektivanklage wegen Theozid oder in der literarischen Darstellung von Shakespeares Shylock, die Juden wurden seit Jahrhunderten dämonisiert indem ihre Handlungen aus jeglichen normalen Proportionen gerissen wurden.

Zum Beispiel die Vergleiche von Israelis mit Nazis und der palästinensischen Flüchtlingslager mit Auschwitz – Vergleiche, die innerhalb der „aufgeklärten“ Viertel Europas praktisch jeden Tag zu hören sind – können nur als antisemitisch bezeichnet werden.

Bundestagswahlkampf 2009: "Freiheit für Palästina"
Bundestagswahlkampf 2009: "Freiheit für Palästina"

Diejenigen, die solche Vergleiche ziehen, wissen entweder überhaupt nichts über Nazideutschland oder, was wahrscheinlicher ist, versuchen bewußt das heutige Israel als Inbegriff des Bösen darzustellen.

Das zweite D ist der Test auf Doppelstandards. Seit tausenden von Jahren ist ein klares Zeichen von Antisemitismus, die Juden anders als andere Menschen zu behandeln, angefangen von den diskriminierenden Gesetzen, die viele Nationen gegen sie erlassen haben, bis hin zu der Neigung, ihr Verhalten mit einer anderen Messlatte zu messen.

Auf ähnliche Weise müssen wir heute fragen, ob die Kritik an Israel selektiv angewendet wird. Mit anderen Worten, erzeugt ähnliche Politik anderer Regierungen die gleiche Kritik, oder wird hier ein doppelter Standard eingesetzt?

Es ist zum Beispiel Antisemitismus, wenn Israel durch die Vereinten Nationen wegen Menschenrechtsverletzungen herausgepickt wird, während Länder wie China, Iran, Kuba und Syrien, die nachweislich wirklichen Mißbrauch treiben, ignoriert werden.

Ebenso ist es Antisemitismus, wenn Israels Magen David Adom als einzige Ambulanz-Organisation der Welt nicht zum Internationalen Roten Kreuz zugelassen wird.

Das dritte D ist der Test auf Delegitimierung. In der Vergangenheit haben Antisemiten versucht, die Legitimität der jüdischen Religion, des jüdischen Volkes, oder von beiden, zu negieren. Heute versuchen sie, die Legitimität des jüdischen Staates zu verneinen, indem sie ihn unter anderem als das letzte Überbleibsel des Kolonialismus darstellen.

Während die Kritik an israelischer Politik nicht antisemitisch sein muss, ist es immer antisemitisch, wenn das Existenzrecht Israels angezweifelt wird. Wenn andere Völker das Recht darauf haben, sicher in ihrem Heimatland zu leben, dann haben auch die jüdischen Menschen ein Recht darauf, sicher in ihrem Heimatland zu leben.

Um den 3-D-Test im Gedächtnis zu behalten schlage ich vor, dass wir uns an die 3-D Filme erinnern, die wir als Kinder gesehen haben. Ohne diese speziellen Brillen war der Film flach und verschwommen. Aber wenn wir unsere Brillen aufgesetzt hatten, wurde die Leinwand lebendig und wir haben alles in voller Schärfe gesehen.

Genauso verschwimmen die Linien zwischen legitimer Kritik an Israel und Antisemitismus, wenn wir nicht die richtige Brille aufhaben, und wir werden dieses uralte Übel nicht erkennen können, geschweige denn dagegen angehen.

 

Siehe auch:  Hexen, Juden und Kiffer – Wenn die Paranoia siegt, Acht Monate Antisemitismus-Resolution, acht Monate ist nichts passiert!, Weitere Iran-Debatten in der rechten Szene, Gegen Antisemitismus bei Migranten: Bund fördert vier Projekte, DER KRIEG GEGEN DIE JUDEN – Warum sich die globale Öffentlichkeit in der ökonomischen Krise gegen Israel wendet, Rostock: Anschlag auf jüdische Gemeinde, Finanzkrise als Nährboden für AntisemitismusAufruf Zusammen gegen den Al Quds-Tag – gegen antisemitische und antiisraelische Hetze, Antisemitismus: Yes, they can!, Darf man Israel in Deutschland kritisieren?,  Querfront: Vermeintliche Linke auf Abwegen , “Der Antisemit nimmt dem Juden nicht übel, wie er ist, sondern, dass er existiert” , Deutschland, Iran und die Linkspartei, Neonazis und soziale Themen: Ist das neu?, Antisemitische Hetze im NPD-Netztagebuch09/11, ZOG und “Judenpresse”: Wie baue ich eine Verschwörungstheorie?, Völkischer Antiimperialismus: Bei der NPD gut aufgehobenHessen: NPD-Funktionär möchte “alle Juden human erschießen”, Die UN und der Antisemitismus: Noch kein Abschlussdokument von Durban 2001“Protokoll der Weisen von Zion” in der UN-Vollversammlung

4 thoughts on “Die Republikaner entdecken den Antisemitismus für sich

  1. Derartiges musste ja früher oder später von den REPs – genau in dieser Form – kommen, nämlich mit der Unterschlagung des in Europa tradierten Antisemitismus. Dies zeichnete sich bei genauerer Beobachtung der Islamfeindlichen Szene schon länger ab.

    Lehrreich ist ja der Teil mit dem 3D-Test. Den könnte man entsprechend abgewandelt sicher auch anwenden, um Islamkritische Äußerungen auf plumpe Islamfeindlichkeit hin abzuklopfen.

  2. Bei dem 3D-Test muss ich widersprechen, vor allem beim Punkt „Doppelstandards“. Ich sehe es durchaus als sinnvoll an, andere Standars an demokratische Staaten (z.B. Israel) anzulegen als an nichtdemokratische Staaten wie z.B. Syrien. Und zwar einfach, weil Kritik ja in der Regel etwas bewegen will und das bei demokratischen Staaten eher zu erreichen ist.
    Außerdem sind (groß vereinfacht) „wir Demokraten“ es, die die Welt in Richtung Demokratie und Achtung vor den Menschenrechten bewegen wollen, während diktatorische Regime sich in der Regel damit begnügen, dass „der Westen“ ihnen nicht in die inneren Angelegenheiten quatschen soll. Nichts gegen Einmischung, aber dann sollte die sich einmischende Seite auch als Vorbild taugen.

  3. Ich musste die Erfahrung machen, dass wenn man sich für das Existenzrecht des Staates Israel ausspricht und die Zustände im Westjordanland und im Gazastreifen kritisiert trotzdem als Antizionist, als Antisemit und so gar als Nazi beschimpft wird.

    Der Staat Israel will sich doch wohl nicht mit einem Atemzug mit China, Iran, Kuba und Syrien genannt wissen, der Vergleich würde hinken, weil Israel in meinen Augen der einzige demokratische Staat im Nahen Osten ist.

    Deshalb steht der Staat Israel auch als Demokratie und mit der Geschichte des jüdischen Volkes als Vorbild für die Region.

    Genau dieser Verantwortung entzieht sich Israel aber momentan mit ihrer rechtsextremen, zionistischen, gewalttätigen und Menschen hassenden Regierung.

    Ich bin ein Optimist es wird einen Frieden im Nahen Osten geben, auch mit einem Staat Israel, was bleibt uns für eine andere Alternative?

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