Neonazi-Aufmarsch Hannover: 3000 protestieren gegen braunen Aufmarsch

In der linken Hand ein Handy, in der Rechten die Stange eines Transparents: Mit weit geöffneten Augen schaut der 16 Jahre alte Daniel Buchholz aus Bemerode kurz nach zehn Uhr auf das Geschehen auf dem Klagesmarkt in Hannover. Auf dem in bunten Buchstaben geschriebenen Text des Transparents ist zu lesen: „Pfadfinder gegen Fremdenfeindlichkeit“, und Daniel Buchholz ist einer von ihnen. “Wir finden es schlimm, dass diese braunen Gedanken heute noch verbreitet werden“, sagt er. Deshalb sind er und ein halbes Dutzend seiner Pfadfinderfreunde aus Hannover Kirchrode nach Hannover gekommen.

Von Stefan Schölermann NDRInfo

Sie sind die jüngsten, der rund 3000 Demonstranten die an diesem Morgen im Herzen Hannovers deutlich machen, dass ihnen der Aufmarsch von rund 200 Neonazis in Hannovers Südstadt unerwünscht ist. Aufgerufen zu diesem Protest hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund – doch der überlässt das Reden an diesem Morgen anderen:“ Wir brauchen keinen braunen Mob – weder in Niedersachsen, noch in Deutschland!“ Mit diesem Ausruf erhält der Präsident von Fußballbundesligist Hannover 96, Martin Kind an diesem Morgen den wohl lautesten Beifall auf dem Klagesmarkt. Ähnlich deutlich der Appell von Martin Tenge, Propst der katholischen Kirche in Hannover: „ Braune Soße darf in den Köpfen der Menschen keinen Platz finden. Hannover zeigt sich an diesem Morgen gründlich vorbereitet auf den angekündigten Demonstrationszug der rechtsextremen NPD. Rund 150 Organisationen tragen den Protest mit- entsprechend bunt ist das Fahnenmeer auf dem Klagesmarkt.

Während die meisten Redner sich für einen zwar lautstarken aber friedlichen Protest gegen die Neonazis in der Leinestadt aussprechen, will es ein Specher des linken Forums „Avanti“ nicht bei symbolischen Aktionen belassen. “Wir sehen es als unsere Pflicht an, Nazi-Aufmärsche zu blockieren,“ ruft er vom Lautsprecherwagen. Tatsächlich können die rund 200 Rechtsextremsten etwa zwei Stunden ungehindert durch die Straßen von Hannovers Südstadt marschieren. Sicherlich auch weil ein massives Polizeiaufgebot von rund 2000 Beamten die Rechtsextremisten und ihre Gegner auf Distanz hält. Bis auf kleinere Reibereien wurden bis zum Abend keine nennenswerten Zwischenfälle verzeichnet.

Für die aus ganz Norddeutschland angereisten Neonazis wird der Marsch dennoch zum Spießrutenlauf, denn auch die Bewohner der Südstadt sind vorbereitet.In vielen Fenstern hängen Plakate, die die Südstadt zur „ Nazi-Freien Zone“ erklären oder den Wunsch der Bewohner mit noch einfacheren Worten zum Ausdruck bringen: „Nazis raus.“ Die Rechtsextremisten um den Demonstrationsanmelder Adolf Dammann aus Stade und den berüchtigten Neonazi- Anwalt und NPD-Bundesvize, Jürgen Rieger plagt zudem noch eine andere Sorge: Die Polizei als Versammlungsbehörde hatte im Vorwege die zulässige Phonstärke des rechten Lautsprecherwagens begrenzt, was die Neonazis jetzt zwar zu wütenden Protesten bewegt, ihre Parolen aber in den engen Straßen der Südstadt und dem gellenden Pfeifkonzert der Anwohner beinahe untergehen läßt.

Dennoch sind vom Lautsprecherwagen Sätze zu hören, die nach Ansicht von Experten möglicherweise ein gerichtliches Nachspiel haben könnten. Zum Beispiel, als der Aktivist, der NPD-Nahwuchsorganisation JN, Lasse Krüger von „schmierigen und schmutzigen Ausländerbanden“ spricht. “Ich verstehe nicht, warum man diese Pöbel- NPD nicht verbietet“, quittiert ein Anwohner diesen Satz des NPD- Funktionärs.

Nichts wissen von einem NPD- Verbot will dagegen Hannovers Polizeipräsident Uwe Binias, der für die strikten Auflagen dieser Neonazi- Demo verantwortlich zeichnet. :““Ein Verbot der NPD würde der Polizei nicht weiterhelfen, denn sie hätte dann keinen klaren Gegner mehr“, sagt der Praktiker, der sich mit dem Verlauf des Tages insgesamt zufrieden zeigt:“ Wir haben erreicht, die NPD aus der Innenstadt herauszuhalten.“ Zufrieden mit dem Demo-Tag ist am Ende auch Pfadfinder Daniel Buchholz . “Mir haben die dunklen Gestalten der rechten Demo Angst gemacht“, sagt der Sechzehnjährige. Und dennoch will er wiederkommen, wenn die Rechten wieder marschieren wollen: “Sowas darf es nicht mehr geben.“

Siehe auch: Sturmfest und erdverwachsen? Die NPD will in Hannover aufmarschieren, NPD-Aufmarsch in Hannover: Gewaltbereitschaft befürchtet, aber nicht erwiesen, Signalwirkung: Verbot der Neonazi-Demo am 01. Mai in Hannover rechtskräftigWeitere Radikalisierung: Dammann neuer NPD-Chef in Niedersachsen, Linksfraktion fordert Verbot der “Kameradschaft 73 Celle”, Neonazi-Aufmarsch in Hannover bleibt verboten, Niedersachsen: Rechtsextreme orientieren sich neu

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