Die NPD und Hitlers „mehr als maßvolle“ Forderungen

Jürgen Rieger (re.) / T-Shirt-Aufdruck links: "Wir bleiben braun" (Quelle: Marek Peters)
Jürgen Rieger (re.) / T-Shirt-Aufdruck links: "Wir bleiben braun" (Quelle: Marek Peters)

70 Jahre nach dem Überfall Deutschlands auf Polen hat die extreme Rechte noch immer sehr an der Kriegsschuld zu knabbern – führende Strategen versuchen daher weiterhin, die Geschichte umzuschreiben, die Schuld zu  leugnen. Ganz vorne an der Front dabei: NPD-Vize Jürgen Rieger. Er lobt in einer Abhandlung mit dem Titel „Die Kriegsschuld-Lüge“ mehrmals den „Führer“, Adolf Hitler, für dessen realistische, maßvolle Außenpolitik – und erklärt das Deutsche Reich zudem als Opfer von Provokationen und Verleumdungen. 

So meint Rieger, Hitler habe „anders als die Westmächte – die Gefahr des bolschewistischen Sowjetrußlands realistisch“ eingeschätzt“. Hitlers Forderung, Danzig ans Deutsche Reich anzuschließen, bezeichnet Rieger als „mehr als maßvoll“. Doch, man ahnt es schon: Undank ist der Welten Lohn. Rieger weiter: „Gleichwohl stellten die Polen sich stur.“ Also wirklich, diese Polen. Nicht umsonst hetzt die NPD auch heute noch gegen die Nachbarn im Osten; „Die Partei mit dem Elefantengedächtnis“ wäre doch ein schöner Wahlslogan. 

„Es wurde nichts unterlassen, um Hitler zu provozieren“

Dann erläutert der NPD-Multifunktionär, warum der Anschluss Österreichs sowie der deutsche Einmarsch in der „Tschechei“ okay waren; eigentlich blieb dem armen Hitler nämlich gar nichts anderes übrig – zumindest wenn man Riegers Ausführungen glauben möchte – denn:

Es wurde nichts unterlassen, um Hitler zu provozieren. […] Es wurde das „Protektorat Böhmen und Mähren“ gebildet, das weitgehend tschechische Selbstverwaltung beinhaltete, bis auf Außenpolitik und die Frage einer eigenständigen Wehrmacht. Hitler wollte damit die Bedrohung, die von tschechischen Flugplätzen für zahlreiche große deutsche Städte und Industriegebiete ausging, ausschalten.

Einmal mehr äußerst maßvoll und weitsichtig, der Mann. Rieger stellt zudem fest: „Das Münchner Abkommen war durch Hitler also nicht gebrochen worden.“ Auch den Angriff auf die Sowjetunion kann Rieger erklären, wenn auch weniger originell: „Das Deutsche Reich ist mitten in einen russischen Offensivaufmarsch hineingestoßen.“

Und so geht es immer weiter: In London, New York und anderswo seien „deutschfeindliche“ Lügen verbreitet worden, Hitler habe reagieren müssen, undsoweiterundsofort. Die Leidensgeschichte des Adolf H. ist wirklich nur schwer zu ertragen. Genausowenig übrigens, wie der heutige Opfermythos der extremen Rechten. Ob Polizei, Juden, Kommunisten, Antifa, Medien oder gleich alle zusammen: die Neonazis werden verfolgt und drangsaliert, dass es nicht mehr feierlich ist. Kein Wunder, dass sie sich eben wehren müssen – wenn man so provoziert wird. Es ist ein Kreuz. Apropos Kreuz: In einer NPD-Handreichung für Kandidaten heißt es, man solle sich nicht auf das Thema Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg festnageln lassen. Warum? Das wird durch Riegers Text einmal mehr klar. Nirgendwo sonst wird die überragende Bedeutung der NS-Zeit auch für die heutige extreme Rechte so deutlich. Von Hitler und der NS-Zeit kommen sie nicht weg.

Streit um die richtige Strategie

Rieger macht sich im Gegensatz zu anderen Parteistrategen sogar dafür stark, die „Kriegsschuld-Lüge“ in den Mittelpunkt der eigenen Propaganda zu rücken. Denn, wenn es nicht gelinge

die deutsche Jugend wieder selbstbewusst und stolz zu machen, wird sie auch weiterhin jeglicher ausländischen Anmaßung, der Ausplünderung unserer Sozialkassen durch Einwanderer, dem Verschleudern unseres Geldes an internationale Banken und ausländische Organisationen und Staaten keinen Einhalt gebieten.

Hier verläuft der strategische Graben zwischen Rieger und anderen NPD-Funktionären, die ihr Eigenheim noch nicht abbezahlt haben. Die werden nämlich einen Teufel tun und im Wahlkampf auf der „Kriegsschuld-Lüge“ herumreiten. Obwohl das vielleicht bei gar nicht so wenigen Leuten auch noch gut ankommen würde…

Siehe auch: NPD-Vize schäumt vor Wut: Rieger nicht als Versammlungsleiter zugelassen, NPD-Spitzenfunktionäre wollen KdF-Museum gründen / Szeneinterne Kritik, “Die Reihen fest geschlossen” – Anatomie der Hamburger NPD und ihres Umfeldes, Wahl der Stellvertreter: NPD-Chef Voigt bringt Kandidaten durch, Neonazi-Anwalt Rieger und die NPD: Von Krediten und Einfluss in der Partei, NPD-Vize Rieger entwaffnet, Spekulationen über Riegers Kaufabsichten und Tietjens Erbe, “Die nordische Rasse ist objektiv”, Bayern: Rieger will angeblich “Heß-Gedenkverein” gründen, NPD feiert Putins Wahlsieg, Hamburg: Rieger übernimmt Landesvorsitz der NPD

7 thoughts on “Die NPD und Hitlers „mehr als maßvolle“ Forderungen

  1. „NPD – Die Partei mit dem Elefantengedächtnis“ :-) :-) :-) :-)

    Ich schmeiß mich weg….

    Nach Toiletten-Voigt und Küchen-Kemna endlich wieder ein echter Kalauer!

    Und noch so einer:
    „Die Leidensgeschichte des Adolf H. ist wirklich nur schwer zu ertragen.“

    Entweder habe ich versehentlich etwas inhaliert, oder dieser Text ist gesteigert unterhaltsam :-)

    Danke, freut mich, wenns gefällt!

  2. Rieger zeigt mit seinem Gefasel, dass Nazis wenig Empathie besitzen. Mit einem egomanischem Selbstverständnis darf man also in andere Länder einmarschieren, ohne Rücksicht auf Verluste. Es könnte ja sein, dass sie gegen uns sind, also gehen wir gegen sie vor. Tolle Logik und so einfach. Danach darf man also jeden in die Fresse schlagen, wenn der vor mir ein Glas Wasser zu sicht nimmt – er könnte mich ja damit bespucken…
    Lustigerweise kritisieren sie diese Art von Politik bei den Amerikanern hinsichtlich Irak. Da isses böse. Komisch…

    Und immer wieder reden sie von Hitler und Co. und zeigen damit, wo sie selber hin wollen bzw. wie sie Deutschland für sich definieren. Lustig…

    Es gibt wohl einige Historiker, wohl auch jenseits der Revisionistengilde, die behaupten, Stalin wollte angeblich angreifen. Ok, warum auch nicht. Diktatoren mögen sowas wohl. Und er hätte damit im Westen Sympathien geerntet. Er hätte wohl leichte Probleme bekommen, da seine Armeen in keinen guten Zustand waren. Taktisch wie ausrüstungstechnisch war die rote Armee eher wenig geeignet um zu diesem Zeitpunkt einen Amgriffskrieg erfolgreich zu führen. Man hat ja mal gerade so Finnland in Schach halten können. Lustigerweise hatte aber der deutsche Nachrichtendienst keinerlei Anhaltspunkte dafür das Stalin sowas plant, so dass die deutsche Führung komplett ahnungslos gewesen wäre. Die planten ja selber einen Angriffskrieg. Insofern wäre die Präventivkriegstheorie eh komplett irrelevant. Wenn ich nicht weiß, was jemand vorhat, kann ich ihn nicht zuvorkommen. Zufall halt…wiegesagt, wenn es so gewesen wäre, darüber wird wohl noch gestritten in entsprechenden Kreisen.
    Ändert aber auch nichts daran, dass Hitler und Co. komplett Bockmist verzapft haben in jedweder Hinsicht und das zu Lasten Deutschlands. Das kann man auch nicht relativieren.

    Ach ja, warum hätten die Polen eigentlich Hitlers Wunsch nach Danzig nachgeben sollen? Sie wussten, dass Hitler keine Zusagen eingehalten hatte. Nach Österreich sollte es keine weiteren territorialen Forderungen geben. Wurde nicht eingehalten. Nach Einmarsch ins Sudetenland sollte es nichts weiteres geben, so die Aussage. Wurde nicht eingehalten.
    Und allein die Tatsache, dass Deutschland Polen ohne gültige Kriegserklärung attackiert hatte, spricht wohl auch Bände. Hmm, und da war dann noch die ultimativ kranke Besatzungspolitik der „Herrenmenschen“. Wie man es dreht und wendet, es wird nicht besser.

    Aber sicherlich wird das Rieger und Co. anders sehen…:-D

    Mit freundlichen Grüßen
    Olli

  3. @Oli:

    „Und allein die Tatsache, dass Deutschland Polen ohne gültige Kriegserklärung attackiert hatte, spricht wohl auch Bände“

    Mensch, die Polen haben doch als erste angegriffen, das weiß man doch – sie wollten aus Gleiwitz ein Vernichtungslager für Arier machen oder so ähnlich…^^

  4. Die Nazilogik scheint nicht zu funktionieren, denn wenn Lügen aus dem Westen kommen, wird bei Hitler und Riga anscheinend der Osten angegeriffen und nicht der Westen.

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