„Es ist unverständlich, warum das „Fest der Völker“ ungestört über die Bühne gehen kann“

Christian Dornbusch und Jan Raabe sind anerkannte Experten im Bereich Rechtsrock. Gemeinsam haben sie beispielsweise das Buch „RechtsRock — made in Thüringen“ geschrieben. Für AKRÜTZEL haben sie einige Fragen über den Hintergrund des „Fest der Völker“ beantwortet. NPD-BLOG.INFO dokumentiert dieses Interview mit freundlicher Genehmigung. Weitere Informationen zu Gegenaktionen gibt es auf der Seite „Nazifeste verhindern!„.

Warum etablierte sich so ein Nazimusikfestival unter dem Namen „Fest der Völker“ in Thüringen  – und kann schon zum vierten Mal stattfinden?

Ein solches Festival kann sich dann etablieren, wenn einerseits das Programm so gut ist, dass es genug Teilnehmer anlockt, damit sich das Event politisch und finanziell rechnet. In diese Rechnung müssen auch die Gegenaktionen einbezogen werden. Es kommen weniger Besucher, wenn im Vorhinein nicht sicher ist, ob das Festival überhaupt durchgeführt werden kann oder ob es nicht doch noch untersagt wird, und es kommen weniger, wenn es vor Ort starke Gegenaktivitäten wie beispielsweise Blockaden der Zivilgesellschaft gibt – das vermiest den Leuten schon ein wenig das Fest. 

Trotzdem findet das „Fest der Völker“ nach wie vor statt.

Es ist so, dass es bisher immer noch passte für die Besucher, was wohl auch an der internationalen Ausrichtung liegt und den Versuchen der Veranstalter, ein vielfältiges Programm zu bieten. Aus unserer Perspektive ist allerdings unverständlich, warum das Fest stets ungestört von Seiten der Behörden über die Bühne gehen kann. Die Rede von Jürgen Rieger im letzten Jahr, in der er offen Hitler und den Nationalsozialismus verherrlichte, war unerträglich! Aber vielleicht ist es der Polizei bei einer solchen Teilnehmerzahl auch zu riskant einzuschreiten – das wäre aber ein Armutszeugnis für unsere Demokratie. 

Die Mischung aus Wahlkampf und Event – aus Reden und Konzerten – stellt das eine neue Qualität am rechten Rand dar?

Ganz neu ist das nicht, aber es ist ein Phänomen, das sich erst in den letzten zehn Jahren entwickelt hat. Die neue Qualität liegt in der Zahl der mobilisierten Anhänger, welche bei solchen Events oftmals weit über der von anderen Veranstaltungen liegt, also im Vergleich beispielsweise zu Aufmärschen.

Nach dem Großereignis in Gera mit über 4.000 Nazis beim „Rock für Deutschland“ – was meinen Sie, wieviele Neonazis zum „Fest der Völker“ kommen?

Das ist schwer zu sagen, wir denken, es wird sich im Rahmen der Vorjahre bewegen. Aus der Bandauswahl lässt sich noch nicht rückschließen, wie es in Gera mit der Ankündigung der „Lunikoff Verschwörung“ der Fall war, ob es dieses Jahr wesentlich mehr werden als in den vergangenen Jahren. „Rotte Charlotte“ und „Eternal Bleeding“, die dieses Jahr als deutsche Bands auf dem FdV auftreten sollen, sind in der Szene beliebt, ebenso wie die „Verszerzödes“ aus Ungarn, „Preserve White Aryans“ (PWA) aus Estland und „Brigada 1238“ aus Spanien, doch, wie gesagt, an die Beliebtheit von „Lunikoff“ reichen sie nicht heran. 

Flyer gegen das "Fest der Völker". Weitere Infos: http://www.aktionsnetzwerk.de/nazifeste-verhindern/
Flyer gegen das "Fest der Völker". Weitere Infos: http://www.aktionsnetzwerk.de/nazifeste-verhindern/

Verliert das FdV in Thüringen innerhalb der Szene an Bedeutung?

Wir glauben nicht, dass das FdV an Bedeutung verliert. Es konnte sich in Thüringen, wenn auch mit Schwierigkeiten, in den letzten Jahren etablieren – sicherlich nicht so gut wie das „Rock für Deutschland“, da den Veranstaltern des FdV stark von Seiten der Zivilgesellschaft entgegengetreten wurde. Das erschwert es den Neonazis, derartige Festivals durchzuführen. 

Warum wird von Staatsseiten ein solches Festival nicht einfach verboten?

Unseres Erachtens sehen die zuständigen Stellen nicht die Punkte, die gegebenenfalls für ein Verbot herhalten können. Doch das lässt sich vielleicht auch sehr leicht sagen. Die rechtlichen Anforderungen für ein Verbot sind hoch. Da müssen die Ordnungsbehörden wirklich sehr gründlich und innovativ sein, um die zu erfüllen, und zwar so, dass sie dann vor Gericht, das in der Regel letztlich über ein Verbot entscheidet, Bestand haben. Die Gerichte siedeln die freie Meinungsäußerung sehr hoch an. Und es darf nicht vergessen werden, dass es sich beim FdV nicht um ein Rock-Konzert handelt, sondern um eine politische Veranstaltung, der auf Basis des Grundgesetzes auch ein besonderer Schutz zukommt. 

Lockt das FdV auch neuere, aber deswegen nicht harmlosere Gruppierungen wie die Autonomen Nationalisten nach Thüringen?

Schon im letzten Jahr waren viele Teilnehmer des FdV keine klassischen Skinheads mehr, sondern ähnelten auf den ersten Blick Teilen des linksalternativen Spektrums. Dieser neue Style darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei diesen Personen um Neonazis handelt, egal was sie an Kleidung tragen. Dass erst das FdV diesen Style in Thüringen bekannt gemacht hat, glauben wir nicht. Die so genannten „Autonomen Nationalisten“ sind derzeit eine modische Erscheinungsform des neonazistischen Spektrums, deren Existenz und Auftreten sich in den letzten Jahren verbreitet hat. 

Werden auch Bands aus dem verbotenen „Blood & Honour“-Netzwerk auftreten? 

Immer wieder spielen auf dem FdV Bands, die häufig in ihren Ländern mit dem „Blood & Honour“-Netzwerk in Verbindung stehen, das in Deutschland verboten ist. Dabei geht es aber unserer Einschätzung nach weniger darum, mittels des FdV in Deutschland das B&H-Netzwerk weiterzuführen, sondern das sind einfach die Bands, die die Veranstalter gerne sehen möchten, nicht zuletzt weil sich diese Bands unverblümt zum Nationalsozialismus bekennen. Und solche finden sich international eben unter dem Dach von „Blood & Honour“ zusammen. Dass sie in der BRD bei den Events der NPD auftreten, zeigt nicht mehr und nicht weniger als den politischen Standpunkt der NPD. 

Euer eigenes Statement zum Fest der Völker 2009?

Altenburg 2008 sollte all jenen zum Vorbild dienen, die sich dieses Jahr aufmachen, gegen das FdV zu protestieren. Auch wenn das Festival letztes Jahr  stattfinden konnte, zeigte die breite Gegenmobilisierung doch auch Erfolge. Zu hoffen ist, dass sich dieses Jahr noch einmal mehr Menschen an den Protesten beteiligen werden als 2008. Irgendwann, wenn es zu viele sind, dann ist es für die Neonazis auch nicht mehr möglich, zu ihrem Hetzival durchzukommen. Und je lauter die Gegenproteste sind, desto mehr werden sie vernommen und desto weniger klingen dann die Töne der politischen Hetzer durch die Stadt! 

Das Gespräch führten Kersten Kottnik und Norman Beberhold

Das “Fest der Völker” findet nach 2005, 2007 und 2008 nun zum vierten Mal statt. 2006 wurde es verboten, da wegen der WM offenbar zu wenig Polizeikräfte zur Verfügung standen.

Das “Fest der Völker” ist ein europaweites Treffen von Neonazis, das nach dem ersten Teil des Olympiafilms von Leni Riefenstahl benannt ist. Für NPD und andere völkische Organisationen handelt es sich um ein extrem wichtiges Treffen, um die internationalen Kontakte zu pflegen und auszubauen. Der innenpolitische Sprecher der Linken im Thüringer Landtag, Roland Hahnemann, bezeichnete die Großveranstaltung als eines der wichtigsten Vernetzungstreffen der europäischen Neonazi-Szene.

Alle Meldungen aus der Kategorie Rechtsrock.

Weitere Informationen: 4000 Neonazis beim “Rock für Deutschland”: “Ich bin stolz, ein Nazi zu sein”, 4000 Neonazis bei NPD-Veranstaltung: “Das ‘Rock für Deutschland’ ist eine echte Konstante”, Klaus J. Bade: “Tausendjährige deutsche Kultur ist eine völkische Fiktion”, Regierung sieht keine enge Zusammenarbeit der NPD mit ausländischen Rechtsextremisten, Handbuch für die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus: Es kommt auf die Kommune an!, “Thüringentag der nationalen Jugend”: “Schulterschluss” des Arnstädter Bürgermeisters mit Neonazis, Neonazistisches “Fest der Völker” am 12. September in Pößneck geplant

9 thoughts on “„Es ist unverständlich, warum das „Fest der Völker“ ungestört über die Bühne gehen kann“

  1. Das „Fest der Völker“ der NPD kann abgehalten werden, da der BGH es so möchte … Zumindest dessen Urteil zu „Blood & Honour“ nach zu folgern.

    Wenn man dieses rassistische NS-Fest plötzlich verbieten würde, könnte man ja Fragen stellen, warum dies jetzt erst geschieht – und solchen Fragen möchte man sicherlich aus dem Weg gehen.

    Fakt ist: Die Unterstützungen durch die Versammlungsbehörden, das BfV, das Thüringer Innenministerium usw. für diese Ku Klux Klan- und „Blood & Honour“-Konzerte in Thüringen sind GESPENSTISCH! – ALLE Stellen wissen und wußten im Vorfeld, WER auftritt und welches rassistisches, „nordisches“, „völkisches“ und Gewaltverherrlichende NS-Gedankengut in die Jugend gebrüllt werden kann und konnte!

    … Und da tritt in Sachsen-Anhalt der Kinderpornojäger zurück, weil die Zustände „Unhaltbar“ sind..!? – Die sind auch in den gedulteten thüringschen NS-Zuständen unhaltbar … dort in den deutschen „Südstaaten“. :(

  2. Ich verstehe es nicht…

    Da liefern doch die Nazis selber zu Hauf Gründe per Youtube, warum so ein Fest definitiv verboten gehört und die Behörden machen nichts?

    Haben die noch nicht die Videos von Lunikoff gesehen mit den aberdutzenden Hitlergrüßen?

    Kann man solche Veranstaltungen nicht von vornherein verbieten, weil die Gefahr besteht, dass dort eine Unmenge an Straftaten begangen wird?

    Ich kann nur noch mit dem Kopf schütteln…

  3. ich möchte kurz von der Kampagnenseite (nazifeste-verhindern) dazu zitieren, normalerweise kommen solche Verbote eben nicht durch:

    „Verbot des FdV? Unwahrscheinlich!

    Donnerstag, den 03. September 2009 um 22:21 Uhr

    Heute hat das Landratsamt in Pößneck das Nazifest am 12.9. verboten. Es ist jedoch nicht damit zu rechnen, dass die Verbotsverfügung vor dem Gericht in Gera Bestand hat – die Rechtssprechung in den vergangenen Jahren war eindeutig, entsprechende Verbote der Stadt Jena wurden aufgehoben, das Rechtsrockfest richterlich gestattet. Insofern ist das Verbot eher als politisches Zeichen zu betrachten – wir vertrauen nicht darauf und bereiten uns weiter vor: So lange Nazifeste legal sind, ist unser Widerstand legitim!“

Comments are closed.