Hintergrund: NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“

Der 22-jährige Neonazi, der in Baden-Württemberg unter Verdacht steht, Anschläge vorbereitet zu haben, ist „Stützpunktleiter“ der „Jungen Nationaldemokraten“. Die im Jahr 1969 gegründeten JN gelten als besonders radikal und stellen die Schnittstelle zu den Neonazi-Subkulturen dar. Ihren Sitz hat die Organisation in Sachsen-Anhalt, so wie sämtliche wichtige NPD-Parteieinrichtungen mittlerweile in den neuen Bundesländern angesiedelt sind.

Von Patrick Gensing

Die JN gelten – genau wie die NPD – als „unverbietbare“ Organisation – und bieten Neonazis so die Möglichkeit, eine sichere Organisationsform mit festen Rahmen zu nutzen.

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Bei den „Jungen Nationaldemokraten“ wurde bereits mehrfach darüber diskutiert, den Namen in „Junge Nationalisten“ zu ändern, sie stellen „die einzige nationalistische Jugendorganisation dieser Art“ dar, allerdings liegen ihre Schwerpunkte eindeutig in Ost- und Süddeutschland. Ihre Kampagnenfähigkeit ist wie bei fast allen extrem rechten Organisationen entscheidend von örtlichen Kadern abhängig. Die JN haben bundesweit rund 400 Mitglieder, ihre führenden Kader verstehen sich zumeist als geschulte, extrem ideologisierte politische Soldaten, die der NPD neuen Schwung bringen müssten. Sie definieren sich klar als nationalrevolutionär und nationalsozialistisch.

In der Organisation hatte auch die Neuausrichtung der NPD in den 1990er Jahren ihren Ursprung, nun wollen die Nachwuchs-Neonazis die Partei noch weiter radikalisieren – und für neue Aktionsformen und Neonazi-Subkulturen öffnen. Und während die Mutterpartei zumeist recht bemüht gegenüber Journalisten auftritt, lehnen die JN schroff jegliche Auskunft gegenüber „Systemjournalisten“ ab.

„Völkisch im Kulturellen“

In einer Rede sagte JN-Chef Schäfer, ein Student der Politikwissenschaft aus Sachsen-Anhalt, zu seinen Zielen:

Die JN sind die einzige nationalistische Jugendorganisation dieser Art in unserem Land und sie sind bundesweit organisiert. Dies müssen wir nutzen, um die Jugend in unserem Land zu erreichen und zu formen. Wir haben klare Grundsätze und wollen sie in die deutsche Jugend tragen. Wir stehen für einen modernen Nationalismus, frei von chauvinistischen Anfällen, und sehen in der Freiheit unseres Volkes das höchste Ziel. Wir wollen einen Nationalismus aufzeigen und vorleben, der sozialistisch ist im Wirtschaftlichen, national im Staatlichen, völkisch im Kulturellen und freiheitlich im Denken.

Der blick nach rechts berichtete, ein Strategie- und Diskussionspapier in der Ausgabe des „Aktivist“, des Zentralen Mitgliederorgans der Jungen Nationaldemokraten (JN), ließ im März 2009 aufhorchen. Autoren des Papiers waren nach einem Bericht des blick nach rechts der JN-Bundesvorsitzende Michael Schäfer und der für Schulung und Propaganda zuständige Beisitzer im JN-Bundesvorstand, Matthias Gärtner. Und das Papier ließ durchaus den Schluss zu, dass die JN sich zu einer elitären Denkfabrik entwickeln sollen, die sich zudem an die Spitze einer “Volksfront von Rechts” stellen und aus dieser Volksfront heraus eine Art neuer SA aufbauen wollen.

Vor zwei Jahren hieß es in einem Strategiepapier der JN:

Revolutionär ist ideologischer und nicht bewaffneter Kampf. Voraussetzung für das Beschreiten des revolutionären Weges ist ein geschärftes politisches Bewußtsein unserer Mitstreiter. […] Die Konsequenz daraus heißt nun logischerweise, daß man dieses System nicht reformieren kann, sondern beseitigt und durch etwas Neues ersetzt werden muß. […] Ist das Bewußtsein der aktiven nationalistischen Kampfgefährtinnen und Kampfgefährten dahingehend ausgerichtet, geht es im nächsten Schritt darum, das Bewußtsein möglichst vieler Menschen in diese Richtung zu schärfen. In Verbindung mit der zunehmenden Verschärfung der sozialen Frage wird die Revolution wahrscheinlich und die Chance für eine revolutionäre Kampfpartei wird zunehmen. Dann wird der organisierte Nationalismus vom Objekt zum Subjekt der Politik, vom Verteidiger zum Angreifer!

Noch deutlicher wurde das Neonazi-Video-Projekt „Volksfront Medien“ aus Hessen – betrieben von Leuten, die ebenfalls enge Kontakte zur NPD hatten. Einer der Macher, Kevin S., schlug im vergangenen Sommer mit einer Glasflasche auf den Kopf einer schlafenden 13-Jährige ein – weil sie an einem Zeltlager der Linksjugend teilgenommen hatte. In einem Video von VM hieß es:

Aus dem Video “Deutscher, Augen auf! Du bist im Krieg!”
Deutscher, Augen auf, du bist im Krieg! Das System fördert und unterstützt Homosexuelle, die bekommen keine Kinder. Das System fördert nichtrassige Ehen, denn die bekommen auch keine deutschen Kinder … Abtreibung, denn da werden deutsche Kinder ermordert […] das System verblödet unsere Kinder schon im Kindergarten und in der Schule […] antifamiliäre Subkulturen […] gleichgeschaltete Medien […] dem einzigen, dem deutsche Kinder im Weg stehen, das sind die Auserwählten*, diese ‘One-World-Fetischisten’, die uns schon so oft, zum letzten Mal am 24.3.33 im ‘Daily Express’** den Krieg erklärt haben. Letzte Bomben fielen zwar 45, aber ihr Krieg, der geht weiter […] dieser Krieg wird für sie erst zu Ende sein, wenn der letzte Tropfen ‘reinen Blutes’ aller Völker verflossen ist. Sie die Weltherrschaft erhalten […] Augen auf, du bist im Krieg … wird es auch zu deiner Pflicht, das System hat dir den Krieg erklärt, es wird Zeit, darauf zu antworten…

“Taktik im Stile von Hitlers SA-Terror”

Auch beim NPD-Bundesparteitag in Berlin war es nach NDR-Recherchen der JN-Vorsitzende Schäfer, der dem von NPD-Chef Udo Voigt propagierten “Kampf um die Straße” eine neue Dimension gab. Unter Ausschluss der Presse brachte Schäfer nach Angaben aus Teilnehmerkreisen ein neues “Aktionsmodell” für den braunen Nachwuchs ein. Er wünsche sich die NPD als einen Wahlverein, der ein bürgerliches Image wahre und sich an das entsprechende Klientel wende. Seine Nachwuchsorganisation JN dagegen soll sich nach Vorstellungen Schäfers in Zusammenarbeit mit den als besonders gewaltbereit geltenden “Freien Kameradschaften” der “Ausländerkieze” und der “Kieze der Linken” in den Großstädten widmen. Diese wolle man handgreiflich “knacken”, schlug Schäfer demnach unter Beifall der Delegierten vor. Sitzungsteilnehmer bewerteten dies als eine neue “Taktik im Stile von Hitlers SA-Terror”.

NPD Schulhof-CD (Quelle: OireSzene)
Mit der NPD-Schulhof-CD sollen Jugendliche an die Partei herangeführt werden. (Quelle: OireSzene)

Nicht umsonst gehen die Ermittler in Baden-Württemberg davon aus, dass der JN-Stützpunktleiter mit seinen Chemikalien und Waffen möglicherweise Anschläge auf Antifaschisten geplant hatte.

Siehe auch: Haftbefehl gegen JN-Funktionär: Anschläge auf Antifas geplant?, Festnahme von JN-Mitglied: Pläne für größeren Bombenanschlag? , Die NPD und die Gewalt: JN-Chef Schäfer propagiert offenbar neue SA

5 thoughts on “Hintergrund: NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“

  1. Man sollte noch einmal deutlich sagen:

    „Die Auserwählten*, diese ‘One-World-Fetischisten’, die uns schon so oft, zum letzten Mal am 24.3.33 im ‘Daily Express’** den Krieg erklärt haben“ sind die Juden, denen hier und immer wieder der alte Nazi-Hass inklusive Vernichtungsfantasien entgegen schlägt. Die zahlreichen Paralellen zur NSDAP und SA sind bemerkenswert und erschreckend zugleich. Die (nicht nur verbale) Hinwendung zum allem Militärischen sagt ein übriges, was die Nazis nach einer Machtübernahme planen.

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