Streit um Neonazi-Zentrum in Faßberg: Rieger unter Zugzwang

Auf dem Dach des heruntergekommen Landhauses „Gerhus“ weht die Reichsfahne, auf Transparenten am Gebäude haben die Neonazis ihre Parolen festgeschrieben: „Nationaler Sozialismus jetzt“ ist dort zu lesen. Vor allem einen Satz fürchten die Menschen der Region, den die Neonazis dort auf ein Transparent gesprüht haben: „Wir sind gekommen, um zu bleiben!“

Von Stefan Schölermann, NDR Info

Deshalb haben sie sich heute gleich gegenüber dem Landhaus auf den Stoppeln eines abgeernteten Maifeldes zu einer Mahnwache versammelt: 350 Menschen, die ihren Protest gegen den „braunen Schandfleck“ in ihrer Region zum Ausdruck bringen wollen. Seit über einer Woche kommen sie Tag für Tag in den Mittagsstunden hierher. Erst waren es 20, dann 60, am vergangenen Freitag waren es 120, am Sonntagmittag sind es 350 Bürger aus der Region. “Wir dürfen es nicht allein den Behörden überlassen gegen die Neonazis vorzugehen. Deshalb werden wir jeden Tag wiederkommen, bis sie weg sind“, sagt die Initiatorin der Veranstaltung, Anna Länder.

Als Altersgruppen sind dabei, Väter mit ihren Kindern, Jugendliche – eine ältere Dame hat sich ein Pappschild umgehängt: „Friedliche Krieger gegen Rieger“ ist da zu lesen. Die Dame heißt Barbara Wedau. Sie weiß genau, wer der Urheber des Menetekels auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist. Es ist der Hamburger Neonazi- Anwalt Jürgen Rieger. Er hat angeblich einen Pachtvertrag für das rund drei Hektar große Hotel Areal unterschrieben und seine braunen Freunde vor zwei Wochen in das Haus gelotst.

„Verwirrte Volksgenossen“

Jetzt hausen in der Schrottimmobilie Riegers Gesinnungsgenossen vom Schlage eines Dennis Bührig. Der Neonazi ist Kameradschaftsanführer der berüchtigten Gruppierung „Celle 73“, die sich nach dem Namen einer SA-Abteilung des „Dritten Reiches“ benannt hat. Bührig macht an diesem Tag keinen Hehl aus seiner Gesinnung. Drohend baut er sich auf der gegenüber liegenden Straßenseite auf und brüllt den Demonstranten entgegen, sie seien „verwirrte Volksgenossen“. In die Reportermikrofone spricht er dann: „Ich bin Nationaler Sozialist. Mehr darf ich dazu nicht sagen, dass ist unter diesem Regime verboten.“

Rieger seit Jahren in der Region aktiv

Es ist nicht das erste mal, dass der Neonazi-Anwalt Rieger versucht, sich in der Region zu etablieren. In den neunziger Jahren unterhielt er im nahen Hetendorf sein rassistisches „Heideheim“. “Damals wurden unsere Kirchen mit Hakenkreuz-Abzeichen beklebt“ erinnert sich Pastor Wilfried Manneke aus der Nachbargemeinde Unterlüß. Viele der Neonazis, die jetzt im Landhaus „Gerhus“ hausen, kennt er persönlich: „Da ist einer dabei, der hat noch vor kurzen bei uns im Fanfarenchor gespielt“, sagt der Geistliche.

Die Hoffnung, dass Rieger das Feld von selbst wieder räumen könnte ist offenkundig vergebens. Niedersachsens Verfassungsschutz gehe davon aus, dass der vermögende Neonazi-Anwalt es diesmal ernst meine, sagt Verfassungsschutz-Sprecherin Maren Brandenburger. Allerdings sei Rieger unter Zugzwang. Schon oft hatte er vollmundig den Erwerb von Immobilien in Niedersachsen als Treffpunkt für die Szene angekündigt. Doch die meisten Ankündigungen erweisen sich als teure Fehlschläge, bei denen Rieger hunderttausende Euro nuztlos verschleuderte. Sein spektakulärster Misserfolg war der Erwerb des Heisenhofes in Dörverden, den er bis heute nicht nutzen darf und der möglicherweise von Räumbaggern im Behördenauftrag niedergerissen wird – auf Riegers Kosten. Szenekenner gehen außerdem davon aus, dass Rieger seine Gesinnungsgenossen schon bald aus dem Landhaus „Gerhus“ wieder hinaus komplimentieren wird, wenn er es endgültig in Händen halten sollte, um Platz zu schaffen für ein ganz anderes Klientel: seine so genannte “Artgemeinschaft“. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein fanatischer Klub, der von der Aufzucht „rassereiner Germanen“ träumt. Mit denen wolle Rieger quasi auf seinem Alterssitz aus dem Met-Horn trinken, heißt es in Sicherheitskreisen.

Urteil am Dienstag

Vielleicht aber sind Riegers Faßberg-Träume schon am Dienstagvormittag Vergangenheit. Das Landgericht in Lüneburg hat zu entscheiden, ob die Neonazis das Gelände räumen müssen.

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