“Die Judenverfolgung ist nicht ausreichend erforscht”

Der Berliner Historiker Michael Wildt hat mit der Zeit über Forschungslücken zur NS-Zeit gesprochen. Dabei ging es unter anderem um die Ausdünnung der Professuren an Berliner Unis zu diesem Thema. Dazu Wildt: „In der Tat gab es noch vor einigen Jahren fünf Professuren: Reinhard Rürup an der Technischen Universität, Ludolf Herbst an der Humboldt-Uni, Peter Steinbach an der Gedenkstätte deutscher Widerstand, Wolfgang Wippermann an der Freien Universität und Wolfgang Benz am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU. Wenn Benz im Herbst emeritiert wird, gibt es nur noch Wippermann und mich. Bei der Neubesetzung von Professuren spielt eine Rolle, dass sich das Interesse auf die Zeit nach 1945 verlagert. In der neuen Historikergeneration ist das Drängende in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus einer distanzierten Haltung gewichen.“

Dabei sei noch längst nicht alles untersucht, so Wildt. „Ein großes Feld, dessen Erforschung am Anfang steht, ist die Mitwirkung der einheimischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten Europas bei der Ausplünderung und Ermordung der Juden. Die Deutschen hätten ohne die Teilnahme und Unterstützung der Einheimischen weder die Besatzung aufrechterhalten noch die Judenmorde verwirklichen können. Ob freiwillig oder erzwungen – diese Formen der Kollaboration müssen jetzt erforscht werden. Das ist ein Teil europäischer Geschichte.“

Dabei müsse aber klar sein, betont Wildt: „Die deutsche Eigenverantwortung darf nicht relativiert werden. Das muss ich als deutscher Historiker auch deutlich machen. Dann sind gemeinsame Projekte mit Wissenschaftlern und Studierenden in Osteuropa möglich.“

Biografien rekonstruieren

Auch die Ausgrenzung, die Verfolgung der Juden und die Verbrechen an anderen seien keineswegs erschöpfend erforscht, so Wildt weiter. „Beispielsweise wissen wir sehr wenig darüber, wer die Berliner Juden waren, die nach Minsk verschleppt worden sind. Diese Biografien zu rekonstruieren, wäre eine sehr spannende Geschichte für ein studentisches Projekt.“

Auf die Frage, wie der Unterricht in der Schule zum Nationalsozialismus aussehen sollte, antwortete Wildt, es sei „ganz wichtig herauszuarbeiten, wie eine Gesellschaft in solche Verbrechenszusammenhänge abdriftet. Wie entstehen Verhältnisse, in denen der Mord an anderen Menschen nicht mit Empörung aufgenommen wird, nicht mehr geahndet, sondern toleriert und sogar befördert wird? Da kann man auch fragen, wie in Ruanda oder in Kambodscha solche Gewaltverhältnisse entstehen konnten.“

Siehe auch: Kapitulation und Kriegsende 1945: Das Geschenk der FreiheitDie Nazis und der 1. Mai: Homogenität statt Egalität, Die Nazis und der 1. Mai: Von Niedriglöhnen und dem Ende der Gewerkschaften, Die letzten Tage des “Führers”: Hitler tat alles, um seine erbärmliche Existenz zu verlängern