4000 Neonazis bei NPD-Veranstaltung: “Das ‘Rock für Deutschland’ ist eine echte Konstante”

Fast 4000 Neonazis haben am 11. Juli 2009 an der NPD-Veranstaltung “Rock für Deutschland” in Gera teilgenommen. Rund 700 Menschen demonstrierten gegen die Nazi-Massenveranstaltung, die seit 2003 jährlich in Gera stattfindet. NPD-BLOG.INFO sprach mit dem RechtsRock-Experten Christian Dornbusch* über die Bedeutung des Festivals für die NPD sowie über die Szene insgesamt.

Von Patrick Gensing

NPD-BLOG.INFO: Welchen Stellenwert hat das Rock für Deutschland für die Rechtsrockszene und für die NPD und deren Wahlkampf in Thüringen?

Christian Dornbusch: Das „Rock für Deutschland“ ist das einzige Festival, dass kontinuierlich seit 2003 im immer gleichen Zeitraum in Gera stattfindet – eine echte Konstante. Die Besucherzahlen bewegen sich dabei in der Regel bei 500 bis 700 Leuten, die an dem Tag stets eine Auswahl bekannter Bands geboten bekommen.

Für die NPD sind derartige Feste generell von Bedeutung, da sie ihrem Klientel damit signalisieren können, dass die Partei  für die jungen RechtsRock-Hörer und Neonazis da ist und ihnen gerne auch etwas bietet. NPD-Chef Udo Voigt hat in seiner Rede auch darauf hingewiesen, dass sie soundsoviele Stimmen zusammen bekommen müssten für die Anmeldung zur Landtagswahl in Thüringen und die Leute aufgefordert, doch bitte hier gleich zu unterschreiben. Wenn nur die Hälfte dem nachgekommen sein sollte, hätte die NPD alle notwendigen Unterschriften zusammen.

NPD-BLOG.INFO: Warum finden Nazi-Großveranstaltungen wie das „Rock für Deutschland“ oder das „Fest der Völker“ in Thüringen statt?

Ähnliche Feste gibt es in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Bayern. In Thüringen indes ist es mit den Jahren gelungen, die Veranstaltungen zu institutionalisieren, was insbesondere für das RfD gilt. Meines Erachtens ist die Ausgangslage für das FdV anders. Hier hat sich in Jena selbst mittlerweile breiter Widerstand geregt, der auch von den lokalen Eliten (Lokalpolitik) unterstützt wird. Es sei daran erinnern, dass das FdV eigentlich so geplant war, dass es immer in Jena stattfinden sollte. Nun ist es zu einem Wanderzirkus geworden ähnlich dem „Thüringentag der nationalen Jugend“, der jedes Jahr in einer anderen Thüringer Stadt aufgeführt wird.

Warum sich jedoch gerade die „Feste“ in Thüringen so etablieren konnten, darüber lässt sich meines Erachtens nur spekulieren. Wichtig war und ist dafür, dass das Land zentral liegt und aus allen Richtungen schnell über die Autobahn zu erreichen ist. Im Vergleich zu anderen Ländern ist die RechtsRock-Szene in Thüringen indes nicht sonderlich größer als in einer Reihe anderer Länder.

NPD-BLOG.INFO: Welche Rolle spielt Lunikoff für die Bewegung? Wie konnte er es schaffen, sich als Nazi-Kultfigur zu etablieren? Welche Bedeutung hat er für die NPD?

Dornbusch: Mit dem Engagement von der Band „Die Lunikoff Verschwörung“ für das diesjährige „Rock für Deutschland“ ist den Veranstaltern, also NPD und „Freien Kameradschaften“, ein Coup gelungen. Er ist wohl der Star in der Szene und es war im vorhinein klar, dass es gelingen würde, mehr Leute zu dem Festival zu ziehen als je bevor.

Denn Michael Regener aka Lunikoff ist Kult für das Spektrum. Dieses Status hat er sich als Sänger der Band Landser verschafft und vor allem mit dem nachfolgenden Gerichtsverfahren gegen diese Band, bei dem es ihm gelang, sich als unerschrockenen RechtsRocker zu inszenieren. Beigetragen hat dazu auch seine Musik, die sehr eingängig ist. Seine Texte sind teilweise zynisch, beinhalten Selbststilisierungen und implizieren einen gewissen Wortwitz, der in der Szene und darüber hinaus Anklang findet. Gera war ein gutes Beispiel dafür. Das Publikum setzte sich aus Skinheads und Reenes, aus modernen Neonazis im Stil „Autonomer Nationalisten“ und aus „Scheitelträgern“, aus Metallern, Rockern und ganz normal wirkenden Menschen zusammen. Obwohl junge Leute die überwiegende Zahl ausmachten, reichte die Altersspanne letztlich bis Mitte 40. Hinzu kommt bei Lunikoff sein Gesang, den Fans oft als charismatisch beschreiben. Das zu beurteilen, fällt schwer. Fest steht aber, dass seine Stimme aus dem Gegröle anderer Sänger hervorsticht und Wiedererkennungswert hat.

Für die NPD ist er wichtig geworden. Es ist bekannt von ihm, dass er NPD-Mitglied ist und mehr als nur einmal unter dem Banner der Partei aufgetreten ist. Damit kann er quasi als „Botschafter“ in einem Spektrum gesehen werden, dass der NPD seit dem einsetzenden Streit um die „Autonomen Nationalisten“ teilweise distanzierter gegenüber steht als noch vor einigen Jahren.

NPD-BLOG.INFO: Wie viele Personen könnte die extrem rechte Bewegung maximal für solche Festivals mobilisieren? Könnten in den kommenden Jahren noch größere Nazi-Events anstehen?

Dornbusch: Gera aber auch die Pressefeste des NPD-Organ „Deutsche Stimme“, die es bis vor 2006 jährlich gab, haben gezeigt, dass mit der Musik, einem bestimmten Line Up und einem verlässlichen organisatorischen Rahmen zwischen 4000 bis 7000 Neonazis mobilisiert werden können. Dabei ist gerade der Rahmen wichtig, denn beim „Frankentag“, der eine Woche vor Gera stattfand und bei dem Lunikoff auch auftrat, waren nur rund 250 Neonazis gekommen.

*Zur Person: Christian Dornbusch (* 1970) ist Soziologe (M.A.) und Sozialpädagoge (Diplom) aus Düsseldorf mit den Forschungsschwerpunkten Jugend- und Kultursoziologie sowie Rechtsextremismus, zu denen er seit den 1990er-Jahren publiziert. Er ist derzeit Promotionstipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und war vorher wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsstelle Neonazismus an der Fachhochschule Düsseldorf. Dornbusch ist Herausgeber und Autor mehrerer fach- und themenspezifischer Bücher und schreibt regelmäßige Beiträge für Der Rechte Rand. Einige seiner Aufsätze aus verschiedenen Publikationen sind auch Bestandteil der Informationsplattformen Turn it down und Netz gegen Nazis. Er ist darüber hinaus Autor oder beratender Experte für Artikel über verschiedene Themen des Rechtsextremismus. (Quelle Wikipedia)

Siehe auch: Rund 4000 Neonazis bei “Rock für Deutschland” in Gera, NPD-Gera lädt ein: 2000 Neonazis “rocken für Deutschland”, Thüringen: Proteste gegen NPD-Open-Air in Gera, Schüler rocken gegen Rechts in Jena, “Thüringentag der nationalen Jugend”: “Schulterschluss” des Arnstädter Bürgermeisters mit Neonazis, Neonazistisches “Fest der Völker” am 12. September in Pößneck geplant, Thüringen: Unterwanderung der FDP?Jena: “Kampf um die Straße” statt “Kampf um die Parlamente”Kampagnenstart: “Kein Ort für Neonazis in Thüringen”

23 thoughts on “4000 Neonazis bei NPD-Veranstaltung: “Das ‘Rock für Deutschland’ ist eine echte Konstante”

  1. Nachtrag: Ich klaue in der letzten Zeile ein „ä“, damit es wieder stimmt… 😀

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