Der “Vorwärts” über das Buch “Angriff von rechts”

Die SPD-nahe Zeitung Vorwärts über das Buch „Angriff von rechts“:

„Angriff von Rechts. Die Strategien der Neonazis – und was man dagegen tun kann“ ist der Titel des ersten Buches von Patrick Gensing. Der Macher des engagierten Internet-Projekts NPD-blog.info und freie Journalist beschreibt unter anderem die Geschichte der 1964 in Hannover gegründeten NPD und analysiert deren Programm. Er stellt den angestrebten Aufbau einer rechtsextremen Parallelwelt vor und erläutert das Konzept der so genannten Wortergreifungsstrategie.

Auf 280 Seiten setzt sich der 1974 geborene Autor Patrick Gensing, der unter anderem für tagesschau.de und Panorama tätig ist, mit den Neonazis auseinander. Systematisch kommt er ihnen auf die Schliche, in dem er sich zunächst mit deren Theorie, sodann deren Praxis befasst, um schließlich Gegenstrategien zu entwickeln: „Theorie: Rechtsextreme Ideologie“, „Praxis: Rechtsextreme Strategien“ sowie „Theorie und Praxis: Gegenstrategien“ heißen die drei Kapitel seines Buches.

Wortergreifungsstrategie

Rechtsextremisten nutzen verstärkt öffentliche Vortragsveranstaltungen, um aus dem Publikum heraus Parolen zu verbreiten. Im Sinne der Wortergreifungsstrategie werden Veranstaltungen demokratischer Kräfte offensiv als Podium genutzt, um eigene politische Inhalte vorzutragen, die Veranstaltung zu stören und – wenn möglich – umzufunktionieren. Einer dieser Propagandisten der Wortergreifungsstrategie ist der notorische Holocaustleugner Horst Mahler, vormals Rechtsbeistand der NPD und davor RAF-Terrorist.

Rechtsextremismus definiert Gensing als soziale Bewegung, die die komplette Vernichtung der etablierten Strukturen anstrebt. Diese Bewegung speist sich aus den Unzulänglichkeiten der Mehrheitsgesellschaft. Stärke und Schlagkraft des Rechtsextremismus sind, so Gensing, „ein Indikator für Defizite und ungelöste Probleme“. Parlamentarischer Arm des Rechtsextremismus ist die NPD, die mit dem Begriff „völkisch“ am treffendsten beschrieben werden kann. Wer sich aus der Volksgemeinschaft herausnimmt, da er die gesetzten Normen nicht erfüllen kann oder will, wird von der NPD zum Feind erklärt. Dies gilt auch für Frauen, die eine Abtreibung vornehmen lassen. Das nationaldemokratische Konzept der Volksgemeinschaft orientiert sich, wie Gensing treffend darlegt, am „nationalsozialistischem Vorbild“. So modern wie viele Beobachter die NPD sehen, gibt sich die Partei ideologisch also keineswegs.

Kernzentren der NPD

DIE Kernzentren der NPD sind deren Landtagsfraktionen mitsamt ihrer Mitarbeiterstäbe in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. In Dresden und Schwerin hat die NPD ihre führenden Köpfe gebündelt. Nirgendwo sonst verfügt der organisierte Rechtsextrenmismus über so arbeitsfähige Strukturen. In den Landtagen zeichnet sich die NPD, so Gensing, jedoch weniger durch Sacharbeit aus, sondern eher durch Provokation. Mit geschichtsrevisionistischen Schlagworten wie „Bombenholocaust“ wollen die Rechtsextremisten mediale Aufmerksamkeit erregen und die demokratischen Fraktionen zur Weißglut bringen. Das Schüren von Ängsten sowie apocalyptischer Endzeitvisionen gehört zur Paradedisziplin der NPD.

Nach außen geben sich die NPD-Kader mit Schlips und Kragen weithin bürgerlich, um die Mittelschicht nicht zu verprellen, nach innen wird Klartext geredet. In Sachen Kommunalpolitik weist Gensing darauf hin, dass die NPD auch mit Tarnlisten wie der „Bürgerinitiative für Ausländerstopp“, die in den Kommunalparlamenten in München und Nürnberg vertreten ist, bei Wahlen antritt. Die NPD und die rechtsextreme Bewegung arbeiten am Aufbau einer rechtsextremen Parallelwelt, in die Mitglieder und Sympathisanten von der „Wiege bis zur Bahre“ eingebunden werden sollen. Dazu gehören zum Beispiel eigene Zeitungen, Internet-Foren, Bekleidungsmarken, Kampfsportschulen und Gastronomiebetriebe.

Gensing ist zuzustimmen, wenn er behauptet, dass es keiner Geheimdienste bedarf, um nachzuweisen, dass die NPD die universellen Menschenrechte ablehnt, einen autoritären Führerstaat anstrebt und Millionen Menschen deportieren will. Vehement plädiert Gensing im Kapitel „Gegenstrategien“, das etwas zu kurz geraten ist, für die Einrichtung einer unabhängigen Beobachtungsstelle der rechtsextremen Bewegung. Es obliegt der Bundesregierung, eine solche unabhängige Beobachtungsstelle einzurichten.

Anton Maegerle

 

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