Vor 75 Jahren: Der “Röhm-Putsch” (Teil II)

Die Ereignisse vom 30. Juni bis zum 2. Juli 1934 sind unter dem Namen „Röhm-Putsch“ in die Geschichte eingegangen. Die Ermordung von Ernst Röhm und Hunderten von vermeintlichen oder tatsächlichen Regimegegnern, die Otto Straßer damals als „Deutsche Bartholomäusnacht“ bezeichnete, wurde von den Nazis mit einer frei erfundenen Verschwörung gegen Hitler gerechtfertigt, nach dem Motto: Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig. Hier der zweite Teil zum „Röhm-Putsch“ vor 75 Jahren.

Von Ernst Piper* für NPD-BLOG.INFO

Adolf Hitler sah sich in jenen Tagen von Links und Rechts zugleich bedrängt. Auf der einen Seite waren Röhm und seine SA, die nach der Eroberung der Staatsmacht auf eine zweite Revolution setzten, die den brauen Milizionären eine Teilhabe an der Macht bringen sollte, einen greifbaren Lohn für jahrelanges Marschieren. Auf der anderen Seite standen die Reichswehr und die konservativen Eliten, die darüber nachdachten, nach dem absehbaren Ableben Hin-denburgs wieder einen Reichspräsidenten zu installieren, der dann nicht Hitler heißen, viel-mehr dessen Machtambitionen zügeln würde. Vizekanzler Franz von Papen war bei seiner Rede am 17. Juli in Marburg so weit gegangen, sogar die Einparteienherrschaft der NSDAP als Übergangsstadium zu bezeichnen, denn die Konservativen hatten sich zwar mit den Nationalsozialisten eingelassen, wollten eigentlich aber einen vorkonstitutionellen Staat ganz ohne Parteien.

Die Marburger Rede erregte, obwohl Propagandaminister Goebbels die Verbreitung der Druckfassung verhinderte, so großes Aufsehen, dass selbst der schwerkranke Reichspräsident davon erfuhr. Hindenburg bestellte Reichswehrminister Blomberg ein und erwog sogar die Verhängung des Kriegsrechts. Hitler wurde unmissverständlich aufgefordert, „die revolutio-nären Unruhestifter endlich zur Räson zu bringen.“ Hitler sah, dass Gefahr im Verzuge war. Er zögerte nicht, mit äußerster Rücksichtslosigkeit gegen seine Gegner vorzugehen, und mit einer Aktion, die unter dem bewusst irreführenden Namen „Röhm-Putsch“ in die Geschichte eingegangen ist, gelang es ihm, seine Gegner zur Linken wie zur Rechten mit einem Schlag auszuschalten.

Zunächst streute der SD, der parteiinterne Sicherheitsdienst der SS, fleißig Gerüchte über einen bevorstehenden SA-Putsch. Am 25. Juni schworen Himmler und Heydrich in Berlin die höheren SS- und SD-Chargen auf Gegenmaßnahmen gegen den angeblich bevorstehenden Putsch ein. Tags darauf tauchte plötzlich ein angeblich von Röhm stammender Befehl auf, die SA für einen Angriff auf die Reichswehr zu bewaffnen.

Ernst Röhm selbst war in Bad Wiessee, um seinen Rheumatismus behandeln zu lassen. Adolf Hitler befand sich auf der Hochzeitsfeier des Gauleiters Terboven in Essen, als ihn die Nachricht erreichte, Papen werde in zwei Tagen von Hindenburg empfangen. Hitler sah die Gefahr einer Verständigung auf seine Kosten und beschloss, sofort zu handeln. Er erteilte Röhm tele-fonisch den Befehl, alle SA-Führer für den übernächsten Tag nach Bad Wiessee zu bestellen. Anschließend konferierte er mit Joseph Goebbels und Sepp Dietrich, dem Kommandeur der SS-Leibstandarte Adolf Hitler. Ständig kamen neue Nachrichten über randalierende SA-Trupps aus verschiedenen Teilen des Landes. Hitlers Miene verfinsterte sich immer mehr, schließlich bestieg er in äußerster Erregung mitten in der Nacht sein Flugzeug. Als er morgens um vier Uhr in München gelandet war, fauchte er: „Dies ist der schwerste Tag meines Lebens. Aber ich werde nach Bad Wiessee fahren und strenges Gericht halten.“ Zwei Stunden später war er schon mit einer kleinen Wagenkolonne auf dem Weg in den Kurort. Zur gleichen Zeit setzten sich in Kaufering 35 Lastwagen der Reichswehr mit 1300 Männern der SS-Leibstandarte in Bewegung. Sie hatten das gleiche Ziel.

Homosexualität für NS-Propaganda missbraucht

Als Hitler kurz vor sieben Uhr vor dem Hotel Hanselbauer vorfuhr, schlief die versammelte SA-Prominenz noch, nachdem man am Vorabend lange gezecht hatte. Die Herren wurden unsanft geweckt. Edmund Heines, der wie Röhm homosexuell war, wurde mit einem jungen Mann im Bett überrascht, was die von Goebbels gelenkte Presse in den folgenden Tagen weidlich ausschlachtete. Röhm, den Hitler mit sich überschlagender Stimme als Verräter be-schimpfte, und die anderen SA-Führer wurden verhaftet und nach München gebracht. Sechs von ihnen, deren Namen Hitler auf einer Liste abgehakt hatte, wurden noch am gleichen Tag erschossen. Ein Gerichtsverfahren gab es nicht. Vor der Erschießung wurden den Betroffenen lediglich mitgeteilt: „Sie sind vom Führer zum Tod verurteilt worden! Heil Hitler!“

Als Hitler am Abend des 30. Juni 1934 in Berlin eintraf, war Röhm noch am Leben. Hitler zögerte, seinen einzigen Duzfreund in der Führungsriege der NSDAP liquidieren zu lassen. Doch am folgenden Tag, am Rande eines Gartenfestes für die Reichsminister und ihre Ehe-frauen, stimmte er schließlich zu. Röhm sollte aber eine Chance für einen ehrenvollen Abgang bekommen. Wenig später öffnete ein Wachmann im Gefängnis München-Stadelheim kurz die Tür zu seiner Zelle und legte eine Pistole und den „Völkischen Beobachter“, der Röhms Ver-haftung und Absetzung meldete, auf einen Tisch. Die Tür wurde wieder geschlossen, die Männer vor der Tür warteten zehn Minuten, doch nichts geschah. Kein Schuss war zu hören. Der Wachmann öffnete die Tür noch einmal und nahm die Pistole wieder heraus. Daraufhin betraten Theodor Eicke, der Kommandant des KZ Dachau, und Michael Lippert, Komman-dant der Wachmannschaft in Dachau, gemeinsam die Zelle und erschossen Röhm.

Hitlers präzises Gedächtnis für Illoyalität

Goebbels hatte sofort nach seiner Rückkehr aus Bad Wiessee Göring in Berlin angerufen, der die übrigen Mordkommandos in Bewegung setzte. Franz von Papen hatte Glück, sein Büro wurde zwar verwüstet, aber er selbst nur unter Hausarrest gestellt. Schlechter erging es seinen Mitarbeitern. Edgar Jung wurde von SS-Leuten ins KZ Oranienburg verschleppt und dann in einem nah gelegenen Wäldchen umgebracht. Auch Papens Pressereferent Herbert von Bose wurde Opfer eines Rollkommandos.

Hitler, der ein präzises Gedächtnis für Illoyalität hatte, nutzte die Gelegenheit, um alte Rech-nungen zu begleichen. Gustav Ritter von Kahr, der als bayerischer Generalstaatskommissar beim Hitler-Putsch die Gefolgschaft verweigert hatte, wurde ins KZ Dachau gebracht und dort erschossen. Gregor Strasser, der ehemalige Reichsorganisationsleiter der NSDAP, der 1932 aus Protest gegen Hitlers Kurs zurückgetreten war, wurde in Berlin ermordet. Und Kurt von Schleicher, der unmittelbar vor Hitler Reichskanzler gewesen war und nun angeblich an einer Verschwörung mit Röhm beteiligt war, wurde mit seiner Frau von einem SS-Kommando in seiner Villa in Neubabelsberg erschossen.

Auch prominente Katholiken wie der Münchner Chefredakteur Fritz Gerlich, der Publizist Pater Bernhard Stempfle und Erich Klausener wurden ermordet. Klausener hatte als Abteilungsleiter im preußischen Innenministerium viele Polizeieinsätze gegen Ausschreitungen der Nazis verantwortet. Außerdem war er Leiter der Katholischen Aktion und hatte noch am 24. Juni 1934 in einer leidenschaftlichen Rede auf einer Kundgebung in Hoppegarten sich gegen die weltanschauliche Intoleranz des Nationalsozialismus gewandt. Dieser Auftritt war in den Augen vieler ausschlaggebend für seine Ermordung.

Der SA wurde das Rückgrat gebrochen

Nicht nur in Berlin und München, auch in Breslau, Dresden und anderen Orten gab es Tötungsaktionen. Unter den Opfern waren etwa 50 höhere SA-Führer, der Organisation war damit das Rückgrat gebrochen. Die Mörder kamen aus den Reihen der SS, meist gehörten sie der „Leibstandarte Adolf Hitler“ an. Die SS war zunächst eine kleine, der SA untergeordnete gewesen Organisation. Jetzt übernahm sie immer mehr Polizeifunktionen, nicht nur in der Partei, sondern auch darüber hinaus. Zum Dank für ihre „großen Verdienste“ erhob Hitler die SS am 20. Juli 1934 zu einer eigenständigen Organisation, die auch die alleinige Verantwor-tung für die Konzentrationslager übernahm und in ihrer Bedeutung bald weit über die SA hinauswuchs.

Das Morden ging auch am 2. Juli noch weiter. Insgesamt kamen im Zuge des „Röhm-Putschs“ wohl etwa 200 Menschen um, nach manchen Schätzungen sollen es sogar über Tausend gewesen sein. Adolf Hitler, der Reichskanzler, aber kein Gerichtsherr war und, solange Hindenburg noch lebte, noch nicht einmal den Oberbefehl über die Reichswehr hatte, hatte sich zum Herrn über Leben und Tod aufgeschwungen. Die noch immer fragile Basis seiner Macht ließ es ihm geraten erscheinen, sein Handeln wenigstens im Nachhinein zu legitimieren. Am 3. Juli tagte das Reichskabinett, das nach dem Ermächtigungsgesetz auch für die Ge-setzgebung zuständig war. Über zwanzig neue Gesetze wurden verabschiedet, die Themen reichten von der Gewerbeordnung bis zur Zuckersteuer. Das kürzeste Gesetz bestand nur aus einem einzigen Satz: „Die zur Niederschlagung hoch- und landesverräterischer Angriffe am30. Juni, 1. und 2. Juli 1934 vollzogenen Maßnahmen sind als Staatsnotwehr rechtens.“

Siehe auch: Vor 75 Jahren: Der “Röhm Putsch” (Teil I)

*Der Historiker Ernst Piper lehrt an der Universität Potsdam. Von ihm erschien unter anderem eine “Kurze Geschichte des Nationalsozialismus – Von 1919 bis heute” sowie Alfred Rosenberg: Hitlers Chefideologe.

Siehe auch: Kapitulation und Kriegsende 1945: Das Geschenk der Freiheit, Die Nazis und der 1. Mai: Homogenität statt Egalität, Die Nazis und der 1. Mai: Von Niedriglöhnen und dem Ende der Gewerkschaften, Die letzten Tage des “Führers”: Hitler tat alles, um seine erbärmliche Existenz zu verlängern, Vor 85 Jahren: Adolf Hitler vor Gericht

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