Vor 75 Jahren: Der “Röhm Putsch” (Teil I)

Die Ereignisse vom 30. Juni bis zum 2. Juli 1934 sind unter dem Namen „Röhm-Putsch“ in die Geschichte eingegangen. Die Ermordung von Ernst Röhm und Hunderten von vermeintlichen oder tatsächlichen Regimegegnern, die Otto Straßer damals als „Deutsche Bartholomäusnacht“ bezeichnete, wurde von den Nazis mit einer frei erfundenen Verschwörung gegen Hitler gerechtfertigt, nach dem Motto: Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig.

Von Ernst Piper* für NPD-BLOG.INFO

Ernst Röhm war der erste Soldat der nationalsozialistischen Revolution gewesen. Schon als Kind hatte er den Wunsch gehabt, Soldat zu werden, und auch später sah er die Dinge stets „vom soldatischen Standpunkt aus, bewusst einseitig“, wie er in seinen Memoiren schrieb. Nach dem Abitur an dem elitären Münchner Maximiliansgymnasium im Jahr 1906 besuchte er eine Offiziersschule. Im Ersten Weltkrieg war er Kompanieführer eines bayerischen Infanterieregiments an der Westfront. Dort wurde er dreimal schwer verwundet, wovon später sein teilweise entstelltes Gesicht zeugte.

Nach Kriegsende schlossen sich viele ehemalige Frontsoldaten paramilitärischen Verbänden an. Röhm ging zum Freikorps Epp, hatte aber auch gute Beziehungen zur Brigade Ehrhardt. Beide Organisationen spielten bei der blutigen Niederschlagung der Münchner Räterepublik im Mai 1919 eine wichtige Rolle. Danach wurde Röhm Stabschef beim Münchner Stadtkommandanten. Er gehörte zu einer Gruppe von Konterrevolutionären, die jetzt in Schlüsselpositionen aufrückten und, gedeckt durch das Ausnahmerecht, einen gut organisierten, antirepublikanisch gesinnten Überwachungsapparat aufbauten. Röhm war dabei für die „Säuberung“ und Reorganisation der Sicherheitskräfte zuständig. Als „Waffenreferent“ der Brigade Epp stattete er die Einwohnerwehren mit militärischen Material aus. Und schließlich – das erscheint im Nachhinein als ganz besonders absurd – war Röhm auch für die Umsetzung der Entwaffnungsbestimmungen nach dem Versailler Friedensvertrag zuständig. Durch die Auflösung der drei bayerischen Zeugämter kam eine ungeheuere Menge von Waffen unter Röhms Kontrolle, was ihm den Spitznamen „Maschinengewehrkönig“ einbrachte. Es gelang ihm der Aufbau einer geheimen Feldzeugmeisterei, wodurch die eingezogenen Waffen nicht in die Hände der Alliierten kamen, sondern zumeist heimlich verkauft wurden. Unter den Käufern, die bei Röhm vorstellig wurden, befanden sich auch Adolf Hitler und Hermann Göring.

Die Zeit der Konterrevolution

Der „Maschinengewehrkönig“ verwaltete seinen Reichtum mit harter Hand. In seinen Memoiren schrieb Röhm später: „Nun sind ja auch einige Edelmänner, die Waffen an die Entente verraten haben, angeblich erschlagen worden. ‚Fememorde’ sagt man heute – und dem Spießer gruselt schon, wenn er bloß das Wort hört.“ Es war die Zeit der Konterrevolution, der großen und kleinen Umsturzversuche gegen das demokratische System: Kapp-Putsch, Schwarze Reichswehr, marodierende Freikorps, Attentate gegen führende Politiker wie Walther Rathenau, politische Mörderbanden wie die Organisation Consul und eine oftmals hilflos agierende Obrigkeit waren Kennzeichen jener Jahre. Auch Hitler und seine Spießgesellen planten einen Putsch. Als es soweit war, im November 1923, beteiligte sich Ernst Röhm mit einem eigenen Wehrverband, der „Reichskriegsflagge“, am Marsch auf die Feldherrnhalle. Schon im Vorfeld hatte er als Koordinator der putschbereiten Kampfverbände eine wichtige Rolle gespielt. Auch die SA beteiligte sich am Hitler-Putsch, sie stand damals noch unter der Leitung von Hermann Göring.

Doch als Adolf Hitler 1925, nach der Entlassung aus dem Gefängnis, die NSDAP neu aufbaute, überwarf er sich schon bald mit Röhm. Während der immer nur Soldat, aber nie Politiker sein wollte und an seinem putschistischen Kurs und einer paramilitärischen Ausrichtung der SA festhielt, orientierte sich Hitler nunmehr am Legalitätsprinzip. Die NSDAP beteiligte sich an Wahlen und der Parteivorsitzende gab die Parole aus: „Die Verfassung bestimmt den Weg, aber nicht das Ziel unserer Politik.“ Die Ausbildung der SA sollte nicht nach militärischen, sondern nach „parteizweckmäßigen“ Gesichtspunkten erfolgen. Röhm ging darauf hin nach Bolivien, wo er als Militärinstrukteur daran mitarbeitete, das Land auf den Chacokrieg mit Paraguay vorzubereiten. Hier konnte er „so recht nach Herzenslust Soldat sein“, wie er später schrieb.

Machtperspektive für die Nazis

Im September 1930 errang die NSDAP einen gewaltigen Wahlsieg. Statt zwölf Reichstagsabgeordneten stellte sie jetzt 107 und damit die zweitstärkste Fraktion nach der SPD. Plötzlich gab es eine reale Machtperspektive. In dieser Situation brauchte Hitler einen fähigen Organisator für seine Parteiarmee. Er rief Röhm aus Bolivien zurück. Der trat im Januar 1931 an die Spitze der SA und baute sie konsequent zu einer schlagkräftigen Massenorganisation aus. Hatte die SA zu Beginn des Jahres noch 88.000 Mitglieder gehabt, so waren es Ende 1931 bereits 260.000, und die Zahl der braunen Bataillone schwoll rasch weiter an. Sie marschierten ohne Unterlass durch die Straßen, lieferten sich erbitterte Straßenschlachten mit dem politischen Gegner und sorgten auch für eine eindrucksvolle Kulisse bei den Parteitagen. Für eine Mobilisierung der Straße im Sinne der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ war die SA ganz unentbehrlich. Am Abend des 30. Januar 1933 veranstaltete sie in Berlin den großen Fackelzug, dessen Bilder um die Welt gingen.

Doch die Truppe, die Hitler den Weg zur Macht frei geprügelt hatte, wurde nun, da die Macht errungen war, mehr und mehr zum Problem. Röhm forderte eine „zweite Revolution“, die soziale Fortschritte bringen sollte, gewissermaßen einen greifbaren Lohn für jahrelanges Marschieren. Die große Mehrheit der SA-Mitglieder war jung, ihr Elan unverbraucht, viele frühere Anhänger der Arbeiterparteien hatten hier eine neue Heimat gefunden. Proletarische Interessenlage verband sich mit revolutionärer Erwartung, sodass sich in der SA die Hoffnungen auf einen wirklichen Umbau der Gesellschaft in einem gefährlichen Maße konzentrierten.

Die SA konnte Hitler gefährlich werden

Die Unruhe unter den braunen Milizionären traf sich mit wachsender Unzufriedenheit im Lande. In vielen großen Industrieunternehmen erreichte die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation NSBO bei den Betriebsratswahlen so miserable Ergebnisse, dass sie gar nicht veröffentlicht wurden. Und die Bauern klagten über die zentrale Vermarktung der landwirtschaftlichen Produkte durch den „Reichsnährstand“, die für sie höchst unvorteilhaft war.

Die SA war ein Machtfaktor, der Hitler gefährlich werden konnte. Aus bescheidenen Anfängen als Saalschutztruppe war sie zu einer Parteiarmee mit fast vier Millionen Mitgliedern herangewachsen. Röhm wollte aus der paramilitärischen Organisation eine militärische und die SA zur zentralen Ordnungsmacht im Inneren machen, während die Reichswehr nur noch für Aktionen außerhalb der Reichsgrenzen zuständig sein sollte. Doch der brutale Terror der SA in den Monaten nach der „Machtergreifung“ hatte viele verschreckt. In den improvisierten Gefängnissen der selbsternannten Hilfspolizei waren Hunderte ermordet und Tausende zu Krüppeln geschlagen worden. Die alten Eliten, allen voran die Führung der Reichswehr, stand diesem Treiben sehr skeptisch, zum Teil auch mit unverhohlener Ablehnung gegenüber. Höhepunkt der Kritik war eine Rede, die Vizekanzler Franz von Papen am 17. Juli 1934 an der Universität Marburg hielt. Papen formulierte darin den Unmut über den Aktionismus der Nazis: „Kein Volk kann sich den ewigen Aufstand von unten leisten, wenn es vor der Geschichte bestehen will.“

Hitler sah, dass er handeln musste.

 

Den zweiten Teil des Textes veröffentlicht NPD-BLOG.INFO am 30. Juni 2009. 

*Der Historiker Ernst Piper lehrt an der Universität Potsdam. Von ihm erschien unter anderem eine “Kurze Geschichte des Nationalsozialismus – Von 1919 bis heute” sowie Alfred Rosenberg: Hitlers Chefideologe.

Siehe auch: Kapitulation und Kriegsende 1945: Das Geschenk der Freiheit, Die Nazis und der 1. Mai: Homogenität statt Egalität, Die Nazis und der 1. Mai: Von Niedriglöhnen und dem Ende der Gewerkschaften, Die letzten Tage des “Führers”: Hitler tat alles, um seine erbärmliche Existenz zu verlängern, Vor 85 Jahren: Adolf Hitler vor Gericht