Neonazi tötet 18-Jährigen: Gericht sieht keinen rechten Hintergrund

Das Landgericht Magdeburg hat am 26. Juni 2009 den Angeklaten David B. wegen Totschlags schuldig gesprochen und ihn zu einer Jugendstrafe von acht Jahren Gefängnis verurteilt. Die 2. Jugendkammer sah es nach Angaben der taz als erwiesen an, dass der heute 20-Jährige am 24. August 2008 Marcel W. getötet hatte. Für die Angehörigen sei aber unfassbar, dass der politische Hintergrund unberücksichtigt blieb, betont Heike Kleffner von der „Mobilen Beratung für Opfer rechter Gewalt“ dem Blatt zufolge.

Die Kammer sprach laut taz von einer spontanen Tat, die geschah, um eine Zeugenaussage zu verhindern. Denn zwei Tage nach der Tat sollte Marcel W. eigentlich vor dem Amtsgericht Bernburg gegen David B. aussagen, dass er bereits von ihm misshandelt worden sei. Für Kleffner unverständlich, dass die Kammer dennoch nur von einer „Abstrafung“ sprach.

Mehrere Todesopfer

Seit Jahren liegt das Bundesland Sachsen-Anhalt an der Spitze der Statistik des Bundesinnenministeriums unter „Politisch motivierte Kriminalität – rechts“. Im August 2008 war Marcel W. nicht das einzige Todesopfer von Rechtsextremen in Sachsen-Anhalt. In Dessau wurde ein Obdachloser, der in der Nacht zum 1. August auf einer Parkbank übernachten wollte, von zwei Männern angegriffen und getötet. Wenige Tage später erschlug ein stadtbekannter Neonazi in Magdeburg einen 21-jährigen Kunststudenten, weil dieser ihn „Hobbynazi“ genannt hatte. In allen drei Fällen ergingen hohe Haftstrafen. Ein Zusammenhang zwischen einer rechten Gesinnung und der jeweils begangenen Tat wurde dabei aber nicht gesehen.

Die Mobile Opferberatung schrieb zu dem Fall David B.: Am 24. August 2008 hatten Polizeibeamte morgens die Leiche des 18-jährigen Marcel W. in einer Wohnung in der Martinistraße in Bernburg gefunden. Marcel W. war nach mehrfachen Messerstichen in den Bauch- und den Oberkörper verblutet. Noch am Tatort nahmen die Beamten den 19-jährigen Wohnungsinhaber David B. fest, einen einschlägig bekannten und u.a. wegen Körperverletzung vorbestraften bekennenden Neonazi aus Bernburg. Schnell stellte sich heraus, dass Marcel W. immer wieder von David B., den er schon seit Schulzeiten kannte, misshandelt und unter Druck gesetzt worden war. Zwei Tage nach seinem Tod hätte Marcel W. vor dem Amtsgericht Bernburg gegen David B. als Zeuge aussagen sollen wegen eines derartigen Vorfalls. Einer größeren Öffentlichkeit wurde der Fall erst bekannt, nachdem das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ Mitte August 2008 darüber berichtete.

Bekennender „Nationalsozialist“

Seit Februar 2009 hatte die 2. Jugendkammer versucht, die genauen Umstände des Todes von Marcel W. aufzuklären. Deutlich wurde in dem viermonatigen Prozess u.a., dass der 18-jährige schon vor seinem gewaltsamen Tod nicht alleine durch David B., sondern auch durch einen weiteren Rechten namens Matthias V. aus Köthen durch Schläge mit einer Bierflasche und das Ausdrücken einer Zigarette auf dem nackten Unterarm misshandelt wurde. Offen blieb hingegen bis zum Schluss, welche beihelfende Rolle dieser Rechte bei der Tötung von Marcel W. spielte. Zumindest bei dem nachträglichen Versuch der Vertuschung der Tat dürfte eine Beteiligung von Matthias V. nach dem Ergebnis der Hauptverhandlung feststehen. Die Staatsanwaltschaft Magdeburg trug nichts dazu bei, die Frage der Beteiligung von Matthias V. aufzuklären. Sie hatte im Februar einen Strafbefehl über 750 Euro gegen Matthias V. wegen einfacher Körperverletzung zur Ahndung der Schläge gegen Marcel W. erlassen; Matthias V. nahm diesen Bescheid an; einem Antrag der Nebenklagevertreter, diesen Strafbefehl vor seiner Rechtskraft wieder aufzuheben, kam die Staatsanwaltschaft nicht nach.

Mehrere Zeugen insbesondere eine enge Freundin des Angeklagten, die selbst aus der rechten Szene stammt, betonten, dass es sich bei David B. um einen bekennenden „Nationalsozialisten“ handele. David B. wurde in der Vergangenheit schon mehrfach gewalttätig – u.a. ist der 19-Jährige wegen gefährlicher Körperverletzung, Zeigen eines Hitlergrußes, Bedrohung von Migranten begleitet von „Ausländer raus!“- Rufen im Jahr 2007 zu einer Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt worden, die zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Nazi-Musik in der Wohnung

Als die Polizeibeamten die Wohnung von David B. durchsuchten, stießen sie überall auf rechtsextremes Propagandamaterial, das sie zwar teilweise dokumentierten, aber nicht beschlagnahmten. Zeugen sagten zudem aus, dass am Tatabend neonazistische Musik in der Wohnung von David B. abgespielt wurde; schon zuvor hatten sich Nachbarn immer wieder über lautes Abspielen und Grölen rechtsextremer Lieder beschwert. Das Opfer, Marcel W., hingegen beschrieben Zeugen als „nicht rechts“ und „neutral“, der immer wieder erhebliche Angst vor dem körperlich überlegenen David B. gehabt habe. „Leider zeigte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft, die ohnehin normalerweise nicht für die Verfolgung von Kapitalverbrechen, sondern u.a. für Verkehrsdelikte zuständig ist, keinerlei Interesse an einer Aufklärung
möglicher rechter Tathintergründe,“ sagte eine Sprecherin der Mobilen Opferberatung.

Siehe auch: Staatsanwalt in Sachsen-Anhalt wirft Rechtsextremem brutale Tat vor, Rechtsextreme Straftaten auf Rekordniveau, “Bundesregierung verharmlost weiter tödliche Dimension von Rechtsextremismus und Rassismus”