Gesetzentwurf: Nationalsozialistische Urteile wegen Kriegsverrats aufheben

Urteile wegen Kriegsverrat sollen nach dem Willen einer fraktionsübergreifenden Abgeordnetengruppe in das Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege aufgenommen werden. Dazu haben 39 Abgeordnete der Fraktion Die Linke, 38 Mitglieder der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen und 24 SPD-Parlamentarier einen Gesetzentwurf (16/13405) vorgelegt. Die Abgeordneten verweisen zur Begründung ihrer Initiative darauf, dass der Straftatbestand des Kriegsverrats unter der NS-Herrschaft 1934 erweitert und verschärft worden sei. Im Zuge der sogenannten Verratsnovelle vom April 1934 sei für den Straftatbestand des Kriegsverrats als alleinige Strafandrohung die Todesstrafe eingeführt worden.

Die fehlende rechtsstaatliche Bestimmtheit der Strafvorschriften des Kriegsverrats, argumentieren die Verfasser des Gesetzentwurfes, werde durch neuere Untersuchungen zur Urteilspraxis belegt. Sie zeigten, dass Soldaten – und auch Zivilisten – für ganz unterschiedliche Handlungen wegen Kriegsverrats zum Tode verurteilt worden seien: für politischen Widerstand, für die Hilfe für verfolge Juden oder für Unbotmäßigkeiten gegenüber Vorgesetzten. Der unbestimmte Tatbestand des Kriegsverrats habe sich als Instrument der NS-Justiz erwiesen, um nahezu jedwedes politisch missliebiges abweichendes Verhalten als „Verrat“ zu brandmarken und mit dem Tode bestrafen zu können.

“Restbestände unaufgeklärten konservativen Denkens”

Joachim Gauck, Exchef der Stasi-Unterlagenbehörde, forderte in der taz die Aufhebung der NS-Urteile gegen “Kriegsverräter”. In dem Interview attestierte er der Union zudem “Restbestände unaufgeklärten konservativen Denkens”, in dem Opa kein Nazi und die Wehrmacht sauber gewesen sei. Gauck verwies auf das Buch von Wolfram Wette zum Thema. Damit könnten die unbegründeten Vorurteile gegen Kriegsverräter ausgeräumt werden. “Historische Erkenntnisprozesse brauchen Zeit”, so Gauck. Auch bei der Wehrmacht habe es lange gedauert, ehe deren Verbrechen ins allgemeine Bewusstsein gedrungen seien.

Im Zweiten Weltkrieg wurden Zehntausende Menschen wegen Kriegsverrats verurteilt. 20.000 Verurteilte wurden tatsächlich hingerichtet, 10.000 verbüßten ihre Strafe unter schwersten Bedingungen in Gefängnissen und Straflagern. In der Unteren Rathaushalle in Bremen erinnert zurzeit eine Ausstellung an die Opfer der Wehrmachtsjustiz – und an die Täter. “Was damals Recht war. Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht” heißt die Ausstellung. RadioBremen berichtet.

Folgende Abgeordneten haben den Gesetzentwurf eingebracht: Jan Korte, Christine Lambrecht, Wolfgang Wieland, Kerstin Andreae, Hüseyin-Kenan Aydin, Dr. Dietmar Bartsch, Volker Beck (Köln), Cornelia Behm, Birgitt Bender, Klaus Uwe Benneter, Karin Binder, Heidrun Bluhm, Gerd Bollmann, Alexander Bonde, Eva Bulling-Schröter, Dr. Martina Bunge, Sevim Dag˘delen, Dr. Peter Danckert, Dr. Diether Dehm, Dr. Thea Dückert, Dr. Uschi Eid, Dr. Dagmar Enkelmann, Klaus Ernst, Rainer Fornahl, Kai Gehring, Dr. Gregor Gysi, Hans-Joachim Hacker, Heike Hänsel, Lutz Heilmann, Bettina Herlitzius, Winfried Hermann, Stephan Hilsberg, Priska Hinz (Herborn), Cornelia Hirsch, Ulrike Höfken, Inge Höger,  Bärbel Höhn, Dr. Barbara Höll, Dr. Anton Hofreiter, Ulla Jelpke, Dr. Lukrezia Jochimsen, Katja Kipping, Ute Kocy, Sylvia Kotting-Uhl, Renate Künast, Fritz Kuhn, Katrin Kunert, Markus Kurth, Undine Kurth (Quedlinburg), Oskar Lafontaine, Monika Lazar, Michael Leutert, Ulla Lötzer, Dr. Gesine Lötzsch, Helga Lopez, Nicole Maisch, Lothar Mark, Ulrich Maurer, Dr. Matthias Miersch, Kornelia Möller, Jerzy Montag, Kerstin Müller (Köln), Winfried Nachtweih, Kersten Naumann, Omid Nouripour, Petra Pau, Brigitte Pothmer, Mechthild Rawert, Maik Reichel, Gerold Reichenbach, Elke Reinke, Sönke Rix, Dr. Ernst Dieter Rossmann, Claudia Roth (Augsburg), Michael Roth (Heringen), Ortwin Runde, Krista Sager, Manuel Sarrazin, Paul Schäfer (Köln), Elisabeth Scharfenberg, Dr. Hermann Scheer, Volker Schneider (Saarbrücken), Dr. Herbert Schui, Frank Schwabe, Dr. Ilja Seifert, Frank Spieth, Silke Stokar von Neuforn, Christoph Strässer, Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn, Hans-Christian Ströbele, Dr. Kirsten Tackmann, Dr. Harald Terpe, Jürgen Trittin, Dr. Axel Troost, Alexander Ulrich, Rüdiger Veit, Gert Weisskirchen (Wiesloch), Hildegard Wester, Josef Philip Winkler, Jörn Wunderlich, Uta Zapf

Siehe auch: “Kriegsverräter”: Legt jetzt die SPD einen Gesetzentwurf vor?Bundestag: Wann werden `Kriegsverräter` rehabilitiert?, Pauschale Rehabilitierung für `Kriegsverräter` angedacht, Europas radikale Rechte und der Zweite Weltkrieg, Kapitulation und Kriegsende 1945: Das Geschenk der FreiheitDie Nazis und der 1. Mai: Homogenität statt Egalität, Die Nazis und der 1. Mai: Von Niedriglöhnen und dem Ende der Gewerkschaften, Die letzten Tage des “Führers”: Hitler tat alles, um seine erbärmliche Existenz zu verlängern