Aufmarsch der Waffen-SS beim Landesfest in Sachsen-Anhalt

Die Stadt Dessau-Roßlau hat sich nach einem Bericht der Mitteldeutschen Zeitung von dem Verein distanziert, der beim Landesfest in Uniformen von Wehrmacht und Waffen-SS durch Thale (Harz) marschiert ist. Oberbürgermeister Klemens Koschig (parteilos) mahnte dem Bericht zufolge „einen sensibleren Umgang mit der Darstellung geschichtlicher Ereignisse“ an. Das Kulturamt der Stadt hatte den Verein selbst zum Sachsen-Anhalt-Tag angemeldet, berichtet das Blatt. Eine Sprecherin bestätigte der Zeitung, dass auch der Oberbürgermeister dem Verein angehört. Dessen Vorsitzender Rainer Augustin entschuldigte sich für den Auftritt in Thale und räumte ein, dass es dort „an der gebotenen Sorgfalt mangelte“.

Bei Landespolitikern wachse derweil die Kritik an den örtlichen Organisatoren und der Landesregierung. Linken-Fraktionschef Wulf Gallert nannte den Auftritt des Vereins laut MZ einen „Skandal“. „Das ist ein eindeutiges Versagen der Organisatoren.“ Dazu zählte Gallert ausdrücklich auch die Staatskanzlei als Veranstalter des Festes. Wie Gallert forderte auch FDP-Fraktionschef Veit Wolpert schärfere Kontrollen und mehr Sensibilität: „Wenn man es mit einem militärhistorischen Verein zu tun hat, muss man fragen, was der vorhat.“

Böhmer weist Kritik zurück

Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) wies die Vorwürfe zurück, schreibt die MZ weiter: „Für ihren Auftritt im Festumzug zeichnen die jeweiligen Landkreise beziehungsweise die kreisfreien Städte verantwortlich“, sagte er. Zu den Uniformen selbst sagte Regierungssprecherin Monika Zimmermann dem Bericht zufolge: „Das ist ein historisches Bild gewesen.“ Innenminister Holger Hövelmann (SPD) nannte eine solche Traditionspflege dagegen geschmacklos: „Mit derartiger Scheinobjektivität ist die Aufklärung über die Schrecken von Krieg und Völkermord sicher nicht möglich.“ Die SPD-Fraktionsvorsitzende Katrin Budde kritisierte, es werde „ein falscher Anschein von Normalität erweckt“.

„Wehrmacht und SS nicht in Siegerposen“

Kritik an dem Vereins-Auftritt in Thale übte dem Bericht zufolge auch das Militärgeschichtliche Forschungsamt Potsdam. Bei der Waffen-SS habe es sich um eine „verbrecherische Organisation“ gehandelt, sagte Professor Rolf-Dieter Müller der MZ. Deren Uniformen während eines Landesfestes zur Schau zur stellen, sei „bedenklich und überflüssig“. Der Argumentation des Vereines, es handele sich dabei um die Darstellung des Kriegsendes in der Region, sah Müller kritisch. „Dann hätten die Angehörigen von Wehrmacht und SS nicht in Siegerposen herumlaufen dürfen.“ Wenn die Organisatoren bei den Akteuren unsicher gewesen wären, hätten sie diesen Teil nicht in den Festumzug integrieren sollen.

Ein TV-Bericht beim MDR.

Siehe auch: NPD in Sachsen-Anhalt radikalisiert sich weiter, Handbuch für die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus: Es kommt auf die Kommune an!, Der braune Aufbau Ost geht weiter, Heye: Kultur des Wegschauens in Ostdeutschland, Rechtsextreme prügeln vor alternativem Club in Dessau-Roßlau