Die NPD-”Weltnetzseite”: Rassengünthers Baustelle

Schon seit etlichen Monaten hat die NPD eine umfassende „Medienoffensive“ angekündigt. Doch die NPD-„Weltnetzseite“ – so der politisch korrekte Ausdruck der Neonazis – kommt weiterhin wie eine Baustelle daher. Kurz vor dem Sonderparteitag Anfang April 2009 hatte die Seite ein neues Design bekommen, offenbar mit heißer Nadel gestrickt, da es bereits zuvor interne Kritik an dem Netzauftritt gegeben hatte. Auf der neuen Seite unterliefen der NPD allerdings gleich einige Fehler. So verlinkte die NPD beispielsweise unter der Abkürzung RNF auf das „Rhein-Neckar Fernsehen“ – statt auf die Frauenorganisation der Partei, dem „Ring Nationaler Frauen“. (NPD.de als Baustelle / Kooperation mit “Rhein-Neckar Fernsehen”? (Update))

Mehr als zwei Monate nach dem Parteitag hat sich auf der Seite der NPD weiterhin nicht viel getan. Neben vier Pressemelungen wurden einige Videos online gestellt, zudem werden auf der Startseite aktuelle Meldungen angeboten, einige lassen sich jedoch nicht lesen, da die Seite im unteren Bereich „zerschossen“ ist. Hinter den Punkten „Termine“ oder beispielsweise „Bilder“ finden Interessierte allerdings nur den Hinweis, dass die Seite weiterhin im Aufbau sei. Auch  besteht die NPD offenbar lediglich aus drei Personen: Auf der Seite „Köpfe“ wartet ein Dreigestirn bestehend aus Udo Voigt, Holger Apfel sowie Udo Pastörs auf Besucher. Auch Klicks auf das Twitter-Logo oder den RSS-Feed bringen wenig neues – man landet erneut auf der Startseite.

NPD zitiert „Rassengünther“

Dafür bietet die NPD unter „Politik von A bis Z“ aufschlussreiche Texte an. Zu dem Begriff „Rasse“ heißt es beispielsweise [alle Zeichenfehler im Original]:

Aus der Biologie stammende Bezeichnung für Menschen und Tiere gleicher Abstammung und sehr verwandter erbfester Anlagen. Rasse ist die Untergruppe einer Art. Die ?Menschheit? wird in drei Großrassen eingeteilt: Die mongolide, die europide und die negride Großrasse. Die europide Großrasse wird im allgemeinen in folgende Unterrassen gegliedert: Fälische (dalanordische), nordische, osteuropide (ostbaltische), ostische (alpine), dinarische und westische (mediterrane) Rasse. Diese Unterrassen bestehen in reiner Form nirgendwo. Die jeweilige kennzeichnende Zusammensetzung aus Unterrassen gibt den europäischen Völkern ihre unverwechselbaren Nationaleigenschaften. Rasse ist nicht ruhend, sondern ein langer biologisch-geschichtlicher Vorgang. Rassen entstehen durch Mutation, Isolation und Auslese. ?Rasse ist eine Menschengruppe, welche bei allen ihren Vertretern ein in der Hauptsache gleiches leiblich-seelisches Bild zeigt.? (Hans F. K. Günther, bedeutender Anthropologe).

Die NPD, die sich gerne als moderne Partei darstellen möchte,  bezieht sich hier also auf Hans F. K. Günther. Dieser wurde auch „Rassengünther“ bzw. „Rassenpapst“ genannt und war ein wichtiger „Rasseforscher“ der Nazis. Wikipedia schreibt zu Günther:

„Jedem von ihm entwickelten Menschentyp schrieb er bestimmte seelische Eigenschaften zu, die gemeinsam mit den äußerlichen Rassemerkmalen vererbt würden. Günther entwickelte im Laufe seiner nationalsozialistischen Karriere eine „Wertigkeitsskala“, in der die „nordische Rasse“ sich besonders durch Merkmale wie „Urteilsfähigkeit“, „Wahrhaftigkeit und Tatkraft“ auszeichnen sollte. Weiter seien dabei der „Gerechtigkeitssinn“, das „Einzeltum“ und die „Leidenschaftslosigkeit“, „Zurückhaltung bei der Geschlechtlichkeit“ besonders kennzeichnend für diese Rasse.
Dagegen zeichne sich die „westische (mediterrane) Rasse“ durch „Leidenschaftlichkeit“ und „geistige Beweglichkeit“ sowie „Heiterkeit“ und „Geselligkeit“ aus.
Der „ostischen Rasse“ bzw. „alpinen Rasse“[11] – gemeint sind dabei entgegen der verwirrenden Begrifflichkeit Personen, die überwiegend im Südwesten des deutschen Sprachraums leben – schreibt er „Verschlossenheit“, „Geduld“, und „Fleiß“ zu, wobei diese „empfänglich für Leitung und Führung“ sowie „bequem“ und damit „fügsam als Untertan“ sei und eine besondere „Anhänglichkeit an Familie und Örtlichkeit“ habe.
Als weiteren Typ beschreibt Günther die „dinarische Rasse“ (nach dem Dinarischen Gebirge), die sich durch ihren „besonderen Sinn für Ehre“ auszeichne und „überall eine stark vaterländische, besser: heimatliche Gesinnung“ habe. Besonders bemerkenswert an dieser Rasse sei „Verlässlichkeit“, „Tapferkeit“ und „Stolz“. Sie habe eine „gewisse händlerische und kaufmännische Begabung“ und neige „zu leichter Erregbarkeit“ sowie „zu schnellem Aufbrausen, ja zum Jähzorn und zu besonderer Rauflust“. Die dinarische Rasse sei darüber hinaus „gutmütig“, „derb“, „roh“ und „sentimental“.
Die „Vergleiche“, die Günther anstellte, liefen darauf hinaus, dass die „nordische Rasse“ die höchst entwickelte, aber auch die in ihrem Bestand gefährdetste sei. Seine Theorien wurden zeitweise zur maßgeblichen ideologischen Grundlage der nationalsozialistischen Rassenpolitik, die nicht nur zum Holocaust an den Juden und Zigeunern, sondern auch zur Ermordung zahlloser Angehöriger der als minderwertig diskriminierten slawischen Völker führte. Allerdings hielt Günther selbst das Thema Judentum für untergeordnet und meinte bereits in den zwanziger Jahren, der Begriff des Ariers sei veraltet. Das hinderte ihn allerdings nicht, sich in seiner Rassenkunde ausgiebig antisemitischer Klischees zu bedienen. Sein Wunsch war, dass die Juden nach „Palästina oder ein anderes, ihren Erbanlagen angemessenes Gebiet“ auswandern.“

Die nationalsozialistischen Verbrechen verharmloste Günther den Angaben zufolge bis an sein Lebensende. „Wieviele Gräuel würden über das Konzentrationslager Buchenwald zusammengelogen“, schrieb er demnach in dem Buch „Mein Eindruck von Adolf Hitler“.

Weiter geht es in der Rubrik von A bis Z: Unter dem Begriff „Stamm“ definiert die NPD nicht den „Stamm“, sondern mehr oder weniger aufschlussreich ihre Vorstellung vom Volk:

Ein Volk entsteht oft aus Stämmen, regionalen Einheiten gleicher Sprache. Volk ist von Natur gegeben. Nation ist nicht gleich Volk; sie ist ein sich politisch bewußt gewordenes Volk mit einheitlichem Handlungsvermögen. Grundlegend für ein Volk sind: Gemeinsame Abstammung, Geschichte, Sprache, Kultur sowie gemeinsames Erleben und Schicksal. ?Volk ist die aus einem oder mehreren Stämmen erwachsene, von gemeinsamer Geschichte und gemeinsamem Lebensraum geprägte Kultur- und Lebensgemeinschaft, die sich eine wesensgemäße staatliche Form schaffte und damit bewußt zur Nation wird.? (POLITISCHES LEXIKON, Hannover 1966). Das Volk gliedert sich nicht waagerecht in ?Klassen?, sondern senkrecht in gleichberechtigte Stände.

Übrigens weist die NPD hier nicht darauf hin, dass sie sich selbst zitiert. Denn das Politische Lexikon ist eine Publikation der NPD aus den 1960iger Jahren.

Schon wenige Blicke auf die Homepage der NPD zeigen, wohin die Reise gehen soll. Anfang Juni feierte die NPD beispielsweise die zahlreichen neuen Mandate bei den Kommunalwahlen, vor allem in ostdeutschen Ländern. Welchen Stellenwert Kommunalparlamente in einem NPD-Staat noch hätten, wird unter dem Punkt „Zentralismus“ deutlich:

Eine starke Zentralgewalt bedeutet die Macht der Staatsregierung die wesentlichen, richtungsweisenden Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen. Zentralistische Systeme trachten danach, innere Geschlossenheit, äußere Einheit sowie eine wirksame Handlungsfähigkeit aufzuweisen. Zentralismus fördert eine erhöhte nationale Identität, und wirkt seperatistischen Bestrebungen entgegen. Richtig verstandener Zentralismus läßt jedoch durch seine politisch entlastende Wirkung auch den Regionen den nötigen Spielraum für ihre kulturelle Eigenständigkeit.

Die „Weltnetzseite“ der NPD ist ein Sammelsurium von pseudowissenschaftlichen Texten, vermeintlichen Web-2.0-Elementen und veralteten Pressemeldungen. Offenbar verfügt die Bundespartei nicht über ausreichend Ressourcen, um die Seite umfassend zu pflegen. Die Seiten der Fraktionen in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern sowie die einzelner Landesverbände sind aktueller und umfassender. Auch auf dieser Ebene zeigt sich die Schwäche der Bundespartei gegenüber den Machtzentren der NPD in Schwerin und Dresden.

Siehe auch: NPD.de als Baustelle / Kooperation mit “Rhein-Neckar Fernsehen”? (Update), “Medienoffensive” im Internet – mit drei Jahre altem Beitrag / Nachtrag 21. Juli, NPD-Parteitag: Tücken der Technik oder verpixelte Transparenz?, Wird das Internet zum “Weltnetz”?, Neonazis und Internet: NPD bloggt im ‘Netztagebuch’