Rechte Spaßguerilla bei deutscher Wikipedia

Ist es in Ordnung, den am 02. Juni 1967 erschossenen Student Benno Ohnesorg als „Schwachkopf“ zu titulieren, als jemand, der „zur richtigen Zeit vom richtigen Täter“ erschossen wurde und „dessen historische Relevanz damit erschöpfend umfasst ist“? Beobachtet man die neuesten Vorfälle in der deutschsprachigen Wikipedia, muss man zu dem Schluß kommen: Nicht so ganz. Richtig schlimm ist es offenbar allerdings auch nicht.

Von Günter Schuler* für NPD-BLOG.INFO

Was war geschehen? Am 5. Juni dieses Jahres setzte ein einschlägig bekannter Stammautor aus dem Wikipedia-Themenbereich Militär besagtes Statement auf die Diskussionsseite zum WP-Artikel „Benno Ohnesorg“. Was anschließend kam, war symptomatisch für die aktuellen Zustände im deutschsprachigen Lexikonablager: Der Einsteller wurde sachte getadelt, und das wars. In der Folge entwickelte die Geschichte allerdings eine Eigendynamik, die von der üblichen Dramaturgie derartiger Entgleisungen deutlich abwich. Die Fakten vier Tage darauf: Der fleissige Militärartikelschreiber mit dem Pseudonym MARK hatte die Wikipedia-Community über Monate manipuliert, getäuscht und für seine politisch-persönlichen Zwecke funktionalisiert. Auch die Mittel zum Zweck waren nicht ohne: rund ein Dutzend unterschiedliche User-Accounts, gefakete Diskussionen und – immer wieder – Angriffe auf politisch mißliebige User. Krone des Ganzen: Einige Wikipedia-Administratoren flankierten das Theater monatelang mit Verständnis, Verharmlosung, Relativierung und gelegentlichem Admin-Know How.

Internetlexikon-Blamage, erster Akt: Was tun mit Äußerungen, die eventuell auch strafrechtliche Tatbestände tangieren – beispielsweise die Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener? Auf dem Planeten Wikipedia, wo ein Teil der Projektaktiven offensichtlich seinen Hauptwohnsitz hat, tut man sich mit solchen Dimensionen schwer. Nachdem einige Autoren – darunter auch ein Mitautor des Benno Ohnesorg-Lexikonartikels – ihre Mitarbeit am Online-Lexikon vorläufig suspendiert hatten, entschlossen sich die als Admins tätigen Projektverwalter zu einer kleinen, symbolischen Sanktion. Wikipedianische Konsequenz für „Schwachkopf“, „richtige Zeit“, „richtiger Täter“ und die in den Raum gestellte Verknüpfung zwischen Erschossenwerden und Wikipedia-Relevanz: ein Tag (!) Schreibsperre. Entlastend hinzuzufügen ist: Projektintern war die Eintagessperre höchst umstritten. Eine Reihe Wikipedia-Mitarbeiter wertete sie, nicht ganz zu Unrecht, als erneutes Ohnesorg-Nachtreten. Die Folgediskussion, ausgetragen auf einer Projektseite, auf der über umstrittene Sperrentscheidungen diskutiert wird, förderte neben Kritik allerdings viel gesundes Volksempfinden, Verharmlosung und Verständnis für den „Fehltritt“ zutage.

Prügel angedroht

Besondere Erwähnung verdient dabei die Art und Weise, mit der die Kritiker des Eklats angegangen wurden. Ein weiterer Wikipedia-Admin, der den Platzverweis zwischenzeitlich auf drei Monate herausetzte, wurde von Kollegen „overruled“; die alte Sperrdauer wurde umgehend wieder in Kraft gesetzt. Flankiert war die Stimmungsmache pro MARK von harschen Vorwürfen; auf seiner User-Diskussionsseite wurde der administrielle Abweichler von einer anonymen IP mit Prügel bedroht. Der Text unter der Betreff-Zeile: „Du kleiner arbeitsloser Spinner“ ließ nicht nur an Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig. In seiner Drastik wirft er ein bezeichnendes Licht auf den Stammtisch-Furor, der sich – von einer Gruppe von Admins aktiv gefördert – bei Wikipedia breitgemacht hat. O-Ton: „Was bildest du dir eigentlich ein, hast du ein psychisches Problem oder wie ? Erstens hast du kleiner Penner hier keine willkürlichen 3 Monats Sperren zu entscheiden und zum Zweiten hast du hier garnichts zu melden. Falls es dir noch nicht aufgefallen ist du kleiner Rotzlöffel, kannst du froh sein das du für Wikipedia reverten darfst, aber auch nicht mehr. Du sollst für Wikipedia arbeiten und sonst nichts. Sollte das dein kleines Gehirn nicht verstehen das du hier nichts zu entscheiden hast, vielleicht sollte man dir mal richtig eine Scheuern, auf deine dicken Backen, damit das Signal in deinem Minigehirn auch ankommt. Du bist hier ein ganz kleiner Rotzlöffel, verstehe das mal endlich und lande mal in der Realität.“

Internetlexikon-Blamage, zweiter Akt: Die virtuelle Realität entpuppte sich in dem Fall als professionell in Szene gesetzte Pseudo-Realität. Da eine Reihe von Wikipedia-Stammautoren bereits länger den Verdacht hegte, dass der User hinter dem Pseudonym MARK mit mehreren Accounts agierte (im Netzjargon der Wikipedianer: mit „Sockenpuppen“), brachte ein weiterer Projektadmin ein sogenanntes Checkuser-Verfahren auf den Weg. Bei dieser Prozedur überprüfen speziell dafür befugte Wikipedia-Mitarbeiter die IP-Adressen, die hinter Autoren-Nicknames stecken und checken diese hinsichtlich Nickname- und Range-Auffälligkeiten durch. Datenrechtlich gesehen ist diese Prozedur nicht ganz unproblematisch. Rein operativ gesehen sind Checkuser-Anfragen jedoch ein effizientes Mittel, manipulierenden Editoren auf die Schliche zu kommen. Im konkreten Fall zeigte die beantragte Prozedur nachhaltige Ergebnisse. Angesichts der drohenden IP-Überprüfungen gab der User schließlich schriftlich zu Protokoll, rund ein Dutzend unterschiedliche Accounts unterhalten zu haben. Ungeklärt weiter im Raum stehen unterschiedliche Edits als anonyme IP – teilweise durchgeführt vom Rechnernetzwerk der Freien Universität Berlin. Der Umfang des Desasters: Mithilfe seiner multiplen Accounts hatte der User nicht nur Abstimmungen zu lesenswerten und exzellenten Artikeln manipuliert, sondern auch gefakete Pseudo-Diskussionen in Szene gesetzt, Artikel-Verläufe manipuliert und mißliebige, politisch links verortete User mit provokativen Artikeledits unter Streß gesetzt. Der Grund? Wie es aussieht, aus purem Daffke – weil es möglich war, und weil sich das schöne Spiel mit den doppelten, dreifachen und vierfachen Cyberspace-Identitäten so wunderbar perfekt in Szene setzen ließ.

Weitere Provo-Accounts

Ein rechter Provo-Account in Wikipedia, einer zudem, der aufgeflogen ist? Bezeichnend an der Sache ist auch die Tatsache, wie lange die wikipedianische MARK-Show gutgehen konnte. Spaßig – zumindest für Betroffene – waren die Attacken schon länger nicht. Auch der Fleiß des Users war keinesfalls zu verachten. Die letzte Aktion vor der Ohnesorg-Schmäh – das Einstellen von Mengele und Bormann-Zitaten in Artikelbeiträgen zu den besagten Nazigrößen (Beispiel Josef Mengele: „Beim Augenlicht meiner Mutter, ich habe nie jemandem etwas zuleide getan) – lag gerade einmal 24 Stunden zurück. Das von MARK zu Protokoll gegebene Teilgeständnis brachte weitere potenziell unangenehme Erkenntnisse. Beispielsweise die, dass die MARK-Einmannshow offensichtlich zugange war, sich zum rechten Spaßguerilla-Trio aufzustocken – mithilfe zweier weiterer, bereits vor einiger Zeit gesperrter User, die mit einer ähnlichen Strategie in Wikipedia operiert hatten. Daraus wird (vorerst) nichts; nach dem mit viel Krokodilstränen vorgetragenen Geständnis wurde der Account MARK unbegrenzt gesperrt. MARKs letzte Worte an die Community könnten sich, wie die Dinge dort stehen, allerdings als zutreffende Prophezeiung erweisen:

„Ihr werdet sehen, auch ohne mich bleibts dasselbe in grün ;-)“

Möglicherweise wird es so sein. Obwohl der Wikipedia-Träger Wikimedia Foundation explizit als Nichtregierungsorganisation wahrgenommen werden möchte, weigern sich Projekt und Community weiterhin beharrlich, menschenrechtliche Minimalstandards verpflichtend in ihre Policies aufzunehmen. Auch was den Schutz der Autor(inn)en angeht und Antidiskriminierungsetikette, sieht es mau aus. Da die neueste Strategie einiger Rechter – Nazisprüche nein, aber Stammtischsprech: bitte – bei der deutschen Wikipedia ein tolerantes Reservat gefunden hat und auf einigen Admin-Zuspruch stößt, wird man auf zukünftige Eklats dieser Sorte vermutlich nicht lange zu warten brauchen.

*Günter Schuler hat das Buch Wikipedia Inside geschrieben.

Siehe auch: Wikipedia: Im Visier der Rechten, Wortergreifungsstrategie 2.0: Rechte bei Wikipedia

15 thoughts on “Rechte Spaßguerilla bei deutscher Wikipedia

  1. 1. Lern schreiben.

    2. Mir steht zumindest das Recht zu, nicht vor dem Nazipack zu kuschen und mich mit „Die Linken sind genauso schlimm“ rauszureden.

  2. XFaces37X,

    > „Wieso werden hier Einträge gelöscht, die euch nicht passen?!“

    Vielleicht waren sie strafrechtlich problematisch odernur unverständliches Gestammel ? :-)

  3. „Wer hat gesagt, dass Nazis Rechte zustehen, die sie anderen absprechen?“

    „wer sagt das dir recht zustehen urban ?“

    Menschenrechte stehen euch nach Art.1 I GG zu! Bürgerrechte sofern ihr die Tatbestandsvoraussetzungen des Art. 116 I oder II GG erfüllt (d.h. der Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft).
    Ich nehme es mal vorweg: Nirgendwo steht etwas zur politischen Ausrichtung!

    Demnach stehen Nazis, Chaoten, Terroristen, Kinderschändern und allen anderen Menschen und Brügern die jeweiligen Rechte uneingeschränkt zu. Dies ist eine kulturelle Errungenschaft und keine Schwäche!

  4. @Demokrat bzgl. des Kameraden-Peterle88:

    „Denn irgendwie können das gerade die Jahrgänge 88, 18, 14 etc. nicht auseinanderhalten!“

    …gröhl, mal genau Ihrer/deiner Ansicht. :)

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