Aus für Bombenstimmung in Göttinger Table Dance Bar

Die Göttinger Table Dance Bar, in der es im November 2008 zu einer bewaffneten Auseinandersetzung mit einer Pumpgun gekommen war, hat offenbar ihren Betrieb eingestellt. Das hat ein ehemaliger Mitarbeiters in einem Prozess gegen drei Neonazis wegen versuchten Totschlags und versuchter schwerer Brandstiftung vor dem Landgericht Göttingen ausgesagt.

Von Kai Budler für NPD-BLOG.INFO

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 34-jährigen Hauptangeklagten Mario M. vor, im November 2008 in der Bar mit einer abgesägten Pumpgun auf einen Mitarbeiter geschossen zu haben. Nachdem er und vier Bekannte aus dem Haus geworfen wurden, sollen sie zwei Brandsätze gegen das Gebäude geworfen haben.

Einnahmen durch Rechtsrock

Der Nachtclub war im Sommer 2008 in die öffentliche Diskussion geraten, als M. dort ein Rechtsrockkonzert mit drei Bands veranstalten wollte. Nach Protesten hatte die Stadt Göttingen das Konzert aus konzessionsrechtlichen Gründen untersagt. Mario M. wird der rechtsextremen Szene in Göttingen zugeordnet und pflegte nach Polizeiangaben lange Zeit gute Kontakte zu dem NPD-Politiker Thorsten Heise.

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Der ehemalige Discjockey der Table Dance Bar sagte vor Gericht, der damalige Inhaber habe sich an Mario M. gewandt, um mit seiner Hilfe die Finanzen des Clubs über Konzerte aufzubessern. Nach den Protesten habe der Betreiber jedoch aufgegeben und die Bar an den heute 29-jährigen Robert B. abgegeben, der die Geschäftsführung des Lokals unter neuem Namen übernommen hatte. Der frühere Geschäftsführer Antonino M., auf den später geschossen wurde, habe ihn eingearbeitet und ihm beim Betrieb geholfen. M. tritt in dem Prozess als Nebenkläger auf und sagte jetzt als Zeuge vor Gericht aus.

Pumpgunschuss nach Streit über Hitlergruß

Demnach hatte der Hauptangeklagte im November mit Freunden seinen Geburtstag in der Bar gefeiert. Zum Streit sei es gekommen, nachdem der bekennende Waffennarr und Neonazi nackt auf der Bühne zwei dunkelhäutigen Gästen den Hitlergruß gezeigt hatte. Begleitet worden sei diese Geste mit entsprechenden Parolen und Liedern seiner Geburtstagsgäste. Im benachbarten Büro sei es anschließend zu der Auseinandersetzung gekommen, in deren Verlauf Mario M. mit seiner Pumpgun auf den Nebenkläger und Kampfsportler gezielt habe. Dieser habe die Waffe beiseite gedrückt, worauf sich ein Schuss gelöst habe, der ein Loch in der Lehmwand hinterließ, „in das man ein Sixpack hätte stellen können“. Nachdem die fünfköpfige Personengruppe vor die Tür gesetzt worden war, revanchierten sich die Neonazis, indem sie zwei Molotow Cocktails gegen die holzverkleidete Wand des Gebäudes warfen.

Waffennarren, militante Neonazis und das Rotlichtmilieu

Die Mischung der Geburtstagsgäste aus aktuellen NPD-Aktivisten aus der Region und schon in den 80er und 90er Jahren tätigen Neonazis aus dem Umfeld der Kameradschaft Northeim ist zwar kein Beleg für organisierte Neonazi-Strukturen vor Ort. Die Zusammensetzung gibt aber Auskunft über ein regionales Netzwerk aus militanten Neonazis, NPD-Anhängern und einer Rechtsrockszene samt Vertriebswegen mit Verbindungen in das europäische Ausland. Zusammen sollte offenbar versucht werden, in Göttingen ein lukratives Rotlichtmilieu aufzubauen und für die eigenen Zwecke zu nutzen. So wusste ein Zeuge vor Gericht zu berichten, dass Mario M. beabsichtigt habe, mit weiteren Rechtsextremen in das Geschäft einzusteigen, um dort u.a. weitere Rechtsrockkonzerte zu veranstalten und so der bislang in Göttingen heimatlosen rechten Szene Räumlichkeiten zu bieten.

Eine besondere Brisanz erhalten die Vorfälle durch die anschließenden Waffenfunde bei zwei der drei Angeklagten. Auch ein weiterer Beteiligter ist bei der Polizei kein Unbekannter: Der 25-jährige Mann aus dem Landkreis Osterode hatte sich 2007 mit einer Pumpgun in die eigene Decke geschossen und damit unfreiwillig den Startschuss für zwei groß angelegte Waffenrazzien in Südniedersachsen gegeben. Genau wie er soll in dem Prozess auch der Neonazi Dennis Franke als Zeuge gehört werden. Der in Göttingen geborene Franke muss sich demnächst vor der Jugendkammer des Landgerichts Rostock u.a. wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Gemeinsam mit dem dem NPD-Kandidaten für den Ludwigsluster Kreistag, Michael Grewe, und einem weiteren Neonazi gilt Franke als Rädelsführer des Überfalls von Neonazis auf 60 alternative Jugendliche in einem Regionalexpress in Pölchow im Juni 2007.

Weitere Anklagen erwartet

Der Prozess beleuchtet eine für die Region Göttingen explosive Mischung, die nur durch den Schuss aus der Pumpgun von Mario M. öffentlich geworden ist, der der „Bombenstimmung in der Bar“ ein Ende setzte. Der ehemalige Bundeswehrausbilder muss sich neben des versuchten Totschlags auch wegen des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verantworten. Auch der als Kopf der rechtsextremen Szene in Einbeck bekannte Dirk N. wurde jetzt von der Staatsanwaltschaft wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz angeklagt. Diese Anklagepunkte werden in der kommenden Woche vor dem Landgericht verhandelt. An zwei Verhandlungstagen soll es dort speziell um die Waffenfunde und deren strafrechtliche Konsequenzen für die Angeklagten gehen. Außerdem kündigte die Staatsanwaltschaft bereits jetzt eine weitere Anklage an.

Siehe auch: Schießerei in Nachtbar: Polizei ermittelt Herkunft der Pumpgun, Niedersachsen: Rechtsextreme orientieren sich neu, Prozessbeginn gegen Neonazis wegen Schießerei mit Pumpgun, Schwere Brandstiftung: Anklage gegen südniedersächsische Neonazis, Linke befürchtet terroristisches Neonazi-Netzwerk in Südniedersachsen, Anzeige gegen NPD-Vorstand Heise wegen Volksverhetzung, NPD-Bundesvorstandsmitglied Heise wirbt offenbar mit KZ-Szene, Waffenfunde bei Durchsuchungsaktion gegen Neonazis in Südniedersachsen, Niedersachsen: Neonazis unter Waffen, Südniedersächsische Neonazi-Szene nach Waffenfunden im Visier, Polizei stellt bei Hausdurchsuchungen Waffenarsenal sicher, Rechtsextreme beim Table-Dance mit Pumpgun und Brandsätzen, Niedersachsen: Kein Neonazi-Schwerpunkt im Südharz?