Prozessbeginn gegen Neonazis wegen Schießerei mit Pumpgun

Vor dem Landgericht Göttingen müssen sich zurzeit drei Angehörige der rechtsextremen Szene aus Südniedersachsen wegen versuchten Totschlags und anderer Delikte verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 34-jährigen Hauptangeklagten vor, im November 2008 in einer Göttinger Table Dance Bar mit einer abgesägten Pumpgun auf den Geschäftsführer geschossen zu haben. Nachdem er und vier Bekannte aus dem Haus geworfen wurden, sollen sie zwei Brandsätze gegen das Gebäude geworfen haben. Schon nach dem ersten Verhandlungstag verspricht der Prozess tiefe Einblicke in die Verstrickung von Neonazis, Rotlicht-Milieu und Waffenhandel in Südniedersachsen.

Von Kai Budler für NPD-BLOG.INFO

Es sei alles ganz anders gewesen, sagte der 34-jährige Mario M. zu Prozessbeginn. Er habe mit seiner Pumpgun nicht gezielt auf den Geschäftsführer geschossen. Der Schuss habe sich aus Versehen gelöst, als er die Waffe wieder einpacken wollte. Ohnehin habe er die Waffe in der Vergangenheit schon mehrmals mitgebracht, wenn er vom Geschäftsführer gerufen worden sei. Er sei für die Sicherheitsmaßnahmen zuständig gewesen, wenn sich Ärger angekündigt habe: im „Milieu“ sei es keine Seltenheit, wenn man eine Pumpgun ziehe.

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Polizisten vor der Table Dance Bar 

Doch nachdem er den Schuss abgegeben hatte, war die Freundschaft zwischen den beiden Männern offenbar zu Ende. Von kräftigen Schlägen begleitet, wurde der 34-Jährige mit vier weiteren Bekannten aus der Bar geworfen. Daraufhin habe man in den frühen Morgenstunden beschlossen, dem Geschäftsführer einen Denkzettel zu verpassen. Aus dem von dem mitangeklagten 38-jährigen Axel B. in einer Tankstelle gekauften Benzinkanister und zwei Flaschen bastelte Mario M. zwei Brandsätze und schleuderte sie aus ca. fünf Metern Entfernung gegen die holzverkleidete Gebäudewand.

Benzin für Brandbomben mit Karte bezahlt

Die beiden Mitangeklagten ließen über ihre Anwälte Erklärungen verlesen, in denen sie die Angaben ihres Bekannten weitestgehend bestätigten. Axel B. blieb auch nichts anderes übrig: Er hatte das Benzin mit seiner Scheckkarte bezahlt und wurde dabei in der Tankstelle von einer Videokamera gefilmt.

Die Vorfälle hatten weitreichende Folgen: bereits am Tattag hatten die Ermittler bei Mario M. eine Maschinenpistole, ein Präzisionsgewehr mit Zielfernrohr, eine Pistole, mehrere Messer und 450 Schuss Munition sichergestellt. Weil er zwei Jahre vorher schon einmal eine Maschinenpistole gekauft hatte, erhob die Staatsanwaltschaft jetzt gegen ihn Anklage wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Auf weitere Waffen waren die Ermittler am Tattag bei dem 34-jährigen mitangeklagten Dirk N. gestoßen. Der gelernte Koch gilt als führendes Mitglied der rechtsextremen Szene im Raum Einbeck bei Göttingen und betrieb mit Axel B. einen Online-Versandhandel. In dem „erlebnisorientierten Kleidungsversand“ sind neben rechtsextremer Musik u.a. Baseballschläger und Ku-Klux-Klan Aufnäher erhältlich.

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Woher kommen die Waffen?

Zu der Herkunft der bei ihm gefundenen Waffen schwieg Mario M., der bei der Bundeswehr vier Jahre als Ausbilder und Panzerkommandeur beschäftigt gewesen war. Dabei dürfte für die Ermittler besonders die Quelle von großem Interesse sein, immerhin führten die ersten Waffenfunde im Januar zu groß angelegten Hausdurchsuchungen in der südniedersächsischen Neonaziszene. Dabei stellte die Polizei ein umfangreiches Waffenarsenal, indizierte Tonträger und Propagandamaterial sicher. Nur zwei Wochen später hob die Polizei einen Waffenhändlerring mit Schwerpunkt in Osterode am Harz aus. An diesem Schlag dürften die kurz zuvor gewonnenen Erkenntnisse einen erheblichen Anteil gehabt haben. Auf die Spur gekommen waren die Ermittler dem Ring, nachdem sich ein Rechtsextremer aus dem Landkreis Osterode im Jahr 2007 mit einer Pumpgun in die eigene Decke geschossen hatte. Auch der damals 25-jährige war an der Auseinandersetzung in der Table Dance Bar beteiligt und soll im Prozess als Zeuge gehört werden.

Neben einer möglichen Aufklärung der Waffenherkunft eröffnet der Prozess auch einen neuen Blick auf die personelle Zusammensetzung der rechtsextremen Szene vor Ort. Dafür sorgt die Gästeliste der Geburtstagsparty von Mario M., die dem Besuch der Bar vorausgegangen war. Unter den rund 15 Personen finden sich Mitglieder der NPD Göttingen ebenso wie ehemalige Kader der inzwischen verbotenen FAP aus dem Umfeld von Thorsten Heise, die bereits Ende der 1980er Jahre in Südniedersachsen ihnen missliebige Personen angegriffen und zum Teil verletzt hatten. Eine gefährliche Mischung, die von heute aktiven Neonazis aus der Region nur noch verschärft wird. Um die wirklichen Zusammenhänge aufzuklären, bleibt noch viel Zeit: für den Prozess sind vorerst 15 Verhandlungstage bis in den August angesetzt.

Siehe auch: Schwere Brandstiftung: Anklage gegen südniedersächsische Neonazis, Linke befürchtet terroristisches Neonazi-Netzwerk in Südniedersachsen, Anzeige gegen NPD-Vorstand Heise wegen Volksverhetzung, NPD-Bundesvorstandsmitglied Heise wirbt offenbar mit KZ-Szene, Waffenfunde bei Durchsuchungsaktion gegen Neonazis in Südniedersachsen, Niedersachsen: Neonazis unter Waffen, Südniedersächsische Neonazi-Szene nach Waffenfunden im Visier, Polizei stellt bei Hausdurchsuchungen Waffenarsenal sicher, Rechtsextreme beim Table-Dance mit Pumpgun und Brandsätzen, Niedersachsen: Kein Neonazi-Schwerpunkt im Südharz?