Nazi-Rapper zu Bewährungsstrafe verurteilt / Interview mit “Chaoze One”

Dass Neonazis gerne Subkulturen für ihre völkische Ideologie besetzen, ist nicht neu. Und so erscheint es zwar auf der einen Seite höchst absurd, wenn Rechtsextremisten den aus den schwarzen Ghettos stammenden Rap für sich entdecken. Auf der anderen Seite ist das Mackergehabe und das Spielen mit „Wurzeln“ und Identitäten gerade in einigen Zweigen dieses Genres so verbreitet, dass hier für einige rechtsextreme Halbstarke eine attraktive Spielwiese geboten werden könnte.

In Bielefeld wurde nach einem Bericht der Neuen Westfälischen nun ein 24-Jähriger für seine rassistischen Rap-Texte verurteilt. Wegen Volksverhetzung verhängte das Amtsgericht gegen den Bielefelder eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten mit Bewährung. Der Hobby-Musiker hatte unter einem Pseudonym ein Musikalbum im Stil des „Gangsta-Rap“ mit 16 Liedern produziert, von denen mindestens vier ausländerfeindliche und rassistische Textpassagen enthielten.

Angeberei mit Download-Zahlen

Dieses Album erschien nie auf CD, konnte aber in der Zeit von November 2007 bis November 2008 von der Internet-Homepage des Angeklagten heruntergeladen werden. In einem Interview mit dem als rechtsextrem geltenden Musikmagazin Rock Nord hatte er behauptet, dass diese Tracks 31.000 mal heruntergeladen worden seien. Vor Gericht machte der dem Bericht zufolge einen Rückzieher und bezeichnete diese Zahl als „rein fiktiv“.

In den Songs ist laut NW die Rede von „Kanaken“ und „Missgeburten aus dem Morgenland“, Ausländer werden generell als minderwertig dargestellt, es wird zur Gewalt gegen sie aufgerufen. Dem Album sei ein Symbol vorangestellt, das starke Ähnlichkeit mit dem Adler der ehemaligen Wehrmacht aufweist. Eines der Stücke mit dem Titel „Geschichtsunterricht“ habe eine Hitlerrede zum Inhalt.

Rassismus als Freiheit der Kunst?

Der Angeklagte verglich seine Machwerke mit umstrittenen Computerspielen und berief sich schließlich auf die Freiheit der Kunst, Er habe nicht politisch betätigen wollen, sondern Musik machen wollen, die dem Konzept der heutigen Rapper-Szene entspreche, lautete das Schlusswort des Angeklagten demnach. Die Grenzen der künstlerischen Freiheit seien in diesem Fall eindeutig überschritten worden, hieß es zur Begründung des Urteils. Dem „Rapper“ wurde die Bewährungsauflage erteilt, 600 Euro an das Westfälische Kinderdorf zu zahlen.

Bei dem verurteilten Rapper handelt es sich offensichtlich um „König Bock“. Das erwähnt Interview im RockNord veröffentlichten auch Untergruppen der „Jungen Nationaldemokraten“ auf ihren Seiten. Darin erklärt „Bock“ auch, warum seine zweite Veröffentlichung „Walther – Steinar – Königssee“ heißt: „WSK habe ich von April bis September 2007 produziert. Die Texte sind mitunter auch schon etwas älter, die Beats und die Aufnahmen stammen aber alle aus dem letzten Jahr. Walther (P99) steht für die schönste Handfeuerwaffe der Welt, (Thor) Steinar für die schönsten Klamotten der Welt und der Königssee ist einfach nur der schönste See der Welt.“

Interview mit Chaoze One

NPD-BLOG.INFO sprach mit dem Rapper „Chaoze One“ aus Mannheim über Rassismus in der Hiphop-Szene.

NPD-BLOG.INFO: Rap ist eine schwarze Musik gewesen. Wie schaffen es Rechtsextremisten und Rassisten, diesen offensichtlichen Widerspruch zu überwinden? Gibt es Parallelen zu Entwicklungen bei anderen Musikstilen, die auch mal von Rassisten als „Negermusik“ gehandelt wurden?

Chaoze One: Ich bin der festen Überzeugung, dass Nazis absolut keine Scheu haben ’schwarze Musik‘ zu kopieren und sie mit ideologischen Inhalten zu füllen. Das fand beim Nazi-Rock ganzgenauso statt und wäre damals auch undenkbar gewesen, inzwischen sind Nazi-Bands aus der Subkultur nicht mehr wegzudenken. Da im Moment die junge Generation von Neofaschisten wieder verstärkt Querfront Strategien einsetzt, unter Anderem ja auch die Mode und die Szene Codes der verhassten Linken kopiert, passt es absolut ins Bild, dass Nazis versuchen die meiner Meinung nach momentan einflussreichste Jugend-Subkultur zu instrumentalisieren. Der Zweck heiligt da quasi die Mittel, bzw. es gibt inzwischen auch Nazis die mit dem ‚Nazigeschraddel‘ von Landser nicht viel anfangen können und sich in Baggy Pants wohler fühlen als in Chlorex Jeans. Wie wenig Berührungsängste in Teilen der Szene existieren zeigt z.b. dass auch politische HipHop Tracks von explizit migrantisch geprägten HipHop-Crews auf Demos gespielt werden. Nichtsdestotrotz wird die Agitation über Rap Musik auch innerhalb der neuen Rechten kontrovers diskutiert.

NPD-BLOG.INFO: KingBock hat kein Label bekommen für seine Veröffentlichungen. Warum nicht? Ist die Musik zu schlecht, oder will niemand so einem Typen unterstützen?

Chaoze One: Hier kommen wir schon zur ersten feinen Unterscheidung. So aggressiv wie viele Mainstream Rapper auch mit maskulinen oder gar nationalen Codes hausieren gehen, ein waschechter Faschist hätte innerhalb der Subkultur sicher keine Chancen. Ich bin überzeugt davon dass ein Großteil der HipHop-Szene zumindest eine grundlegend antirassistische Haltung hat. Wobei wir hier dann unterscheiden müssen zwischen ‚der Szene‘ und dem ‚Rap Konsumenten‘, der seinen Rap über MTV und Viva bezieht. Die HipHop Szene an sich bietet denke ich weitestgehend keinen Raum für Nazis, die Musik aber schon.

NPD-BLOG.INFO: Welche rechten Rapbands gibt es eigentlich? Wie ist ihr Einfluss?

Chaoze One: Ernstzunehme rechte Rapbands kenne ich kaum. Dort einzuordnen wären allenfalls Dissau Crime, die damals mit ihrem Album ‚Zyklon D – Frontalangriff‘ auf dem Index landeten. Das Album war absolut grottenschlecht und stach nur erschreckend durch eine Aneinanderreihung von rassistischen, antisemitischen, nationalen und sexistischen Phrasen hervor. Die Crew gibt sich heute noch >> beleidigt und versteht nicht warum Sie einen Nazivorwurf bekommen hat. Dann gibt es eben noch King Bock, der nach einem technisch schlechten Demo ein schlechtes Album veröffentlicht hat und Ostmob.

NPD-BLOG.INFO: Wie hat sich die Szene durch Fler und andere Popgrößen verändert?

Chaoze One: Fler war mit der erste, dem der Tabubruch im Hinblick auf Sexismus und Homophobie nicht mehr ausreichte. Was folgte war eine Verwässerung von nationalen Symbolen, Metaphern und Codes, kalkulierte Schocker, die Fler zu seinem ersten wirklichen Erfolg verhalfen: „Neue deutsche Welle“ war vom Teenie bis zum Schulleiter in aller Munde. Beworben wurde die Veröffentlichung mit ‚Ab dem 01. Mai 2005 wird zurückgeschossen‘, Flers Logo ist ein stilisierter Adler, der ähnlichkeit mit dem Reichsadler hat. Nun ist es aber so dass ich Fler tatsächlich nicht für einen Nazi sondern schlicht für einen Idioten halte, dem für Verkaufzahlen und Bravo-Reportagen kein Mittel zu schade ist. Was man ihm vorwerfen kann ist aber, dass er den Weg ebnet für realen Nazi-Rap.

NPD-BLOG.INFO: Bei Grufties und Gothics wurde es lange Jahre ignoriert, dass sich Nazis in der Szene breit machen. Wie sieht das in der Rap-Szene aus?

Chaoze One: Ich denke dass das Thema durch das Buch „Fear of a Kanak Planet“ von Loh/Güngör und deren Lesereise recht viel diskutiert wurde. Ich war selbst bei verschiedenen Veranstaltungen in Hamburg, Flensburg, Mannheim und Heidelberg und habe sie immer als gut besucht erlebt. Trotzdem scheint mir die HipHop Szene vor dem Gedanken zu scheuen, Nazis könnten Einzug in Ihre Szene halten. Ich halte aber HipHop auch tatsächlich als Subkultur für weniger gefährdet als z.b. Gothic – es gibt soweit ich weiß Schnittpunkte zwischen Gothics und Nazis die es im HipHop nicht gibt – wie z.B. Götter, Germanen und Esotherik. Nochmal, ich hoffe ich mache das deutlich: die Musik an sich kann sicher kopiert und missbraucht werden, das möchte ich nicht ausschließen!

NPD-BLOG.INFO: Müssen sich deutsche Rapper stärker positionieren? Und wie sieht es in anderen euroäischen Ländern aus?

Chaoze One: In Frankreich z.b. ist es absolut üblich auch viele politische Bezüge in den Rap Texten zu haben. Wer in Deutschland politische Aussagen in Rap Tracks macht ist schnell in der defensive und als Ökorapper verschrieen. Wenn du mich fragst ist es in der HipHop Szene wie in der Gesellschaft: totschweigen bringt nichts, nur mit gezielter Positionierung und eindeutigen Statements kannst du zumindest einen Gegenpol schaffen. Der Rapszene komplett das Politische abzusprechen wäre aber auch unfair, nur die die im Moment die Chartpositionen bestimmen haben für politische Statements nicht allzuviel übrig.

Siehe auch: Homepage von Chaoze One, Chaoze One bei MySpace, Tibor Sturm: “Ich lasse mich nicht in die Opferrolle pressen”

12 thoughts on “Nazi-Rapper zu Bewährungsstrafe verurteilt / Interview mit “Chaoze One”

  1. wen interessiert der „richtige name“?

    Wer rapt, er sei Stolz auf sein Land, sollte sich einmal überlegen ob es cool ist positiv auf Grenzen und Unterdrücker zu reagieren und sich mit imperialistischen Systemen zu solidarisieren.
    Patrioten fürn Arsch. Nationalstolz raus aus HipHop.
    Heimat ist ein Gefühl und kein scheiss Land.

    Solange National-Flaggen über uns wehen ist keiner frei. Und HipHop ist Freiheits-Musik.

  2. Ich möchte mal anmerken, dass der Herr Bock eher in die Kategorie stumpfe Provokation einzuordnen ist. In der eigentlichen rechten „Szene“ findet er eher weniger Anklang, da seine Texte mitunter auch Drogen verherrlichen.

    Viel gefährlicher und unter Nationalisten akzeptiert sind hingegen rechte Rap-Bands, welche gezielt dieses Musikgenre als Propagandamittel unterwandern. In letzter Zeit machten z.B. Bands wie Sprachgesang zum Untergang (SzU) oder n´Socialist Soundsystem (Enesess) durch ihre Veröffentlichungen und deren kostenloser Verbreitung auf sich aufmerksam. Deren Lyrics bewegen sich im legalen Rahmen und enthalten keinerlei explizit formulierte Hetze. Ziel solcher rechtsextremen Künstler sind mit Sicherheit nicht nur Anhänger der Hip Hop-Kultur, sondern vor allem auch Mainstream-Hörer, welche ab und an mal einen Rap-Song hören.

    King Bock mit seinen primitiven Beleidigungen wird kaum Jugendliche für den NS begeistern können. Daher sollte man sich lieber auf „Künstler“ konzentrieren, die das Ganze als ernsthaften Propagandaversuch betreiben. Diese sind leider attraktiver ud gefährlicher für Jugendliche, da sich bewusst um eine musikalisch hochwertige und textlich zurückhaltente Hinführung zur NS-Ideologie bemüht wird. Man sollte diese bedenkliche Entwicklung im Auge behalten und versuchen unsere Jugend davor zu schützen.

    Dass sich die Rechtsextremen ernsthaft Gedanken machen, wie sie Hip Hop und Rap noch effektiver für ihre politische Gehirnwäsche einsetzen können, kann man in zahlreichen Foren (allen voran im Thiazi) mitverfolgen. Mir gefällt dieses kalkulierte Vorgehen ganz und gar nicht. NS Rap stellt somit eine ernsthafte Gefahr dar!

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