“Ludendorffer” trafen sich erneut in Dorfmark

Als hätte sich nichts geändert: Als im vergangenen Jahr Teilnehmer eines internationalen Jugendcamps der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen nach Dorfmark gekommen waren, um gegen das bundesweite Ostertreffen der antisemitischen „Ludendorffer“ in der 4000– Seelen-Gemeinde im Landkreis Soltau-Bad Fallingbostel zu protestieren, mussten sie sich von Einheimischen als „Kanacken“ und „Affen“ bezeichnen lassen.

Von Stefan Schölermann, NDR Info

Am 10. April 2009 bekamen junge Leute in Dorfmark Ähnliches zu hören: „Ihr kommt wohl aus dem Irrenhaus. Ihr seid ja Vollspacken“, mit diesen Worten wurden sie diesmal empfangen. Tatsächlich kamen die jungen Laute aus mehr als zehn Nationen nicht aus dem Irrenhaus sondern aus der nahen KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen, wo sie sich als Teilnehmer eines internationalen Jugendcamps mit Themen wie Rassismus und Fremdenfeindlichkeit beschäftigt hatten. Dort waren auch die vor einem Jahr bundesweit für Schlagzeilen sorgenden Ausfälle in Dorfmark diskutiert worden.

In diesem Jahr war der Empfang in Dorfmark nicht viel freundlicher, als die jungen Leute im Alter zwischen 17 und 20 Jahren am frühen Nachmittag mit ihren bunten Transparenten in Dorfmark erschienen. Ein Anwohner der Hauptstraße herrschte die jungen Leute an: „Ihr seid mir zu laut. Wenn ihr so weitermacht, lasse ich die Hunde los.“ Die Ludendorffer hingegen fühlten sich nach eigenem Bekunden in Dorfmark bestens aufgehoben: „Wir kommen seit 35 Jahren hierher und wir wissen, dass wir in Dorfmark viele Freunde haben“, sagte einer von ihnen im der zentralen Tagungsstätte, dem Hotel „Deutsches Haus“. Zumindest bei den Wirtsleuten aber schein die Stimmung dann doch etwas angespannter. Zum erstenmal prangte an der Eingangstür in dicken schwarzen Lettern ein Schild mit der Aufschrift „Geschlossene Gesellschaft. Bund für Gotterkenntnis e.v.“. Als ein junger Mann dieses Schild fotografieren wollte, beschimpfte ihn der Wirt und griff ihm an die Gurgel.

Hinter der Bezeichnung „Bund für Gotterkenntnis“ verbirgt sich eine Gruppierung, die offenen Antisemitismus predigt, indem sie die Menscheit in „Licht –und Schachtrassen“ unterteilt, und die bundesweit aktiv ist. Seit mehr als 30 Jahren veranstaltet diese als „Ludendorffer“ bezeichnete Gruppierung ihr bundesweites Ostertreffen in Dorfmark. Für die Hotels und Pensionen der Region ein willkommenes Zubrot nach dem touristisch kargen Wintermonaten. Für die Gemeinde Dorfmark jedoch sind die „Ludendorffer“ spätestens seit den rassistischen Ausfällen einiger Einheimischer im vergangenen Jahr ein Menetekel.

Dennoch waren es überwiegend Menschen aus außerhalb der Gemeinde, die vor dem Tagungslokal gegen das Erscheinen der „Ludendorffer“ protestierten. Nicht nur für die rund 80 jungen Leute aus dem Camp in Bergen-Belsen war das Ostertreffen der rassistischen Gruppierung eine Provokation, sondern auch für rund 40 Teilnehmer einer Mahnwache, die sich vor dem Tagungshotel der „Ludendorffer“ postiert hatten – unter ihnen war ein lediglich knappes Dutzend Bürger aus Dorfmark selbst.

Zwar hatte es in der Gemeinde Dorfmark auf Initiative des niedersächsischen Landespräventionsrates bereits vor Monaten einen Zusammenschluss von Vereinen und Verbänden gegeben, denen das Erscheinen der Ludendorffer ein Dorn im Auge war. Doch dieses Zusammenschluß war über des Status eines „Bündnisses in Gründung“ nicht hinausgekommen. Diese „Ludendorff“-Kritiker hatten vor den Ostertagen mit verschiedenen Veranstaltungen vor den Gefahren gewarnt. Von den Protesten vor Ort aber wollte man sich aber lieber fernhalten, um Konfrontationen zu vermeiden. So kam es, dass die Mehrheit der Dorfmarker denjenigen Einheimischen das Feld überließen, die aus ihrem Rassismus keinen Hehl machen wollten und denen eine Berichterstattung ihre Pöbeleien offene Gewaltandrohungen wert waren: Ein Kameramann des NDR wurde von einem Dorfmarker angebrüllt, als er eine offene Straßenszene filmte: „Wenn Du das nicht lässt, haue ich Dir dahin, wo es Dir weh tut.“ Eine Journalistin musste sich von einem Besucher des Deutschen Hauses als „Gesindel“ bezeichnen lassen.

7 thoughts on ““Ludendorffer” trafen sich erneut in Dorfmark

  1. Wirklich erschreckend, wie die Bevölkerung vor Ort reagiert. Getreu dem Motto: „Die tun UNS doch nichts. Also wo ist das Problem?“

    Gesellschaftlicher Zusammenhalt – Fehlanzeige. So lange die nur gegen Juden hetzen und sich „anständig benehmen“ scheint es den Herren vor Ort herzlich egal zu sein, dass da Nazis in ihrer Mitte gastieren. Hauptsache, die Kasse klingt.

    Egoistischer Dorfkapitalismus.

  2. Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist.
    Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.
    Als sie die Sozialisten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialist.
    Als sie die Juden einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude.
    Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

    Martin Niemöller

  3. Dann werde ich Dorfmark mal in mein kleines schwarzes Buch eintragen. Zu Rudolstadt, Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Guben…

  4. Das sind die selbsternannten(!) „anständigen Bürger“, wie es sie in allen Dörfern gibt. Zum Gruseln, diese Banalität des Blöden.

    „Nazis gab es nicht mehr, es hatte auch nie welche gegeben.“ (Schtonk)

  5. Irgendwie ist das Verhalten da in dem Ort ein gutes Beispiel, wie damals der ganze Wahn funktionieren konnte im Alltag…
    Peinlich…

    Mit freundlichen Grüßen
    Olli

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