Voigts Vorstandsliste: NPD auf Radikalisierungskurs

Heute beginnt der NPD-Sonderparteitag in Berlin – weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Neonazis wollen unter sich sein und ihre monatelange Schlammschlacht beenden. Allerdings dürften Machtkämpfe und Intrigen noch längst nicht vorbei sein, wenn man sich einmal die Wunschliste für den Bundesvorstand von Udo Voigt, die NPD-BLOG.INFO vorliegt, ansieht.

Von Stefan Schölermann, NDR Info

Die Reichskriegsflagge mit Hakenkreuz auf dem Grab eines verstorbenen Gesinnungsgenossen war sein Empfehlungsschreiben für den NPD- Bundesvorstand: Der langjährige Kameradschaftführer der rechtsextremen Szene, Thomas Wulff aus Hamburg gehört zu den prominentesten Wunschkandidaten des NPD–Vorsitzenden Udo Voigt für seine neue Vorstandriege, über die er heute beim Bundesparteitag in Berlin abstimmen lassen will. Diese Wunschliste ist jetzt bekannt geworden – und sie offenbart, dass der NPD offenkundig eine weitere Radikalisierung und zugleich eine noch engere Anbindung an die als gewaltbereit geltenden „Freien Kameradschaften“ bevorsteht.

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Trotz der Skandale hat Voigt gute Chancen, seinen Posten zu behalten 

Thomas Wulff, der im Herbst vergangenen Jahres in Bayern vor laufenden Kameras das Grab seines Gesinnungsgenossen Friedhelm Busse bei dessen Beerdigung mit einer Reichskriegsflagge bedeckte, war beim letzten NPD-Bundesparteitag im Frühjahr vergangenen Jahres in Bamberg wegen einer allzu liebedienerischen Huldigungsrede auf seinen Mentor und geistigen Ziehvater , Jürgen Rieger aus Hamburg, von den Delegierten aus dem Bundesvorstand der Partei herausgestimmt worden. Wenn es nach Udo Voigt geht, wird Wulff ebenso wie Rieger wieder am Vorstandstisch der NPD sitzen können. Den fanatischen Rassisten und Rechtsanwalt aus Hamburg wünscht sich Voigt als seinen Stellvertreter. Aus einem ähnlich braunen Holz geschnitzt ist Torsten Heise – vorbestrafter Kameradschaftsführer aus Niedersachsen, der im thüringischen Fretterode lebt.

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Flyer, mit dem Heise offenbar für seinen Versandhandel warb 

„Moderate“ ohne Chance

In diesen Kreisen als moderat geltende NPD-Kader wurden von Voigt dagegen schon im Vorfeld weggemobbt: Der NPD-Fraktionsvorsitzende im sächsischen Landtag, der gebürtige Göttinger Holger Apfel, sowie sein Gesinnungsgenosse Sascha Roßmüller aus Bayern sahen sich genötigt, schon vor dem Parteitagsauftakt auf eine Vorstandskandidatur zu verzichten. Als chancenlos gilt auch der NPD- Bundesgeschäftsführer Peter Marx. Ihm wird von Voigt übelgenommen, dass er die Kandidatur des Voigt-Widersachers Udo Pastörs eingefädelt hatte, der Parteichef sprach von „kaum zu überbietender Hinterfotzigkeit“. Auch der Niedersachse Andreas Molau hatte die kalte Macht des Udo Voigt im Vorfeld des NPD-Parteitages zu spüren bekommen. Ende vergangenen Jahres noch als „brauner Hoffnungsträger“ zum Herausforderer hochgejubelt, versank er im Intrigensumpf der NPD.

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Vor dem Abgang: Andreas Molau 

Vor allem Geld dürfte dabei eine zentrale Rolle gespielt habe. Denn Molau hatte es im Vorjahr gewagt, am braunen Ruhm des Jürgen Rieger zu kratzen. Molau hatte Riegers Wahl zum stellvertretenden NPD-Bundesvorsitzenden wegen dessen politischer Unberechenbarkeit als „Katastrophe für die NPD bezeichnet“. Voigt stellte sich demonstrativ an die Seite von Rieger  – und er wusste genau warum. Schließlich sichert der vermögende Anwalt aus Hamburg durch großzügige Kreditvergaben an die Partei die NPD immer wieder vor der kompletten Zahlungsunfähigkeit. Molau hat indessen bei der DVU als deren Pressesprecher angeheuert, sein Rausschmiss aus der NPD ist offenkundig nur noch eine Frage der Zeit.

Eigenfeld für Marx?

Diesen Rausschmiss betreibt zur Zeit ein Mann, der trotz seiner Biederkeit in NPD-Kreisen gefürchtet wird und der auch diesmal mit einem lukrativen Posten ruhiggestellt werden dürfte, der NPD-Landesvorsitzende in Niedersachsen, Ulrich Eigenfeld. Dem langjährigen Parteisoldaten wird nachgesagt, er habe „so viele Leichen mit der NPD-Führung im Keller“, dass seine Abwahl für jeden anderen „glatter politischer Selbstmord“ wäre. Eigenfeld dürfte den Posten des NPD- Bundesgeschäftsführers von dem dann geschassten Peter Marx erhalten.

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Holger Apfel und Peter Marx 

Die restlichen Wunschkandidaten des NPD-Chefs dürften dessen radikalem Kurs wenig entgegenzusetzen haben: Karl Richter aus München, Mitarbeiter des NPD-Fraktion in Sachsen, gilt ebenso als „Zählkandidat“ wie der Bayer Ulrich Pätzold, der von der nicht minder rechtsextremen „Deutschen Partei“ erst kürzlich zur NPD gestoßen war und auf eine Vergangenheit bei der in dieser Woche verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ zurückblicken kann.

Keine Richtungswahl 

Bei allen Streitereien um den NPD-Vorstandposten zwischen Udo Voigt und Udo Pastörs gehen Experten allerdings davon aus, dass der programmatische Unterschied zwischen beiden gering sein dürfte. Inhaltlich stehen beide für eine deutliche Radikalisierung der Partei. Eine Kostprobe gab Pastörs unlängst, als er vor laufenden TV- Kameras die Bundesrepublik als „Judenrepublik“ beschimpfte.

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Udo Pastörs und Kameraden aus MVP beim Neonazi-Aufmarsch in Dresden 

Kameras will die NPD diesmal allerdings nicht dabei haben. Ein Team des ARD- Fernsehmagazins „Report Mainz“ erhielt schon im Vorwege Drehverbot. Der Rest der Medien wird voraussichtlich nicht länger als eine halbe Stunde im Saal bleiben dürfen. Braune Politiker haben mutmaßlich ihre Gründe dafür, wenn sie bei ihrem sogenannten Parteitag das Licht der Öffentlichkeit scheuen.

Siehe auch: NPD-Parteitag: Rechtsextreme Partei spioniert Privatadressen von Journalisten aus, Von Versagern, Eierköpfen und Intriganten: Kandidatencheck mit Ex-NPD-Chef Deckert, NPD-Chef Voigt wirft NPD-Generalsekretär Marx “kaum zu überbietene Hinterfotzigkeit” vor  Kommentar: Mit sich selbst beschäftigt, Kommentar: Abschreckung als Strategie, Dokumentation von Pastörs-Rede: “Wir wollen den Maximalschaden des Parteienstaats”,“Deutschlandpakt” von NPD und DVU: Absprachen und Realität, Verfassungsschutzbericht 2008: Rechtsextreme Bewegung radikalisiert sich, NPD-Funktionär Molau wird DVU-BundespressesprecherMolau und Faust wollen eine “moderne nationale Partei” bilden, NPD-Bundesvorstandsmitglied Heise wirbt offenbar mit KZ-Szene, NPD und Konsorten streben “Die Rechte” an – Name allerdings bereits vergeben, Dokumentation: Ergebnisse der Vorstandswahlen beim NPD-Bundesparteitag in Bamberg, Die rechtsextreme Bewegung ist nicht auf die NPD zu reduzieren

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