Tibor Sturm: “Ich lasse mich nicht in die Opferrolle pressen”

Der Rapper Tibor Sturm, als „Quiet Storm“ Mitglied bei den „Brothers Keepers„, ist im Dezember 2005 auf dem Heimweg von einer Party in Nürnberg von sechs Neonazis angepöbelt und verfolgt worden. Als er sich gegen die auf ihn eintretenden Männer zur Wehr setzte, verletzte der geübte Jiu Jitsu-Sportler einen seiner sechs Angreifer – und wurde später wegen übertriebener Notwehr zu sieben Monaten Haft verurteilt. Der Angreifer wurde nicht belangt.

Jetzt ist Tibor Sturm wieder frei. Aber nicht frei von Angst, wie er in einem Interview mit der Amadeu Antonio Stiftung berichtet. NPD-BLOG.INFO dokumentiert dieses Gespräch, das Arne Sermsrott mit Sturm geführt hat.

Tibor, du bist vor sechs Wochen aus dem Gefängnis entlassen worden. Hast du dich wieder an die Freiheit gewöhnt?

An die Freiheit selbst schon, aber seit meiner Entlassung ist enorm viel passiert. Ich habe es sehr vermisst, mein eigener Herr zu sein. Aber ich kann nicht mehr nach Hause, nach Bayern, weil ich nicht weiß, ob mich dort nicht ein Mitglied einer rechtsextremen Kameradschaft auf der Straße erkennt und um die Ecke bringen will. Hier, wo ich nun wohne, bin ich frei, aber bundesweit ist es doch nicht die Freiheit, die ich mir wünsche.

In den letzten Wochen hast du sogar auf deinem Handy Morddrohungen erhalten. Wie bist du damit umgegangen?

Die Drohungen habe ich zunächst für einen Witz gehalten. Es war surreal, als am Telefon Unbekannte in Kauderwelsch zu mir sagten: „Du bist der Nächste“, „Du stirbst“ und „Wir bringen zu Ende, was unsere Kameraden angefangen haben“. Von offizieller Seite wurde dann aber bestätigt, dass die Anrufe durchaus ernst zu nehmen sind. Da habe ich mir kurzzeitig überlegt, ob es richtig war, mit meinem Fall an die Öffentlichkeit zu gehen. Andererseits ist es durch die öffentliche Diskussion nicht mehr so einfach, Menschen wegzusperren, die ihr Leben verteidigt haben. Dass die Nazis an meine Telefonnummer gekommen sind, die ich erst seit drei Wochen hatte, das ist aber schon bedenklich.

Wäre es angesichts der Bedrohungen dann nicht besser, dich zu verstecken?

Eben nicht! Ich habe den Nazis schon einmal gezeigt, dass sie nicht nur Täter, sondern auch Opfer sein können. Und mich jetzt in eine Opferrolle reinzupressen, das verbietet mir mein afrodeutscher Stolz. Ohne Wenn und Aber. Die müssten dann bis zum Äußersten gehen – aber wie das beim letzten Mal ausgegangen ist, kann man ja sehen.

Hat das Urteil dein Bild von Rassismus in Deutschland verändert?

Da ich mich schon vorher mit Rassismus und Rechtsextremismus in Bayern beschäftigt habe, hat es nicht viel verändert. Ich wusste schon vorher, dass freie Kameradschaften in Bayern Narrenfreiheit haben: Die stellen etwas an, werden – wenn überhaupt – zu minimalen Gefängnisstrafen verurteilt, werden aber selten der statistischen Kategorie „rechtsextreme Gewalt“ zugeordnet. Und selbst, wenn einer ins Gefängnis geht, wird er von zwei seiner Kameraden ersetzt. Die Untergrund-Rechte in Bayern ist bis aufs Äußerste bereit, zu kämpfen.

Und dein Verhältnis zur deutschen Justiz?

Ich bin weder auf den Richter noch auf den Staatsanwalt sauer, beide haben nach den Gesetzen gehandelt. Menschlich war dieses Urteil ein totales Versagen. Ich habe den Richter bis aufs Blut gereizt …

… du hast den Prozess nicht ernst genommen und teilweise auf Fragen des Richters nicht geantwortet …

… und insofern ist das Urteil zu einem großen Teil auch meine Schuld. Ich habe also mein Vertrauen in die deutsche Justiz nicht verloren, ich möchte aber auch nichts mehr mit ihr zu tun haben. Wenn es wieder darum gehen sollte, um mein Leben zu kämpfen, dann werde ich kämpfen, Justiz hin oder her. Fürs nächste Mal weiß ich aber, an wen ich mich wenden und wie ich mich verhalten muss. Das alles also auf die Justiz zu schieben, wäre zu einfach.

Was würdest du machen, wenn du hier auf der Straße deinem damaligen Angreifer begegnen würdest?

Er würde mich nicht blöd anquatschen, das weiss ich, und ich ihn auch nicht. Ich habe meine Buße getan und er muss vielleicht noch. Ich habe weder ein gutes noch ein schlechtes Gefühl – er ist mir egal. Komplett.

Weitere Infos zu dem Fall: jetzt.de, Störungsmelder, Mut gegen rechte Gewalt, Blog der Brothers Keepers

3 thoughts on “Tibor Sturm: “Ich lasse mich nicht in die Opferrolle pressen”

  1. „…afrodeutscher Stolz…“

    öhm… kein Kommentar dazu? Ich finde die Äußerung ziemlich suspekt…

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