Kommentar: Eine Studie, die Fragen aufwirft

Zuerst veröffentlicht bei „die Gesellschafter“ 

Unliebsame Ergebnisse werden gerne beiseite gewischt – wenn es irgendwie geht. Wenige Tage bevor der Kriminologe Pfeiffer und Bundesinnenminister Schäuble im Jahr 2009 eine Jugendstudie zu Gewalt und rechtsextremen Einstellungen bei Neuntklässlern vorstellten, hatte Bayerns Innenminister Hermann eine Untersuchung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) noch als »Beleidigung der bayerischen Bürger« gebrandmarkt. Die Studie sei für solche Vorwürfe keine taugliche Grundlage und methodisch unseriös, »da sie den Befragungen ihr eigenes, linkes Weltbild zu Grunde legt«. Was war geschehen? Wissenschaftler hatten im Auftrag der FES festgestellt, dass in Bayern überdurchschnittlich viele Menschen mit rechtsextremen Einstellungen lebten.

Solche Vorwürfe von konservativer Seite müssen sich Pfeiffer und Schäuble nicht gefallen lassen. Pfeiffer gilt als Liebling der medialen Öffentlichkeit, Schäuble darf als unverdächtig gelten, was »linke Weltbilder« angeht. Zudem wird Rechtsextremismus ohnehin gerne als Jugendproblem abgetan. Dabei kommt die Pfeiffer-Studie zu sehr viel interessanteren Resultaten als die FES, die bekannte Ergebnisse erneut bestätigt hatte. Am allerwichtigsten ist bei Pfeiffer der Befund, dass die Kriminalität bei Jugendlichen nicht »immer schlimmer« werde. Ein Ergebnis, das Kulturpessimisten, Boulevard-Journalisten und Law-and-order-Poltiker, die Einzelfälle hoffnungslos aufbauschen, nicht gerne hören. Aufhorchen lässt aber auch die Zahl von fast fünf Prozent der männlichen Neuntklässler, die in »rechten Gruppen« seien. Das wären mehrere zehntausende Jugendliche. Pfeiffer antwortete auf ungläubige Nachfragen, selbstverständlich stimmten die Zahlen.

Somit dürften die Angaben des Verfassungsschutzes endgültig zur Makulatur werden. Insgesamt – also in allen Altersstufen und nicht nur Neuntklässler – werden etwas mehr als 30.000 Personen von dem Geheimdienst in der Bundesrepublik als Rechtsextremisten eingeschätzt. Wie diese Zahl zustande kommt, lässt sich nicht nachvollziehen. Meine Anfrage beim Verfassungsschutz ergab auch keine weiteren Aufschlüsse. Klar erscheint hingegen, dass solche Zahlen keinen konkreten Wert haben. Dabei hat der Verfassungsschutz die Aufgabe, die Öffentlichkeit kontinuierlich und fundiert über den Rechtsextremismus zu informieren. Dies übernehmen allerdings im Alltag hauptsächlich Initiativen, Journalisten und andere engagierte Personen. Im jährlichen Verfassungsschutzbericht findet sich zumeist wenig Neues.

Ein unbefriedigender Zustand – und das bei einer rechtsextremen Bewegung, die offen zur Gewalt gegen ihre zahlreichen Gegner aufruft – und diese auch umsetzt. Um endlich bundesweit die Quantität und Qualität der rechtsextremen Bewegung möglichst realistisch einschätzen zu können, bedarf es daher dringend einer unanhängigen Beobachtungsstelle. Besetzt mit Experten und Wissenschaftlern, transparent in ihrer Arbeit und langfristig finanziell abgesichert. Denn die engagierte Arbeit von vielen Initiativen oder Journalisten gegen Rechtsextremismus wird von Kritikern gerne durch den Vorwurf abqualifiziert, man übertreibe das Problem, um die eigene Existenz zu sichern. Auch diese Unterstellung ließe sich so entkräften. Es obliegt der Bundesregierung, eine solche unabhängige Beobachtungsstelle einzurichten. Denn die Basis für wirksame Strategien gegen den Rechtsextremismus liegt in einer einheitlichen Bestandsaufnahme.

Hier die Studie als PDF.

Siehe auch: Lesetipps: Pfeiffer-Studie / Ungleiche Brüder / Kommunalwahl NRW, Jeder 20. Neuntklässler in einer Kameradschaft?  Fünf Prozent aller Neuntklässler in rechtsextremer Gruppe, Rechtsextreme Einstellungen: Vergleich der Bundesländer, Hessen: “Ein Blick in die Mitte”, Wirtschaftswunder und blühende Landschaften als “narzisstische Plombe”, Jeder vierte Deutsche wünscht sich eine einzige Partei oder Volksgemeinschaft und “Wir brauchen Unruhe in Ostdeutschland”.

4 thoughts on “Kommentar: Eine Studie, die Fragen aufwirft

  1. Anstatt die Hauptursache der unterschiedlichen Angaben klipp und klar zu benennen – nämlich, daß es weder in Deutschland, aber auch auf internationaler Ebene eine einheitliche Definition dafür gibt, was Rechtsextremismus ist und was nicht – geht es hier wieder um Zahlenspielchen, die ja nur die Folge davon sind.

    Solange manche schon z.B. eine Aussage „Wir Deutschen brauchen wieder mehr Nationalbewußtsein“ (vgl. FES) als Kriterium für eine rechtsextreme Einstellung heranziehen und andere dies aus guten Gründen ablehnen, wird es in diesem Punkt nie eine Einigung geben. Deshalb ja auch die stark divergierenden Angaben über die Verbreitung von Rechtsextremismus und rechtsextremen Einstellungen in der Gesellschaft.

    Diese Widersprüche – hinter denen sich natürlich viel politischer Sprengstoff verbirgt – wird auch eine „unabhängige Beobachtungsstelle“ nicht lösen. Dies zu glauben, wäre naiv.

  2. Ich bin Lehrer in einer Haupt- und Realschule an der nördlichen Peripherie des Ruhrgebiets. Unsere Schule hat derzeit etwas über 500 Schülerinnen und Schüler, davon ca. 40% mit Migrationshintergrund. Die aktuelle Pfeiffer-Studie gibt relativ genau das wieder, was ich seit Jahren beobachten muss. Die Kluft zwischen den Schülern mit deutschem und migrantischem Herkunftshintergrund wird nicht etwa kleiner, nein, sie nimmt stetig zu und vertieft sich! Aus dem Miteinander wird mehr und mehr ein Nebeneinander. Rassistische Einstellungen nehmen zu.

    Auf dem Schulhof ist zu beobachten, dass sich die Gruppen tendenziell immer stärker nach Herkunftshintergund zusammenfinden. Das war früher einmal anders. Die Kollegen im Sportunterricht berichten in letzter Zeit öfters davon, dass beim Zusammenstellen von Mannschaften – keineswegs nur von einzelnen Schülern – spontan der Vorschlag „Deutsche gegen Ausländer“ vorgebracht wird.
    Mir ist es im vergangenen Herbst erstmals seit meiner Referendariatszeit in den späten Siebzigern passiert, dass Dreizehnjährige(!) wie selbstverständlich über „nordische Rasse“ und „Rassenreinheit“ reden.

    War es früher bei jugendlichen Liebeleien vollkommen egal, woher die Verliebten stammten, so ist mehr und mehr eine ethnische Separierung zu beobachten. Man bleibt unter sich, „deutsche“ Schüler, die mit Partnern nichtdeutscher Herkunft zusammen sind werden beleidigt und teils regelrecht gemobbt, als „Rassenschänderin“ und „Kanackenhure“ beschimpft (beide Ausdrücke sind in einer 7. Klasse gefallen). Zusätzlich ist das oft extreme Machogehabe speziell von Jungen mit nahöstlichem Herkunftshintergrund in dieser Situation alles andere als hilfreich.
    Es häufen sich Fälle, in denen Schülerinnen die Kontakversuche migrantischer Mitschüler mit offen rassistischem Unterton zurückweisen.

    Ich weiß persönlich von insgesamt 12 Schülern (alle männlich), dass sie in rechten Cliquen aktiv sind. Sie bekennen sich erschreckend offen dazu und lassen daran auch in ihrer Kleidung keinen Zweifel aufkommen (Thor-Steiner, Masterrace, Störkraft, usw.). Leider hat sich die Schulleitung bisher noch nicht zu Verboten entsprechender Marken durchringen können.

    Bei mindestens 20-30 weiteren Schülern, die ich persönlich unterrichte, glaube ich handfeste Anhaltspunkte für eine gefestigte rechte Gesinnung erkennen zu können. Ein leichfertiges Kokettieren mit rechten Sprüchen ist geradezu flächendeckend zu beobachten. Rechtssein ist unter den deutschen, aber insbesondere auch unter den Spätaussiedlerkindern in den letzten zwei Jahren geradezu schick geworden.
    In meiner eigenen 10. Klasse gibt es unter 29 Schülern zwei offen bekennende Neonazis und mindestens fünf weitere stark nach rechts tendierende Schüler. Drei dieser fünf sind interessanterweise Kinder von Spätaussiedlern, insgesamt zwei sind Mädchen.

    Eine weitere Beobachtung finde ich noch beunruhigender: Waren es früher nur die notorischen Aussenseiter die mit rechten Sprüchen auffielen, so sind es heute mehr und mehr die „Leithammel“, die auf diese Weise einen regelrechten Trend begründen und Mitläufer um sich zu scharen versuchen. Oftmals werden diese Leute dann auch zu Klassensprechern gewählt, da sie halt diejenigen sind, die „das Maul aufmachen“ und den Lehrern Paroli bieten. Für uns Lehrer eine üble Situation. Egal, ob wir die Wahl nun unterbinden oder zulassen, das Resultat ist demokratiepädagogisch eine Katastrophe.

    Das Elternhaus spielt nach meiner Beobachtung keine entscheidende Rolle. Wir habe Schüler mit Rechtstendenz, bei denen auch die Eltern offen fremdenfeindlich gesinnt sind. Andererseits ist einer der aktivsten Nazis an unserer Schule ausgerechnet der Sohn der Gesamtelternvertreterin, die als engagierte Mutter und aktive Gewerkschafterin darüber völlig verzweifelt und ratlos ist.

    Ich habe die große Hoffnung, dass die erschreckenden UND NACH MEINER ERFAHRUNG AUCH STIMMENDEN Zahlen des Pfeiffer-Berichts ENDLICH die Öffentlichkeit wachrütteln und Politik wie Zivilgesellschaft vom DRINGENDEN HANDLUNGSBEDARF in Sachen Rechtsradikalismus überzeugen.

    Mit großem Verdruß stelle ich eine immer stärkere Abstumpfung der Öffentlichkeit gegenüber derartigen Entwicklungen fest. Kamen im Jahr 2000 spontan noch hunderttausende Demonstranten nach dem Brandanschlag auf eine Synagoge zusammen, so scheinen heute nicht einmal mehr rassistische Morde die Menschen sonderlich aufzuschrecken.

    BERTOLD BRECHT SCHRIEB EINMAL, DER SCHOSS SEI FRUCHTBAR NOCH – ER IST NICHT NUR FRUCHTBAR, ER GEBIERT SCHON WIEDER NEUES UNHEIL!

    Wenn wir nicht bald gegensteuern, dann droht uns ein Flächenbrand!

    Anmerkung ModeratorNPD-BLOG.INFO: Dieser Eintrag wurde fast zeitgleich auch bei Indymedia gepostet. Die Echtheit lässt sich bislang nicht überprüfen. Auf die angegebene Email-Adresse gab es bislang keine Antwort.

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