Jeder 20. Neuntklässler in einer Kameradschaft?

Die jüngste Studie des viel zitierten Wissenschaftlers Christian Pfeiffer ist mächtig eingeschlagen. Befragt wurden für die Untersuchung rund 45.000 Neuntklässler in 61 Landkreisen. Dabei werfen die Ergebnisse viele Fragen auf. Jeder 20. Neuntklässler sei in einer rechtsextremen Kameradschaft, heißt es. Und jeder siebte sehr ausländerfeindlich.

In der Bundesrepublik gibt es nach Angaben des Verfassungsschutzes etwa 150 Kameradschaften, ob diese alle aktiv seien, sei allerdings unklar. Unabhängige Beobachter zählten rund 200 solcher Neonazi-Banden. Wie auch immer, wenn schon jeder 20. männliche Neuntklässler und jede 40. Neuntklässlerin in einer Kameradschaft wäre, müsste es insgesamt zehntausende Jugendliche in diesen Gruppen geben. Kameradschaften haben laut Verfassungsschutz etwa 5 bis 20 Mitglieder. Das passt also von vorne bis hinten nicht. Möglicherweise handelt es sich auch um eine Frage, wie der Begriff rechte Gruppe oder Kameradschaft definiert wird.

Ohnehin geht der Verfassungsschutz von 40.000 Rechtsextremisten in Deutschland aus. Wie sich diese Zahl zusammensetzt, erscheint allerdings vollkommen unklar. Und wenn schon zehntausende Neuntklässler angeblich in einer rechtsextremen Kameradschaft sind, erscheint es unwahrscheinlich, dass es insgesamt „nur“ 40.000 Rechtsextremisten gibt. Vor allem, da hier unter 18-Jährige möglicherweise gar nicht erfasst sind.

Die Studie bringt aber auch sehr sinnvolle Ergebnisse, die wichtig sind, zu erwähnen: Die regionalen Unterschiede, vor allem zwischen Stadt und Land, sowie die weit verbreitete Ausländerfeindlichkeit. Diese Größenordnungen überraschen allerdings nicht, ähnliche Ergebnisse sind schon mehrfach veröffentlicht worden. Hier gilt es immer wieder zu erwähnen: Rassismus und Ausländerfeindlichkeit sind KEIN Jugendproblem, die Einstellungen kommen von den Älteren. Aber auch die Feststellung, dass die Jugendgewalt nicht immer weiter steige, so wie es einige Medien und Politiker gerne behaupten, ist wichtig für eine sachliche Diskussion.

Stellt sich aber im Bezug auf die Jugendlichen in den Kameradschaften schon die Frage, warum Innenminister Schäuble „erschrocken“ reagierte: Weil die Zahlen des Verfassungsschutzes nicht stimmen können oder die der Studie, die er da mit vorgestellt hat. Eine Studie, die Fragen aufwirft. Auch nicht schlecht.

Hier die Studie als PDF.

Anmerkung: Danke für die Korrektur, Fehler meinerseits! Entschuldigung dafür.

Siehe auch: Fünf Prozent aller Neuntklässler in rechtsextremer Gruppe, Rechtsextreme Einstellungen: Vergleich der Bundesländer, Hessen: “Ein Blick in die Mitte”, Wirtschaftswunder und blühende Landschaften als “narzisstische Plombe”, Jeder vierte Deutsche wünscht sich eine einzige Partei oder Volksgemeinschaft und “Wir brauchen Unruhe in Ostdeutschland”.

10 thoughts on “Jeder 20. Neuntklässler in einer Kameradschaft?

  1. Nicht jeder fünfte Neuntklässler ist angeblich in einer sogenannten Kameradschaft, sondern ca. 5 Prozent; also jeder zwanzigste.

    Trotzdem erscheint die Zahl zu hoch gegriffen. Denn dann müßten diese sogenannten Kameradschaften zigtausende von Mitgliedern haben und nicht die von den Sicherheitsbehörden behaupteten etwa zwei- oder dreitausend bundesweit.

  2. Ich würde den Beitrag noch mal überdenken.
    5 % heißt nicht jeder Fünfte, sondern jeder Zwanzigste.

    Ansonsten großes Lob für den Blog.

    Conza

  3. Pfeiffer…erwartet man von diesem Mann ernsthaft eine korrekte Studie? Allein, was er wieder zum Thema Winnenden abgelassen hat, bedarf eher einer Studie über seine Person.

  4. Jeder fünfte Neuntklässler sei in einer rechtsextremen Kameradschaft

    5% der Neuntklässler ist nicht gleich „jeder fünfte Neuntklässler“!

  5. Was mich viel mehr aufregt, sind die Ansichten unseres Innenministers. – Bereits vor Jahren sprach er von „Freizeitangeboten“ seitens der Neonazis…

    Nun soll die Gesellschaft, speziell auf dem Lande, diesen „Freizeitangeboten“ etwas entgegensetzen. – Was hat die Gesellschaft mit den NS-Schulungen der „JN“ zu tun!? Meiner Kenntnis nach, haben sich die Innenminister mit einer derartigen „Freizeitgestaltung“ auseinanderzusetzen, nebst Justiz!

    Da muß ich doch gleich mal eine Anfrage zur „Freizeitgestaltung“ der „JN“ und ihrer „Kameraden“ starten… :)

  6. Axel, mit Freizeitangeboten sind keine Parteischulungen gemeint, sondern der vorpolitische Raum. Dort nach dem Staat zu rufen, geht zu weit und würde die gesellschaftliche Verantwortung auf die Gesetze abschieben. Im Gegenteil ist die Gesellschaft selbst gefragt, Freizeitveranstaltungen hervorzubringen. Schließlich soll es nicht darauf hinauslaufen, dass die Jugend vom Staat wieder in Maßnahmen wie die HJ oder die Pioniere der DDR gesteckt wird.

  7. Lieber „WW“,

    Ich kann mit Begrifflichkeiten wie „vorpolitischer Raum“ ab jenem Zeitpunkt nichts mehr anfangen, wenn NPD/JN-Kader gezielt im politischen Raum und vor Jugendlichen agieren.

    Wie du wahrscheinlich wissen wirst`, gibt es keine „unpolitische Lagerfeuer-Romantik“ im Rahmen der „Freizeitangebote“ einer NPD und ihrer Anhänger- und Unterstützerschaft.

    Es agieren Nationalsozialisten, die in Tradition und Deckungsgleichheit an/mit der „Hitler-Jugend“, der „völkischen Bünde“, der (ursprünglich unpolitischen) „Singvogelbewegung“, des „Jungvolk“, der „Pimpfe“ etc., gezielt die Jugend indoktrinieren. – Über die Inhalte jener Indoktrination ist auch ein Herr Schäuble durchaus in Kenntnis…

    Vielleicht sollten wir gemeinschaftlich erst einmal klären, WAS der Innenminister eigentlich unter „Freizeitangeboten“ versteht, da für ihn (den Innenminister) augenscheinlich die NS-Indoktrinationen durch Kader wie Rieger, Naumann, Pastörs, Schwab, Rose, Clemens usw. offenbar „Veranstaltungen“ zugeordnet werden können, die er als „Freizeitgestaltung“ der „Rechtsextremisten“ wahr nimmt.

    Das Einzige, das ich aus offenen Quellen lokalisieren kann, sind verfassungswidrige Volksverhetzungen sowie Jugendgefährdungen im Rahmen jener „Freizeitgestaltungen“ der NPD etc. – Und dafür sind nicht ich, oder du, oder Herr Gensing, oder dieses Forum, oder „die Gesellschaft“ zuständig, sondern Karlsruhe! – Und wie in diesem Kontext sowie im Vorfeld ein Artikel 139 GG ausgelegt wird, ist unerheblich: wichtig ist: ER ist da!

    Hab` Dank für dein Feedback. :)

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