Vor 85 Jahren: Adolf Hitler vor Gericht

Am 26. Februar 1924 begann der Prozess gegen Adolf Hitler, Erich Ludendorff und acht weitere Teilnehmer des Putschversuchs vom 9. November 1923, unter ihnen Pöhner, Frick, Röhm und Kriebel. Er dauerte bis zum 27. März 1924 und umfaßte 24 Verhandlungstage.

Von Ernst Piper

Der Prozess gegen die Putschisten fand vor dem bayerischen Volksgericht in München statt, nicht vor dem eigentlich zuständigen Staatsschutzsenat des Reichsgerichts in Leipzig, da die bayerische Regierung den gegen Hitler erlassenen Haftbefehl einfach ignoriert hatte. Hitler hatte listigerweise ebenfalls eine Verhandlung in Leipzig gefordert:

„Ich halte den Staatsgerichtshof in diesem Falle für viel objektiver. Ich bin insbesondere davon überzeugt, dass das bayerische Volksgericht nicht den Mut finden wird, die notwendige Folgerung aus dem Verhandlungsergebnis zu ziehen, dass aber der Staatsgerichtshof nicht davor zurückschrecken würde, das zu tun. In Leipzig würden verschiedene Herren den Gerichtssaal vielleicht noch als Zeugen betreten, verlassen würden sie ihn sicher als Gefangene. In München geschieht das natürlich nicht.“

Hitler hatte schon bei den ersten Vernehmungen klar die Strategie vor Augen, das Triumvirat Kahr, Lossow und Seißer als Mittäter in die Sache mit hineinzuziehen. Es mag bei der Entscheidung, den Prozess in München zu führen, tatsächlich die Überlegung eine Rolle gespielt haben, dass man eine Bloßstellung von Kahrs und der anderen vermeiden wollte. Zudem wurden weite Teile des Hitler-Prozesses unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt.

Hitler nutzte den Prozess außerordentlich geschickt als Agitationsbühne. Sein rhetorisches Talent, das ihm in den Jahren zuvor schon manchesmal zustatten gekommen war, machte sich auch hier bemerkbar. Auch wenn er hier nicht zu Tausenden, sondern nur zu einer relativ kleinen Menschenmenge sprechen konnte, so konnte er sich doch darauf verlassen, dass die Kunde von seinen Auftritten sich rasch verbreiten würde. Der Prozess steigerte Hitlers Popularität enorm. Typisch ist ein Lied, das der Volkssänger Weiß Ferdl damals Abend für Abend unter donnerndem Applaus zum besten gab und in dem es hieß:

„Deutsche Männer stehen heute
vor den Schranken des Gerichts,
mutig sie die Tat bekennen,
zu verschweigen gibt’s da nichts!
Sagt, was haben die verbrochen?
Soll es sein gar eine Schand,
wenn aus Schmach und Not will retten
man sein deutsches Vaterland?“

Die „Münchner Neuesten Nachrichten“ schrieben zur Urteilsverkündung:

„Wir machen keinen Hehl daraus, dass unsere menschlichen Sympathien auf Seiten der Angeklagten in diesem Prozess und nicht auf Seiten der Novemberverbrecher vom Jahre 1918 stehen.“

Die antidemokratisch-antirepublikanische Stimmung im Lande erlebte einen neuen Höhepunkt. In dieser Atmosphäre war eine entschiedene, die Verbrechen in ihrer Schwere ergründende Verhandlungsführung fast unmöglich. Sie lag wohl auch von vornherein gar nicht in der Absicht des Oberlandesgerichtsrates Georg Neithardt. Neithardt war nach der Niederwerfung der Räterepublik zum Vorsitzenden des Volksgerichts berufen worden und hatte unter anderem das skandalöse Urteil über den Eisner-Mörder Arco zu verantworten. Während des Hitlerputsch-Prozesses gingen nicht nur Emissäre des Justizministeriums, sondern auch die Anwälte der Angeklagten im Richterzimmer ein und aus. In dieses Bild passt die bevorzugte Beförderung Neithardts nach 1933. Am 1. April 1924 erging das Urteil gegen Hitler und die Mitangeklagten, die Karikatur einer Entscheidung nach einem rechtsstaatlichen Verfahren. Hitler, Weber, Kriebel und Pöhner wurden als Haupttäter eingestuft und erhielten eine fünfjährige Haftstrafe, nicht Gefängnis, sondern die als ehrenvoll angesehene Festungshaft. Brückner, Röhm, Pernet, Wagner und Frick erhielten je ein Jahr und drei Monate Festungshaft. Ludendorff wurde freigesprochen und verließ unter Ovationen das Gerichtsgebäude.

Unterste Grenze des Strafrahmens

Mit den verhängten Strafen ging das Gericht an die unterste Grenze des Strafrahmens. Zusätzlich bewilligte es aus „all den zugunsten der Verurteilten sprechenden Gründen“ Bewährungsfristen, sodass Brückner, Röhm und Frick als freie Männer aus dem Gerichtssaal gingen. Schließlich setzte sich der Gerichtshof über das Republikschutzgesetz hinweg und sah von der zwingend vorgeschriebenen Ausweisung des Ausländers Hitler ab, denn:

„Auf einen Mann, der so deutsch denkt und fühlt wie Hitler … kann nach Auffassung des Gerichts die Vorschrift … des Republikschutzgesetzes ihrem Sinne und ihrer Zweckbestimmung nach keine Anwendung finden.“

Frick, der im Prozess offen bekannt hatte, dass er seine schützende Hand über Hitler gehalten hatte, sollte immerhin aus dem Staatsdienst entlassen werden. Auf seine Berufung hob der Disziplinarhof die Entscheidung wieder auf, da man Frick die „Verwirrung und Kopflosigkeit gerade auf der Polizeidirektion“ am 8. November 1923 zugute halten müsse.

Arbeitsfrühstück unter der Hakenkreuzfahne

Hitler und die wenigen zu einer etwas längeren Haftstrafe verurteilten Mitkämpfer nahmen nun auf der Feste Landsberg Quartier, wo Graf Arco seine Nobelzelle für den neuen Volkshelden hatte räumen müssen. Bald entfaltete sich ein regelrechter Kasinobetrieb. Der Tag begann mit einem Arbeitsfrühstück unter der Hakenkreuzfahne. Jeder der Herren hatte eine kleine Suite von ein bis zwei Zimmern. Es gab einen Rauchsalon und abends wurden rauschende Feste gefeiert. Eigene Räume standen zur Verfügung für die Stöße von Post und die zahllosen Geschenke und Blumensträuße, die von überall her kamen. Es wurde aber auch politische Arbeit geleistet. Die Parteiprominenz machte ihre Aufwartung, um Anweisungen entgegenzunehmen. Und auch staatliche Stellen wie die Reichswehr hielten zu Hitler weiterhin Kontakt.

Das Volksgericht hatte für Hitler eine Haftentlassung auf Bewährung nach sechs Monaten in Aussicht gestellt, und die waren am 30. September 1924 abgelaufen. Hitlers Anwalt Lorenz Roder war schon zuvor zweimal in Landsberg gewesen und auch in München bei den einschlägigen Behörden vorstellig geworden. Die Hinweise darauf, dass Hitler sofort wieder für seine verbotene Partei aktiv werden würde, waren freilich überwältigend und entsprechend kritisch fiel die Stellungnahme der Staatsanwaltschaft aus, in der es u.a. hieß, Hitler, Weber und Kriebel hätten „die ihnen gewährten außergewöhnlichen Freiheiten, insbesondere die Besuchsfreiheit ohne Überwachung, dazu missbraucht, die Verbände, die sie am 8. und 9. November 1923 zu ihrem hochverräterischen Unternehmen benützt hatten, neu zu organisieren“. Doch auch diese Erkenntnis, die sich nicht zuletzt auf nationalsozialistische Publikationen stützte, focht das Gericht nicht an. Das Landgericht und, nach Beschwerde der Staatsanwaltschaft, auch das Oberste Landgericht, verfügten schließlich die vorzeitige Freilassung, und am 20. Dezember 1924 war Adolf Hitler wieder ein freier Mann.

Siehe auch: Wikipedia über den Hitler-Prozess, Hat Hitler die Autobahn gebaut?, “Geschichtspornografie” im ZDF: “Ein bisschen Nazi spielen”, Der “Föhhrrrer” und die Hoden, Fundstück: Reichspogromnacht antisemitisch?, Militärgeistlicher: “Heß nannte Neonazis immer wieder Dummköpfe”, Iran: “Hitler war Jude”