Sächsischer Landtag: Frank Rennicke als „Experte“ für Jugendmusik

Im Sächsischen Landtag stehen 2009 die Zeichen auf Superwahljahr. Am 26. Februar setzte der Ausschuss für Wissenschaft, Hochschule, Kultur und Medien eine Anhörung zum Thema „Jugendmusikförderung in Sachsen“ an. Bei dieser von der Linkspartei initiierten öffentlichen Anhörung stand die Frage im Mittelpunkt, wie der rechtsextremen Vereinnahmung in der Jugendmusiklandschaft begegnet werden kann. Eingeladen waren Experten wie Sebastian Schwerk von der Scheuneakademie, Bernd Schweinar von der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Musikinitiativen e.V. und Holger Maack von der Deutschen Rockmusik Stiftung. Auf Einladung des NPD-Ausschussmitglieds Jürgen Gansel gehörte auch Frank Rennicke, NPD-Mitglied und in rechtsextremen Kreisen als „nationaler Barde“ verehrt, dieser Expertenliste an.

Frank Rennicke NPD
v.l.n.r. Frank Rennicke, Sebastian Schwerk (Scheuneakademie), Bernd Schweinar (Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Musikinitiativen e.V.), Holger Maack (Deutsche Rockmusik Stiftung).
Foto: lotta@eu.de

Die NPD versucht positive Schlagzeilen zu produzieren. Ihr öffentliches Bemühen um die Geschlossenheit der von ihr propagierten nationalistischen Volksfront ist zwar seit dem kürzlich von ihr inszenierten größten Neonaziaufmarsch der Nachkriegsgeschichte in Dresden wieder etwas aufpoliert. Negativschlagzeilen und interner Machtkampf sind jedoch weiterhin Begleiter der eifrig um ihr Saubermann-Image bemühten Neonazipartei. Bereits im März wird der Prozess um die Kinderpornografievorwürfe gegen den ehemaligen NPD-Landtagsabgeordneten Matthias Paul eröffnet. Und spätestens seit Andreas Molau seinen schriftlichen Rückzug der Kandidatur um den NPD-Bundesparteivorsitz im Februar bekannt gab, sind die potenziellen Nachfolger von Udo Voigt, Jürgen Rieger und Udo Pastörs, dabei, ihren Hut in den Ring zu werfen.

„Nationaler Reinhard Mey“
Umso gelegener kam Jürgen Gansel die Benennung seines „Experten“ Frank Rennicke für die Sachverständigenanhörung. Von Gansel als „nationaler Reinhard Mey“ tituliert, sieht sich Rennicke selbst als völkische Variante des chilenischen Widerstandskämpfers und Liedermachers Viktor Jara. In diesem Selbstbild, gepaart mit Zynismus, Geschichtsverdrehung und maßloser Eigenliebe, produzierte sich Rennicke im Plenarsaal des Sächsischen Landtags selbst, palaverte unter anderem von Verfassungsschmutz, Skinheadkult und solidarisierte sich mit dem Berliner Ariogermanen und ehemaligen Landser, jetzt Lunikoff-Sänger, Michael Regener. Seine angekündigte Darstellung der Jugendmusik zwischen Kommerzialisierung einerseits und der Verfemung nationaler Musikstile und -inhalte andererseits leistete der „Experte“ Rennicke zu keiner Zeit, selbst die aufgeregte Nachfrage vom NPD MdL Jürgen Gansel half da nicht weiter.

Zugleich verdeutlichte der Auftritt von Frank Rennicke im Sächsischen Landtag die Naivität der sächsischen Bürgerschaft im Umgang mit Rechtsextremismus. So begrüßte Sebastian Schwerk, Projektleiter der Scheuneakademie und Musik- und Wirtschaftsfachmann, erfreut das so zahlreich erschienene junge Publikum auf der Zuschauertribüne, das zu mehr als zwei Dritteln aus bekannten rechtsextremen Kadern bestand.

Immerhin distanzierten sich Steffen Heitmann, CDU, Dr. Karl-Heinz Gerstenberg, Bündnis 90/Grüne, und Julia Bonk, Linkspartei, deutlich von Rennicke und seinen Ausführungen. Ein Hoffnungsschimmer für das längst überfällige Zusammengehen aller demokratischen Akteure gegen Rechtsextremismus auch im Landtag des Freistaates Sachsen.

Von Danilo Starosta, Kulturbüro Sachsen e.V.

Siehe auch: Kemna-Skandal: Razzia beim Deutsche-Stimme-Verlag, Die NPD und die Jagd nach dem “braunen Geld”, Bayern: Politischer Aschermittwoch von NPD und regionaler Tarnliste, Nazi-Barde hat das Gefühl, in einem Konzentrationslager zu leben.