Porträt des NPD-Funktionärs Holger Apfel: Es geht um ein gepflegtes Äußeres

Holger Apfel hat Sachsen in jahrelanger geduldiger Kleinarbeit zum Musterlandesverband der NPD ausgebaut. Er hat noch viel vor. Ein Porträt des vielleicht einflussreichsten Mannes in der NPD.

Von Christoph Ruf* für NPD-BLOG.INFO

Als die Mauer fiel, dauerte es nur etwas über eine Stunde, bis Holger Apfel in der DDR war. Kaum hatte er von der Nachricht gehört, dass ein gewisser Günter Schabowski die Grenzöffnung verkündet hatte, setzte sich Apfel in sein Auto und fuhr über die Grenze nach Nordhausen im sachsen-anhaltinischen Teil des Harzes. Während viele seiner Altersgenossen noch diskutierten, ob die sich bald darauf anbahnende Wiedervereinigung zu einem Aufflammen des deutschen Nationalismus führen werde, hoffte der 18-jährige Apfel genau darauf. Kurz darauf stand er mit Gesinnungsgenossen in Leipzig und versuchte, die politische Dynamik der Montagsdemonstrationen in seinem Sinne zu steuern. „Wir sind ein Volk!“ Das klang in seinen Ohren schon mal nicht schlecht.

Als sich herausstellte, dass sich der erste Furor der Ostdeutschen, die er schon damals „Mitteldeutsche“ nannte, mit der Einführung der D-Mark schnell wieder legen würde, muss Apfel gemerkt haben, dass er noch viel Geduld brauchen würde. Als die Mauer fiel, war Holger Apfel bereits seit einiger Zeit Funktionär des Parteinachwuchses „Junge Nationaldemokraten“. Geduld hat er in all den Jahren gelernt.

„Keimzelle der nationalen Erneuerung“

Apfel ist heute Fraktionsvorsitzender der sächsischen NPD-Landtagsfraktion, die sich 2004 nach dem überraschend hohen Ergebnis von 9,2 Prozent der abgegebenen Stimmen konstituierte. Damit erreichten die Rechtsextremen fast so viele Stimmen wie die SPD (9,8 Prozent) und ließen FDP und Grüne klar hinter sich. Karl Richter, der nach dem Wahlerfolg in Sachsen dort eine Stelle als parlamentarischer Mitarbeiter antrat und heute für eine NPD-Tarnliste im Münchner Stadtrat sitzt, sah die Dresdner Wahl als „Keimzelle der nationalen Erneuerung“.

Die Zelle begann jedoch schon deutlich früher zu keimen – bereits kurz nach der Wende fanden die Westkader der Partei in Sachsen funktionierende Strukturen vor. Unter anderem hatte man in dem Fahrlehrer Uwe Leichsenring, dem 2006 verstorbenen späteren Landtagsabgeordneten aus der Sächsischen Schweiz, einen Gewährsmann, der das Terrain schon unter dem SED-Regime beackert hatte. Bereits 1999, als die NPD noch marginalisiert war, erzielte sie in Sachsen beachtliche 1,4 Prozent.

Von der Öffentlichkeit ignoriert

Damals hatte die Partei längst informelle Strukturen geschaffen, die gesellschaftliche Realitäten prägten, aber von der parlamentsfixierten bundesrepublikanischen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden. Der NPD-Aussteiger Jan Zobel, von 1993 bis 1997 als Hamburger JN-Landesvorsitzender und Pressesprecher der Bundespartei ein enger Weggefährte Apfels, fasst die Gemengelage in Sachsen folgendermaßen zusammen: „Im ‚Dienst an der Volksgemeinschaft‘ organisieren die Nationaldemokraten Gesangskreise junger Kameraden in Altersheimen, pflanzen in tristen Plattenbausiedlungen Bäume, laden zu Schifffahrten auf der Elbe und Jugendliche zu Zeltlagern ein. Die NPD und ihre Jugendorganisation JN veranstalten Kinderfeste und bringen Schülerzeitungen auf den Weg, junge Mitglieder begleiten Kinder alleinerziehender Mütter zum Kindergarten und helfen bei den Hausarbeiten.“

Dass die sächsische Landesregierung jahrelang das Problem abstritt, hat den stetigen Aufbau einer Parallelgesellschaft ebenfalls gefördert – zusätzlich zu einer Situation, die längst nicht nur auf die ostdeutschen Bundesländer zutrifft. Zobel analysiert treffend: „Die Bundesrepublik unternimmt alles, dass dieser Personenkreis unablässig wächst. Wirtschaftlicher Niedergang und fehlende Perspektiven, Sozialabbau und Selbstbedienungsmentalität forcieren nicht nur Verdrossenheit und Verweigerung bundesweit. Sie häufen politischen Sprengstoff an, dessen glimmende Lunte NPD heißt.“

„Stachel im Fleisch der Etablierten“

Der Niedersachse Holger Apfel würde da vielleicht gar nicht einmal widersprechen, die Metapher von der Lunte und dem Pulverfass gefällt NPD-Kadern, die sich nur allzu gerne als Stachel im Fleisch der Etablierten stilisieren und sich bestätigt fühlen, wenn die laut aufschreien.

Im Jahr 1988, als 17-Jähriger, trat Apfel den Jungen Nationaldemokraten bei. „Die Überfremdung“ sei bereits damals „weit vorangeschritten“ gewesen, sagt Apfel der Politiker. Das habe er „in der Schule, im kleinen lokalen Fußballverein“ gemerkt. Das passt aber bestens zur Legendenbildung einer Partei, bei der so gut wie alle Spitzenfunktionäre merkwürdig abstrakt davon berichten, wie sie als Heranwachsende in einem von Ausländern dominierten Land geradezu unausweichlich auf den rechten Weg kamen. Bei Apfel ist eine andere Prägung wahrscheinlicher: Schon bevor er in die JN eintrat, agierte er, der Sohn von Vertriebenen, im NPD-nahen „Studentenbund Schlesien“. Dort sprach man schon immer ganz selbstverständlich von der DDR als „Mitteldeutschland“ – so wie es alle NPD-Aktivisten noch heute tun, um die Formulierung Ostdeutschland zu ignorieren. Mit Revanchismus habe das nichts zu tun, sagt Apfel, „ich habe nie mit verklärten Augen Landserhefte gelesen“.

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Holger Apfel als Redner in Dresden
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Von Horst Mahler, der bis zu seinem Parteiaustritt 2003 der wohl wahnsinnigste Antisemit in dieser notorisch antisemitischen Partei war, distanziert sich Apfel für seine Verhältnisse überdeutlich: „Böse Zungen fragen sich ja, ob das Verbotsverfahren wegen dieses Anwalts und seiner Verfahrensstrategie zur Einstellung gekommen ist oder trotz ihm.“ Inhaltlich gibt auch Apfel, der am 14. Februar in Dresden die Freilassung des Holocaustleugners Ernst Zündel forderte, zu erkennen, dass er die historisch dokumentierten Tatsachen rund um den Holocaust anzweifelt. Er hält nur die Thematisierung des Ganzen für falsch. Im Gegensatz zu Mahler und dessen jüngeren Gesinnungsgenossen in der Partei will sich Apfel – in der Außenkommunikation – nur noch mit Themen beschäftigen, mit denen man Wahlen gewinnt.

Kinderzimmer als Parteibüro

Mit 19 Jahren war Apfel bereits JN-Landesvorsitzender, von 1994 bis 1998 war er JN-Chef, seitdem er 21 ist, sitzt er im NPD-Bundesvorstand. Selbst wenn man berücksichtigt, dass die Jugendorganisation damals nur etwa 150 Mitglieder hatte, ist solch ein schneller Aufstieg etwas Außergewöhnliches. Doch Holger Apfel legt bereits damals ein enormes Arbeitspensum an den Tag. Auch in den Jahren, in denen er als Anzeigenberater einer örtlichen Tageszeitung arbeitete: „Ich war schon immer tagsüber voller Vorfreude auf die politische Arbeit nach Feierabend. Seit vielen Jahren ist das der Mittelpunkt meines Lebens.“

Diese Aussage wiederum ist völlig deckungsgleich mit dem, was politische Weggefährten über Apfel berichten. „Sein Kinderzimmer ist sein Parteibüro. Es hängt voller Plakate. Im Bücherregal stehen Publikationen der NPD und Alben. In denen hat Holger Aufkleber der Partei und der JN gesammelt. Er zeigt sie mir mit sichtlichem Stolz. Es gibt im Raum nichts Persönliches, was auf ihn verweist. Vielleicht fällt es ihm auch deshalb so leicht, in den folgenden Jahren wiederholt den Wohnsitz zu wechseln.“

Nach der Machtübernahme durch Voigt soll sich Apfel zunächst um die Parteizeitung „Deutsche Stimme“ kümmern. Sein Auftrag ist es, aus dem damaligen „Wurstblatt mit gerade einmal 100 Abonnenten außerhalb der Mitglieder“ eine Informations- und Kommunikationsplattform für die ganze Szene zu machen. Mit diesem Mandat beginnt das unstete Leben, das Zobel skizziert. Mit den Redaktionsräumen der DS zieht Apfel zunächst nach Stuttgart, dann nach Wangen an der Donau, schließlich ins sächsische Riesa, wo die Partei NPD 2000 in den Besitz einer repräsentativen Immobilie kam.

Bruch mit Udo Voigt

Apfel steigt parteiintern weiter rasant auf – als Lehrgangsbester einer vom Parteivorsitzenden Udo Voigt durchgeführten Kaderschulung bleibt er Voigt offenbar nachhaltig in Erinnerung. Apfel wird bis weit ins Jahr 2008 von Voigt protegiert, dafür hält der ihm innerparteilich den Rücken frei. Als Apfel, der offenbar nach der Spendenaffäre um die Stabilität der Partei fürchtete, die (inzwischen zurückgezogene) Kandidatur von Voigts Gegenkandidaten Andreas Molau unterstützte, war der Bruch der einstigen Männerfreundschaft für alle offensichtlich. Wer Udo Voigt in Dresden erlebte, sah einen Mann, der Apfel dieses taktische Manöver nie verzeihen wird.

Mit strategischem Weitblick modellierte Apfel die JN um, aus einer unorganisierten Ansammlung von meist aus dem Skinhead-Milieu stammenden wütenden jungen Männern wurde eine ideologisch geschulte Kaderorganisation. Weniger radikal ist die JN indes sicher nicht geworden, und auch Holger Apfel trat immer wieder als Redner bei Versammlungen offen neonazistischer Prägung in Erscheinung. Dass es in der Partei viele Funktionäre gibt, die diesen Apfel, der tatsächlich innerparteilicher Gegenspieler des NS-Enthusiasten Jürgen Rieger ist, für einen „Weichspüler“ halten, spricht Bände über die Radikalität dieser Partei.

Es geht um ein gepflegtes Äußeres

Apfel modernisierte das Auftreten der Partei und ihrer Zeitung, er forderte von seinen Aktivisten ein manierliches Auftreten bei öffentlichkeitswirksamen Terminen. All das, ohne die Programmatik der NPD auch nur um einen Deut in Richtung des bürgerlichen Spektrums zu verschieben. Es geht um ein gepflegtes Äußeres und ein moderates Auftreten. Nicht um ein moderates Programm. Gäbe sich die Partei inhaltlich moderater, würde sie weite Teile ihres Fußvolkes verprellen, gelingt ihr kein halbwegs seriöses Auftreten, braucht sie die Wahlkampfstände erst gar nicht aufzubauen.

Die Landtagsfraktion in Sachsen ist nicht nur aus strategischen Gründen so wichtig. Vor dem Hintergrund der knappen Parteikassen nimmt man die Segnungen des Parlamentarismus liebend gerne mit. Die Fraktion erhält pro Jahr etwa 1,2 Millionen Euro. Die Nahziele sind klar definiert, und abermals hat Sachsen eine Vorreiterrolle: Am 30. August 2009 soll dort der Wiedereinzug in den Landtag gelingen, das wäre der endgültige Beweis für die angestrebte nachhaltige Verankerung. In Thüringen ist daraufhin der nächste Einzug in einen ostdeutschen Landtag, im Saarland der erste Einzug in einen westdeutschen Landtag seit den Siebzigerjahren vorgesehen. Irgendwann will man im Bundestag sein.

„Geduld haben“

„Wir müssen Geduld haben“, sagt Apfel. In Frankfurt, München, Nürnberg und Kiel stelle man seit Kurzem Stadträte. Und irgendwann werde sich auch die Linkspartei entzaubert haben. Wer gegen die herrschende Politik sei, komme dann über kurz oder lang nicht mehr an der NPD vorbei. Schon 2014 könnte man eine wahrhaft gesamtdeutsche Partei sein, sagt er. Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis das Jahr 2014 geschrieben wird. Gemessen an dem Zeitraum, in dem der 37-jährige Holger Apfel Politik macht, sind fünf oder sechs Jahre jedoch ein sehr überschaubarer Zeitrahmen.

* Christoph Ruf ist Redakteur bei Spiegel Online. Zusammen mit Olaf Sundermeyer schrieb er das Buch “In der NPD – Reisen in die National Befreite Zone“, das am 16. Februar erschienen ist.

Siehe auch: Reibt Voigt sich wirklich die Hände?, Marsch in alte Zeiten, Dresden: Wenn der Bürger mit dem Nazi…, Holger Apfel: Angeblicher Brief von Hähnel eine “plumpe Fälschung”, Provokation und Machtkampf: Sachsens NPD-Fraktionschef lobt NS-Familienpolitik, NPD in den Landtagen: Der Unterschied zwischen auf- und durchdrehen, Neues Deutschland schmeißt Elsässer raus – Einladung der “Deutschen Stimme”, Die rechtsextreme Bewegung ist nicht auf die NPD zu reduzieren, Wer übernimmt die Vogtei von Berlin-Köpenick?, Die NPD zwischen Pragmatismus und Propaganda

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