Trauern als Strategie

Rund 6000 Rechtsextremisten haben sich für einen „Trauermarsch“ in Dresden angekündigt. Sie wollen nach eigenen Angaben der Toten der Bombardierung Dresdens 1945 gedenken. Doch dies ist vor allem Mittel zum Zweck: Die Aufmärsche spielen für die rechtsextremen Strategen eine zentrale Rolle.

Von Patrick Gensing, zuerst veröffentlicht bei tagesschau.de

Sie geben sich moderat: Als Veranstalter des rechtsextremen Aufmarsches tritt die „Junge Landsmannschaft Ostdeutschland“ auf. Mit Ostdeutschland sind hier allerdings nicht die neuen Bundesländer gemeint, sondern unter anderem das „besetzte Ostpreußen“. Die JLO kooperiert mit der NPD, auf ihren Internet-Seiten verlinkt die JLO unter anderem auf die neonazistische „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ).

Doch nach außen soll der Schein gewahrt werden. Die Rechtsextremisten wollen das Bild von „national eingestellten“ Bürgern vermitteln, die um die Todesopfer von Dresden im Jahr 1945 trauern. Allerdings ausschließlich um die. Die Bombardierung Dresdens wird aus dem Kontext der Geschichte gelöst und als „Bomben-Holocaust“ bezeichnet. Der Holocaust und andere deutsche Verbrechen sowie deren Opfer werden hingegen konsequent ignoriert. So auch von der NPD in den Landtagen. Wird der Opfer des NS-Terrors gedacht, boykottieren die Rechtsextremisten dies regelmäßig. In Sachen Dresden gibt man sich aber umso betroffener. Von 250.000 bis 300.000 Toten sprechen NPD und andere Neonazis. Eine Zahl, die die Nazis schon direkt nach den Luftangriffen verbreitet hatten, die wissenschaftlich aber nicht haltbar ist.

Machtdemonstration nach innen und außen

Wissenschaftliche Erkenntnisse, die die Rechtsextremisten abtun. Sie sprechen von „Lügen des Systems“ und sehen sich in ihrem Anliegen noch bestätigt. „Das System“ wolle eben die Wahrheit verschleiern, heißt es. Solche Verschwörungstheorien gehören zum Grundinventar der rechtsextremen Ideologie, genau wie Aufmärsche zur Strategie der braunen Drahtzieher. Die wichtigsten Kader der Bewegung kommen zusammen, diskutieren Strategien, neue Bekanntschaften werden geknüpft, die Vernetzung verbessert.

Die Rechtsextremisten wollen zudem feste Termine für Aufmärsche etablieren: Neben dem 13. Februar gehören unter anderem der 1. Mai sowie der Todestag von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß dazu. Außerdem soll dem rechtsextremen Fußvolk demonstriert werden: „Wir sind viele!“ Jugendliche sollen bei Aufmärschen in die Bewegung integriert werden.

„Kampf um die Straße“

Durch die ritualisierten Aufmärsche wollen die rechtsextremen Strategen in die Medien kommen und politische Gegner einschüchtern. Für die NPD und ihre Verbündeten spielt der selbst erklärte „Kampf um die Straße“ eine entscheidende Rolle. Denn dass die Rechtsextremisten nicht den „Kampf um die Parlamente“ gewinnen können, wissen die Strippenzieher. Die NPD wird lediglich als „Waffe gegen das System“ angesehen, diese wird ergänzt durch die Präsenz auf den Straßen.

Für den Erfolg solcher Aufmärsche im Sinne der Rechtsextremisten spielt die Themenauswahl eine gewichtige Rolle. Die Bombardierung Dresdens erscheint für die Zwecke der Rechtsextremisten optimal: Die deutschen Verbrechen sollen durch die Fokussierung auf die Dresdner Opfer relativiert werden. Das Thema ist anschlussfähig – auch in großen Medien spielten die Angriffe auf Dresden oder die Vertreibung der Deutschen in den vergangenen Jahren eine immens große Rolle. Die Rechtsextremisten suchen den Schulterschluss mit rechten bürgerlichen Kräften, um aus der politischen und gesellschaftlichen Isolation auszubrechen.

Kritik an der Stadt Dresden

Diese Strategie zeigt in Dresden teilweise Erfolg, andere Bürger wollen dies aber nicht hinnehmen. Parteien, Bündnisse, Kirchen, Gewerkschaften und antifaschistische Gruppen rufen daher in Dresden zu Gegenkundgebungen auf. Initiatorin Annetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung sagte auf Anfrage, sie hoffe auf etwa 15.000 Teilnehmer. Antifa-Gruppen erwarten zusätzlich rund 2000 Personen zu ihren Veranstaltungen. Für die Rechtsextremisten einerseits ein Ärgernis, denn Gegendemonstranten blockieren immer wieder Aufmärsche von Neonazis, was auch für Frustration sorgt. Gleichzeitig soll die Konfrontation mit den Gegnern aber auch das eigene Lager zusammenschweißen; gemeinsame Erlebnisse dienen den Rechtsextremisten zur Legendenbildung.

Kahane, die der Initiative vorsteht, kritisierte die Stadt Dresden scharf: Es sei erschütternd, dass die Nazis hier marschieren dürften und damit alle Opfer des Weltkriegs und des Holocaust verhöhnten. Das Bündnis will den Neonazis das Gedenken an die Opfer nicht überlassen – und so kommt es zu bizarren Szenen. Auf dem Heidefriedhof in Dresden standen sich bei einer Trauerveranstaltung am Freitag Kahane und Stephan Kramer vom Zentralrat der Juden plötzlich der gesamten sächsischen NPD-Fraktion sowie anderen Neonazis gegenüber. Ein Kranz der NPD wurde laut Augenzeugenberichten über den des Zentralrats gelegt. Eine „absurde und höchst unangenehme Situation“, so Kahane. Denn „hätte es damals keine Nazis gegeben, hätte es auch keine Zerstörung Dresdens gegeben“.

Siehe auch: Dresden: Wenn der Bürger mit dem Nazi…Sachsen: Extremismus der Mitte, Dresden victims and German manipulation, Historikerkommission weist bislang 18.000 Tote durch Bombardierung Dresdens nach, Interne Broschüre nicht gelesen? Die NPD und die “Kriegsschuldlüge”, Gedenken in Dresden: Rechtsextreme vergraulen jüdische Gemeinde, NPD in den Landtagen: Der Unterschied zwischen auf- und durchdrehen