Marsch in alte Zeiten

Beim größten Neonaziaufmarsch Europas hat die rechte Szene Geschlossenheit demonstriert. An die glaubt sie aber einzig selbst, genau wie an ihre Umdeutung der Geschichte.

Von Olaf Sundermeyer*, Dresden, für NPD-BLOG.INFO

Es gibt Klischees, die immer noch verfangen. Auch wenn die Strategen der rechtsextremen NPD tatkräftig dagegen arbeiten, um ihre Chancen im Superwahljahr nicht zu gefährden. Während die Parteispitze in Dresden also mit betretenen Mienen über die St.Petersburger Straße schreitet, um den Jahrestag der Bombardierung durch die Alliierten historisch umzudeuten, genügt der Besuch des Bahnhofsklos, um zu hören, wie die Basis tickt: „Hömma, Nationalmannschaft, Jogi Löw und so, kannse voll knicken, sind alles nur noch Kanacken, die da rum laufen“, sagt einer auf dem Männerklo, während er seinem Harndrang nachgibt. „Der Özil ist doch kein Deutscher, der ist ein scheiß Türke“, sagt er dann noch in der Bewegung, die seine Hosenöffnung schließt. Gemeint ist der in Gelsenkirchen geborene Fußballprofi Mesut Özil, der vor ein paar Tagen sein erstes Spiel für Deutschland gemacht hat. „Genau“ sagt ein zweiter, der ein paar Schritte später am Biertisch mit seinem eingeschweißten Parteiausweis prahlt. „NPD“ steht auf dem Kärtchen, das er aus der Geldbörse zieht, sein Mitgliedsausweis. Für die NPD gilt immer noch der Begriff „Volksdeutscher“, ein Pass hat keinen Wert.

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„Gedenken“ der Rechtsextremisten: „Israelis sind Völkermörder“
Foto: M. Reisinger, Klicken für Großansicht

Diese beiden voll trunkenen jungen Männer mit kahl geschorenem Haar sind außerdem Mitglieder der als gewaltbereit geltenden Gruppe „Skinhead Front Dorstfeld“, aus Dortmund. Der eine trägt auch in diesem geschlossenen Raum seine schwarzen Lederhandschuhe zu einem T-Shirt der Rechtsrockband „Children of the Reich“, der andere hat eine schwarze Sonne auf den Unterarm tätowiert. Es ist ein beliebtes Neonazisymbol, das an die Waffen-SS erinnert und zu dem Ersatzrepertoire gehört, über das sich die Szene identifiziert, wegen des Verbotes anderer, verfassungswidriger Zeichen. Die beiden schlagen mit ihren Glaskrügen auf den Holztisch, feixen laut und tönen, „gut, dass jetzt jeder die Skinheads aus Dorstfeld kennt“. Sie gehören einer Reisegruppe des gealterten Neonazis Sigfried Borchardt an („SS-Sigi“), einem prominenten Kopf der Szene, der mehrfach einschlägig vorbestraft ist. Diese Leute sind das wahre Gesicht der NPD, die diesen Aufmarsch nutzt, um zwanghaft eine gewisse Einheit der rechten Szene zu demonstrieren, die es in diesen Tagen nicht gibt. Es ist ihr Wahlkampfauftakt. Der Wiedereinzug in den sächsischen Landtag ist das wichtigste strategische Ziel der NPD im Superwahljahr.

 

Deshalb würde Holger Apfel, der Fraktionschef der NPD im sächsischen Landtag, heute gerne ein anderes Bild von seiner Partei zeichnen. Ihm gefallen all die Lodenmantelträger, die es auch heute hierher geschafft haben, die Familien und Freunde der „Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland“, die den Zug aus 5000 rechtsextremen Marschierern anführt. Sauber gescheitelte Studenten in Zimmermannshosen, die Kluft der völkischen Jugend, die sich vor allem in den Universitätsstädten Ostdeutschland unter die traditionellen nationalkonservativen Burschenschaften mischt. Filzjacken und Wanderschuhe, ungeschminkte junge Frauen mit Flechtzöpfen, die Fahnen mit einem Deutschland in den Grenzen von 1937 schwenken.

Aus der Slowakei sind andere gekommen, auch aus Tschechien: die Gruppe „Narodni odpor“ (nationaler Widerstand), die im Herbst noch an pogromartigen Ausschreitungen gegen Sinti und Roma beteiligt war. Gemeinsam demonstrieren diese Leute in Dresden also für den Frieden.

„Gestern Dresden, heute Gaza“

Dahinter marschieren Kameradschaften aus allen Teilen Deutschlands. Untermalt von klassischer pathetischer Instrumentalmusik. Einzig angeheizt von eine Rede des Gastgebers. „Völkermord und Terrorismus tragen den Namen der Vereinigten Staaten und den Namen Israels“, hatte Apfel gerade über Lautsprecher resultiert, aus seiner Schelte auf die „angloamerikanschen Kriegstreiber, die Dresden in Schutt und Asche gelegt haben“. An die deutsche Kriegsschuld glaubt hier mutmaßlich niemand, zumindest will niemand etwas davon wissen. „Gestern Dresden, heute Gaza“ steht auf einzelnen Plakaten, mit denen die NPD ihr verqueres Geschichtsbild in die Jetztzeit überträgt. „Großvater, wir danken dir!“ hat sich ein Pulk junger Leute in schwarz auf das Banner geschrieben. Autonome Nationalisten, eine radikale gewaltbereite Strömung, die sich eigentlich von der NPD nicht vereinnahmen lassen will.

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Nach außen Einigkeit demonstrieren, Udo Voigt neben Andreas Molau
Foto: M. Reisinger, Klicken für Großansicht

Hier passiert es doch. Denn hier geht es nicht um das Gedenken, sondern es geht darum, die Geschlossenheit der rechten Szene zu demonstrieren. Und durch die, wie durch die NPD, geht ein Riss. Die Partei streitet um ihren Vorsitzenden Udo Voigt, der heute einträchtig neben seinen parteiinternen Gegnern und hinter dem Banner von Apfels Fraktion marschiert. „Ehre wem Ehre gebührt“ steht darauf, und die Parteioberen sind entzückt, als sich Fernsehkameras und Fotografen dieses vorgespielte Bild der Geschlossenheit machen. In dem Streit geht es auch darum, wie mit pöbelnden Neonazis der Marke „Skinhead Front Dorstfeld“ zu verfahren ist.

Wer demonstriert nächstes Jahr Geschlossenheit?

Das alles interessiert die etwa 10.000 Gegendemonstranten in der Stadt nicht. Sie wenden sich vor allem dagegen, dass die Bombennacht von Dresden, als die Stadt vor genau 64 Jahren von alliierten Fliegern dem Erdboden gleich gemacht wurde, politisch nicht missbraucht wird. Dass die Opfer nicht verhöhnt werden, von Politikern jener Partei, die sich in der Nachfolge der NSDAP sieht, die Deutschland vor siebzig Jahren in einen Angriffskrieg getrieben hat, an dessen Ende auch die Nacht vom 13. Auf den 14. Februar stand. Wenngleich sich insgesamt 19 verschiedene Veranstaltungen formierten, einte sie doch dieses gemeinsame Ziel. Die aplhabetische Auflistung von Gregor Gysi (Die Linke), Charlotte Knobloch (Zentralrat der Juden), Franz Müntefering (SPD), Claudia Roth (Die Grünen), Michael Sommer (DGB) und Richard von Weizsäcker (CDU) erscheint hier angemessen.

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Udo Voigt in Dresden
Foto: M. Reisinger, Klicken für Großansicht

Und während die betrunkenen Dorstfelder Skinheads ihren Bus suchen, berichtet das Inforadio des MDR über Ausschreitungen am Rande, „zwischen Anhängern der linken Szene und er Polizei“. Der NPD-Parteivorsitzende Udo Voigt ist längst abgereist, unerkannt von Skinheads, Polizei und Linken, vom Hauptbahnhof aus. Es bleibt die Frage, wer im kommenden Jahr als NPD-Parteivorsitzender nach Dresden kommt, um Geschlossenheit zu demonstrieren.

*Olaf Sundermeyer arbeitet als freier Autor für die F.A.Z. und verschiedene Fernsehmagazine von WDR und RBB. Zu Beginn des Superwahljahres 2009 veröffentlicht er gemeinsam mit Christoph Ruf das Buch „In der NPD“ im Verlag C.H.Beck.

Siehe auch: Trauern als Strategie, “Trauermarsch in Dresden” – Relativierung der Verbrechen des “Dritten Reiches”, Dresden: Wenn der Bürger mit dem Nazi…Sachsen: Extremismus der Mitte, Dresden victims and German manipulation, Historikerkommission weist bislang 18.000 Tote durch Bombardierung Dresdens nach, Interne Broschüre nicht gelesen? Die NPD und die “Kriegsschuldlüge”, Gedenken in Dresden: Rechtsextreme vergraulen jüdische Gemeinde, NPD in den Landtagen: Der Unterschied zwischen auf- und durchdrehen