“Trauermarsch in Dresden” – Relativierung der Verbrechen des “Dritten Reiches”

Jede Bürgerinitiative gegen ein Autobahnteilstück gibt sich erst einmal die Mühe, ihr Anliegen ausführlich zu begründen. Die rechtsextreme Szene hat das offenbar nicht nötig, warum auch? Schließlich sind manche Versatzstücke ihrer Ideologie seit Jahrzehnten unverändert. Zwar werden auch in diesem Jahr im Demo-Aufruf zum 13./14. Februar viele Worte gemacht, für das vorgebliche Anliegen – die angebliche Trauer um die zivilen Opfer der Bombardierung Dresdens – findet man dabei jedoch nur einige mühsam zusammengebastelte Floskeln.

Von Christoph Ruf* für NPD-BLOG.INFO

„Am 14. Februar führt die Junge Landsmannschaft Ostdeutschland ihren jährlichen Trauermarsch für die Opfer der sinnlosen Zerstörung der schönen sächsischen Elbmetropole Dresden durch, die am 13.,14. und 15. Februar 1945 fast vollständig zerstört wurde, und wobei mehrere tausend Zivilisten ihr Leben lassen mussten.“ So viel dazu. Was die Veranstalter viel mehr zu interessieren scheint, ist ein ritualisiertes Räuber-und-Gendarm-Spiel. Kommen mehr Gegendemonstranten als Rechte? Halten die sich so brav an das von den Rechten so geliebte Versammlungsgesetz? Ein Ziel der Rechtsextremisten ist es auf jeden Fall, die Gegendemonstranten als zugereiste Krawallmacher zu diskreditieren, von denen sich die Dresdner Zivilbevölkerung schon lange abgewendet habe.

Inhaltlich geht es – wenig Text, viel Subtext – einmal mehr um eine Relativierung der Verbrechen des „Dritten Reiches“. Die Bombardierung deutscher Städte wie Dresden oder Hamburg durch die Alliierten wird nicht als Teil der Geschichte eines von Nazi-Deutschland erklärten Krieges gesehen, vielmehr wird der Eindruck erweckt, als seien die eigentlichen Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges von den Alliierten begangen worden.

Ins öffentliche Bewusstsein einfräsen

Durch die Ritualisierung will man sich nachhaltig ins öffentliche Bewusstsein einfräsen. Diese Taktik geht auf – auch weil den Aufmärschen jedes Jahr lang anhaltende politische und juristische Debatten vorangehen. Der Aufmarsch anlässlich der Bombardierung Dresdens im Februar 1945 hat sich in den letzten Jahren zum größten, regelmäßig stattfindenden Treffen von Alt- und Neonazis jeder Couleur in Europa entwickelt. Ziel ist es, den 14. Februar zum Tag der rechtsextremen Bewegung zu machen, neben anderen Daten (beispielsweise dem Hess-Gedenktag), oder dem 1. Mai, der zum Leidwesen der rechten Strategen immer noch ein linker Aktionstag ist.

Offiziell hält sich die NPD im Vorfeld des Dresdner Aufmarsches eher zurück – unter den Regeln der Veranstalter findet sich auch der Hinweis, dass Parteifahnen nicht mitgebracht werden sollen – auf den Homepages des NPD-Stadt-, Land- und Bundesverbandes wird lediglich an prominenter Stelle zum Aufruf der Veranstalter verlinkt, der „Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland“ (früher „Junge Landsmannschaft Ostpreußen“). Hierbei handelt es sich offenbar um eine Kaderschmiede, das sich stark aus dem Burschenschaftsmilieu speist; einem Kaderbecken, aus dem auch frühere JN-Vorsitzende Stefan Rochow (2002-2007) und der Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel entstiegen – jener Gansel, der die Bombardierung Dresdens 2005 als „Bombenholocaust“ bezeichnete.

NPD als parlamentarischer Arm

Gansel hielt sich im Vorfeld des Aufmarsches zurück, an seiner Stelle fungierte der Dresdner Landtagsabgeordnete René Despang als parlamentarischer Arm der Szene. Despang stellte im Landtag eine mündliche Anfrage, in der er sich um die Sicherheit des Aufmarsches sorgte. Stellvertretender Versammlungsleiter des Aufmarsches ist der NPD-Fraktionsgeschäftsführer im sächsischen Landtag, Frank Ahrens. Man kann davon ausgehen, dass wie in den vergangenen Jahren jede Menge Parteiprominenz vor Ort sein wird. Für die NPD ist das kommende Wochenende der informelle Wahlkampfauftakt. Auch soll nach den Streitigkeiten der letzten Wochen und Monate – bekanntermaßen haben viele Kader der freien Kräfte mit der NPD gebrochen – der Schulterschluss demonstriert werden.

Der Aufmarsch erfüllt jedoch auch eine nach außen gerichtete Funktion. Den Veranstaltern ist es deshalb wichtig, strengste Verhaltensregeln auszugeben und auf deren Einhaltung zu achten. „B-Jacken, Springerstiefel, Schuhe mit Stahlkappen, militärisch geschnittene Jacken und Hemden“ sind ebenso verboten wie „Zahlenkombinationen a la 1488, Reichskriegsflagge, (..) Alkohol, Kennzeichen verbotener Organisationen, Vermummung, Lonsdale, Consdaple usw. usf. Entsprechende Tätowierungen sind abzudecken (..), auf dem Marsch herrscht Alkohol- und Rauchverbot! Telephone sind lautlos zu stellen! Auf Sonnenbrillen sollte verzichtet werden!“

Außen- und Innenwirkung

Dieser Verhaltenskodex wird nicht nur durch die strengen polizeilichen Auflagen diktiert, sie liegen auch im Eigeninteresse der Rechten, die seit Jahren darauf achten, das Bild vom tumben alkoholisierten Schläger zu relativieren und nicht allzu paramilitärisch aufzutreten. Überhaupt ist einer der Hauptzwecke des Aufmarsches ein demonstrativer. Er soll beeindrucken, primär natürlich durch die Zahl der Teilnehmer. Ganz im Sinne der vom (noch) amtierenden Parteivorsitzenden Udo Voigt 1996 ausgegebenen „Drei-Säulen-Strategie“, in der neben dem „Kampf um die Köpfe“ und dem „Kampf um die Parlamente“ der „Kampf um die Straße“ ein tragendes Element ist. Man sollte nicht ausblenden, dass die vieltausende Neonazi-Aktivisten, mit denen am Samstag zu rechnen ist, sich zu einem beträchtlichen Teil auch an den anderen 364 Tagen des Jahres zum politischen Kampf berufen fühlen – wer sich das vergegenwärtigt, wird den vieltausendköpfigen Aufmarsch als bedrohlich empfinden.

Genau das ist intendiert. Genau dadurch hat er das kommende Wochenende auch eine solch wichtige szeneinterne Funktion. Die Szene trifft und vernetzt sich – und das nicht nur im nationalen, sondern –begünstigt durch den Standort Dresden und dessen Nähe zu Osteuropa– im internationalen Kontext. Die Szene versichert sich ihrer eigenen Bedeutung.

*Christoph Ruf ist Redakteur bei Spiegel Online. Zusammen mit Olaf Sundermeyer schrieb er das Buch „In der NPD – Reisen in die National Befreite Zone„, das am 16. Februar erscheint.

Siehe auch: Die NPD und der Holocaust: Relativieren statt leugnen, “Trauermarsch”: “Nazis auf die Fresse hauen”, Mehrere tausend Nazis marschieren durch Dresden, NPD betreibt weiter ihren “Schuldkult”, Sachsen: NPD-Abgeordnete nicht bei Holocaust-Gedenken dabei, Gedenken in Dresden: Rechtsextreme vergraulen jüdische Gemeinde

Aufrufe zu Protesten gegen den Neonazi-Aufmarsch: Aufruf: Neonazi-Aufmarsch in Dresden stoppenAufruf zur Demonstration gegen Neonazi-Aufmarsch in Dresden