Andreas Molau: Wolf im Lambswoolpullover

Mit Andreas Molau als künftigem Vorsitzenden wird die NPD versuchen, stärker in nationalkonservative Bildungskreise vorzudringen. Die Rekrutierung akademischen Nachwuchses sowie die Außendarstellung der Partei könnten zur Chefsache werden. Bücherfreund Molau arbeitet an der Zukunft, während sich die Macher um die Wahlen 2009 kümmern.

Von Olaf Sundermeyer* für NPD-BLOG.INFO

Bevor irgendeine Internet-Redaktion nach der zu erwartenden Wahl von Andreas Molau zum Bundesvorsitzenden der rechtsextremen NPD im Frühjahr das Klickmonster mit der Überschrift vom „Wolf, der im Schafspelz steckt“ füttert, sei es hier vorweggenommen: Ja, der graumelierte NPD-Strippenzieher – der sich die Unterstützung aus Schwerin und Dresden  sicherte, den eigentlichen Kraftzentren der NPD – verfügt über bürgerliche Manieren, eine sanfte Stimme, und über eine Erscheinung, die einem Buchhändler aus Wolfenbüttel eher zu Gesicht stünde als dem Neonazi von dort, der in Molaus Gestalt eines ehemaligen Waldorflehrers steckt. Der wiederum in Lambswoolpullover und Tweedsakko.

Andreas Molau nennt sich selbst einen „Bioladengänger“. Und jede Wette: Im Frauenkollektiv „Kraut&Rüben“ am Kreuzberger Heinrichplatz, wo sonst der Grünen-Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele einkauft, würde Andreas Molau als Kunde nicht auffallen. Er bewegt sich problemlos unter Bildungsbürgern. Anders als der ehemalige Berufssoldat und Noch-Parteivorsitzende Udo Voigt, der seine Ablehnung gegen das so genannte Gutmenschentum ebenso zur Schau trägt, wie Andreas Molau seine Leidenschaft für Bücher.

Personal- und Politikwechsel

Dem sich abzeichnenden Wechsel an der Parteispitze der rechtsextremen NPD soll ein Politikwechsel folgen. Vorerst geht es aber um den Erfolg im Superwahljahr 2009. Darum kümmern sich die Macher Holger Apfel (Fraktionschef Sachsen), Udo Pastörs (Fraktionschef Mecklenburg-Vorpommern) und Peter Marx (Bundesgeschäftsführer), die Molau gemeinsam aufs Schild gehoben haben. So sieht der Deal aus: Während sie sich um den gegenwärtigen wichtigen Erfolg in den Parlamenten kümmern, soll Molau an der Zukunft der NPD arbeiten. Er soll die Partei öffnen: In Richtung nationalkonservativer Bildungskreise – und gegenüber der Öffentlichkeit. Denn jahrelang hat kein NPD-Funktionär in einer Weise nach medialer Beachtung gestrebt, wie Andreas Molau, der sich unter anderem als Pressesprecher der NPD-Fraktion im Schweriner Landtag betätigt. Künftig wird die Außendarstellung der Partei Sache ihres eloquenten Vorsitzenden sein. Mit dem Kalkül, dem national sozialistischen systemfeindlichen Ansinnen der Bewegung quasi den eigenen Lambswoolpullover überzustreifen.

 

Die Partei benötigt die Öffentlichkeit, um ihren Weg in die Mitte der Gesellschaft – über die Parlamente – fortsetzen zu können. Für die Parlamente benötigt sie allerdings tageslichttaugliches Personal, von dem sie weniger hat als Mandate, die mit jedem kommunalen Wahlgang mehr werden. Die Partei verfügt inzwischen Deutschlandweit über mehr als 220 Mandate; die meisten ihrer Träger sind allerdings nicht parlamentsfähig. Und das ist noch kein Urteil über ihre Gesinnung. Molau weiß das. Deshalb will er nach und nach eine Parteielite heranziehen, damit die NPD auf vorbestrafte Schläger und 18-jährige mutmaßliche Geldfälscher auf ihren Kommunalmandaten und Parlamentsstellen verzichten kann. Er will die Respektabilität vorantreiben, ohne die seine Partei ihre parlamentarische Strategie (merke: Am Ende geht es immer um die Überwindung des Systems, die Parlamente sind bloß ein nützliches Vehikel) nicht verfolgen kann.

„Den Unterbau nicht vernachlässigen“

Bücherfreund Molau redet gerne über die Lehre, die er von Franz Schönhuber geerbt hat („Als junger Mann habe ich seine Bücher mit ihm lekoriert“). Der jahrelange Vorsitzender der rechtsradikalen Republikaner und Autor geschichtsrevisionistischer Bücher habe ihm damals aufgetragen, nicht den gleichen Fehler zu machen, wie er mit den Republikanern: Geblendet durch überraschende Wahlerfolge auf hoher Ebene den Unterbau zu vernachlässigen.

Aus der Schweriner Landtagsfraktion hat Molau deshalb längst eine Bildungsstätte für künftige Parteikader gemacht. „Die Ausbildung der Leute hier ist mir ein ganz besonderes Anliegen. Da bin ich ganz Lehrer“, sagt Molau. Udo Voigt wirft er vor, den Nachwuchs vernachlässigt zu haben. Ständig sind deshalb in Schwerin Praktikanten aus dem Saarland zu Gast, wo sich die NPD bei den anstehenden Landtagswahlen etwas ausrechnet. Zuletzt der stellvertretende Landesvorsitzende Bernd Ehrreich, den Molau auf ein mögliches Mandat in Saarbrücken vorbereitet hat. Davor der saarländische NPD-Spitzenkandidat Frank Franz als Fraktionsmitarbeiter, und der junge thüringische Landesgeschäftsführer Patrick Wieschke als Praktikant. Auch er steht vor entscheidenden Wahlkämpfen in diesem Jahr. Die NPD zehrt von der Verschiebung ihrer Multifunktionäre – und Molau sorgt dafür, dass es mehr werden. Denn fertige Politiker laufen der Partei nicht zu.

Das akademische Feld beackern

Deshalb ist man bemüht, das akademische Feld zu beackern. Kein Job für Udo Voigt – wohl aber für Andreas Molau, der sich ständig in den Kreisen von Geschichtsrevisionisten und antisemitischen Verschwörungstheoretikern bewegt. So wie sie auch bei einigen Burschenschaften hoch im Kurs stehen. Seit seiner Studentenzeit in Göttingen fühlt sich der ehemalige Lehrer für Deutsch und Geschichte in diesen Kreisen wohl. Stets fordert er den Schulterschluss sämtlicher national Gesinnten, Rechten und Konservativen in Deutschland. Als Redakteur der „Jungen Freiheit“ überspannte er vor Jahren den Bogen, scheiterte am Thema „Holocaustlüge“. Inzwischen bastelt er als stellvertretender Chefredakteur der Parteizeitung „Deutsche Stimme“ an der Intellektualisierung der NPD. Als Vorsitzender der „Gesellschaft für freie Publizistik“ bedient er zudem das Schanier zwischen der nationalkonservativen Szene und den bekennenden Neonazis. Ihre Vordenker sammeln sich in dieser rechtsextremen kulturpolitischen Vereinigung, in der auch der sächsische Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel regelmäßig zu Gast ist. Gemeinsam bemühen sie sich um die Schlauen am rechten Rand.

Dabei hilft auch Gansels Freund, der Düsseldorfer Rechtsanwalt Björn Clemens, der regelmäßig als Rechtsbeistand der NPD auftritt, und zuletzt als Referent der Hamburger Burschenschaft Germania angekündigt wurde. Denn natürlich gibt es unter Studenten in Deutschland auch welche, die rassistischem, antisemitischem oder völkischem Gedankengut anhängen. Genau die will Molau für die NPD gewinnen. So wie den sächsischen NPD-Jungfunktionär Stefan Hartung, der wegen der Verteilung jugendgefährdender Propagandaschriften verurteilt wurde – unter dem Rechtsbeistand von Björn Clemens. Oder wie die beiden Studenten Philip Valenta und Michael Schäfer, die von Sachsen-Anhalt aus die Jugendorganisation der Partei, die JN (Junge Nationaldemokraten), voran bringen. Der brave Politikstudent Schäfer gilt als Paradebeispiel dafür, wie Elitenbildung bei der NPD funktioniert. Er sitzt im Kreistag des Harz-Landkreises und gilt als kommender Mann in der NPD.

Perspektive in den Landtagen

Früher konnte die NPD solchen Leuten keine Lebensperspektive bieten. Das hat sich geändert, seitdem sie eine politische Größe in den Landtagen von Dresden und Schwerin geworden ist, und dort neben den Abgeordneten auch Mitarbeiterstäbe beschäftigt. Dafür benötigt sie wiederum Leute, die sich und der Partei nicht der Lächerlichkeit preisgeben. Personal braucht sie nicht nur für den parlamentarischen Unterbau, auch für die Parteistruktur. So plant die NPD die Einrichtung von Geschäftsstellen für sämtliche Bundesländer. Etwa so wie in Nordrhrein-Westfalen, wo der bei der NPD angestellte Bochumer Stadtrat Claus Cremer seit 2008 auch Landesvorsitzender ist. Für die anstehenden Kommunalwahlen fehlen ihm vor allem in den Ruhrgebietsstädten fähige Leute, um glaubhaft die Wahllisten zu füllen. Ähnlich sieht es in Thüringen aus – oder zuletzt in Brandenburg. Dort ist der Bildungsstand der NPD-Mandatsträger wohl Deutschlandweit der niedrigste.

Zu den interessanten Fragen des Superwahljahres gehört deshalb auch, wie weit die NPD mit der Ausbildung ihrer Kader gekommen ist. Die Wahllisten werden es zeigen. Unabhängig davon wird Molau weiter an der politischen Klasse der NPD basteln. Seine eigene kleine Tochter nennt den baulich verspielten Schweriner Landtag übrigens ein „Märchenschloss“. Das hört sich so an, als würde Molau die Nachwuchsarbeit der NPD wirklich ernst nehmen.

*Olaf Sundermeyer arbeitet als freier Autor für die F.A.Z. und verschiedene Fernsehmagazine von WDR und RBB. Zu Beginn des Superwahljahres 2009 veröffentlicht er gemeinsam mit Christoph Ruf das Buch „In der NPD“ im Verlag C.H.Beck.

Siehe auch: Von der “mitteldeutschen Volksfront” bzw. der “Volksfront von Mitteldeutschland”, Die NPD und der Holocaust: Relativieren statt leugnen,  Antisemitische und rassistische Hetze: NPD erreicht mal wieder einen Eklat, Neonazis und soziale Themen: Ist das neu?, Querfront-Träume: NPD bietet Elsässer Zusammenarbeit an, Völkischer Antiimperialismus: Bei der NPD gut aufgehoben, , Sachsen: Die NPD und die “Schwatzbuden”

6 thoughts on “Andreas Molau: Wolf im Lambswoolpullover

  1. Hatten wir das nicht schon einmal in Deutschland?
    Auch der Gefreite aus dem tausendjährigen Reich musste einigermaßen kluge Leute um sich scharen um öffentlichkeitswirksam um Anerkennung buhlen zu können.
    Schade, das P.G. mitten in der Geschichte aufgehört hat. Wenn er weitererzählen würde, müsste er am Schluss der Geschichte von Millionen Toten und zerbombten Großstädten in Deutschland und Europe berichten.
    Ich habe Angst vor einer Widerholung der Geschichte. Es ist deshaln dringend geboten, das sich alle´, die sich ihren gesunden Menschenverstand bewahrt haben, darüber Gedanken machen, extremistischen Parteien und Vereinigungen die Grundlage ihrer Existenz und Erfolge zu entziehen. Wann endlich werden die Verantwortlichen in unseren Parlamenten begreifen, das Grundlage solcher Erfolge die Lebensumstände sind, die den Bürgern mit den unerträglichen Gesetzen und der von sozialer Eiseskälte geprägten Sozialgesetzgebung, beschert werden.

  2. Die Zivilgesellschaft sollte auch weiterhin auf Aufklärung setzten. Ich habe gelesen, was Molau zur Landtagswahl in Niedersachsen damals rausgegeben hat und es war nichts, dass man nicht hätte widerlegen können. Seine Anstrengungen sollten genau beobachtet aber keinesfalls überbewertet werden.

  3. Inwieweit ist das, was da vorangetrieben wird, realistisch in der Umsetzung in Bezug auf Partei und Umfeld. Dazu kommt noch die Finanzlage. Ob das alles 2009 schon zum Tragen kommt würde ich kritisch betrachten. Was aber danach längerfristig gesehen? Verträgt sich eigentlich dieser teilweise sektenhafte Fanatismus im Umfeld der Partei mit dem gewünschten sachlichen, intelligenten, Auftreten? Wage ich fast zu bezweifeln.

    Mit freundlichen Grüßen
    Olli

  4. Können Sie, wenn Sie über Andreas Molau berichten, bitte darauf hinweisen, dass er 8 Jahre lang erfolgreich Waldorflehrer in Braunschweig war?

    Und nicht nur das:

    2007 sollte das Buch „Falsche Propheten“ erscheinen, eine Zusammenarbeit von Andreas Molau mit Lorenzo Ravagli, Redakteur des Waldorf-Journals „Erziehungskunst – Zeitschrift zur Pädagogik Rudolf Steiners“ und einer der „Chef-Ideologen“ der Anthroposophie.

    Siehe:

    „Waldorf-Pädagogik – Auf Tuchfühlung mit dem rechten Rand“

    http://www.stern.de/politik/deutschland/:Waldorf-P%E4dagogik-Auf-Tuchf%FChlung-Rand/602719.html

    Siehe:

    „Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie“, Artikel:

    „Falsche Propheten – Rudolf Steiners Nachlassgestalter und ihre Demagogie-Koryphäe im kollegialen Dialog mit einem NPD-Funktionär“

    http://rudolf-steiner.blogspot.com/2007/12/falsche-propheten.html

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