Täterforschung im globalen Kontext: Blick auf moralische Umformatierung richten

Mit einer internationalen Konferenz greifen die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, das Holocaust Research Centre at Royal Holloway, University of London sowie das Kulturwissenschaftliche Institut Essen neueste Erkenntnisse der „Täterforschung im globalen Kontext“ auf. Vom 27. bis 29. Januar 2009 diskutieren Wissenschaftler aus mehreren Staaten über die Täterforschung.

Harald Welzer, Leiter des „Center for Interdisciplinary Memory Research“ am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen sagte zu der Fokussierung auf die Täter, es sei „unmöglich, den Holocaust zu erklären, wenn man die Analyse dort ansetzt, wo das systematische Morden beginnt. Man muss viel früher ansetzen und betrachten, wie die Gesellschaft sich ab 1933 auf den unterschiedlichsten Ebenen hinsichtlich der Normen und der geteilten Moralität verändert hat. Der Nationalsozialismus hat keine amoralische Gesellschaft gebildet, sondern eine, die ihren Mitgliedern im Gegenteil große moralische Verpflichtungen auferlegt hat.“

Moralische Umformatierung

Das Deprimierende dabei sei, in welcher Geschwindigkeit diese „moralische Umformatierung stattgefunden hat“. Dies habe die Forschung bislang viel zu wenig beachtet, kritisierte Welzer. Der Grund dafür sei gewesen, dass „man bisher den Blick viel zu sehr auf die Vernichtung selber gerichtet hat und den disponierten Täter gesucht hat, so dass die Alltagsdimension dieser moralischen Umformatierung nicht in den Blick gekommen ist.“

Welzer wies auf ein einfaches gedankliches Gedankenexperiment hin: Es sei unmöglich gewesen, dass die Deportationen schon 1933 stattgefunden hätten. „Das wäre unmöglich gewesen“, so Welzer, „weil es zu diesem Zeitpunkt noch nicht in den Horizont des moralisch Erwartbaren und Normalen gepasst hätte. Acht Jahre später finden die Deportationen öffentlich statt, Menschen werden auf Lastwagen zu den Bahnhöfen transportiert und in Konzentrationslager gebracht. Und fast niemand fand das spektakulär oder ungewöhnlich, eben weil diese Umformatierung stattgefunden hat.“ Solche Entwicklungen könnten nur verhindert werden, wenn man sich strikt der Aufweichung rechtsstaatlicher Prinzipien verweigert, so Welzer.

Erinnerungspolitik weiterentwickeln

Er wies weiterhin darauf hin, dass die bislang sehr erfolgreiche Erinnerungspolitik weiterentwickelt werden müsse, weil „man es mit einer anderen Generation zu tun hat, weil es bald keine Zeitzeugen mehr gibt und weil die Ansprüche daran, wie Inhalte vermittelt werden sollen, heute andere sind als vor 20 Jahren.“ Es seit heute nicht mehr nötig, immer wieder zu sagen, dass man nicht vergessen dürfe, dass man erinnern müsse. Darüber bestehe gar kein Dissens, so Welzer weiter. Und die heute 15-Jährigen fragen sich mit Recht, warum immer auf etwas bestanden wird, was für sie längst selbstverständlich ist.“ Es wäre hilfreich, diesen Pathos zurückzufahren.

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