Erinnerungspolitik: Kunst vs Pädagogik?

Mit einer internationalen Konferenz haben die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, das Holocaust Research Centre at Royal Holloway, University of London sowie das Kulturwissenschaftliche Institut Essen neueste Erkenntnisse der “Täterforschung im globalen Kontext” aufgegriffen. Vom 27. bis 29. Januar 2009 diskutierten Wissenschaftler, Experten und Interessierte aus mehreren Staaten über die Täterforschung.

Zum Abschluss ging es noch einmal kontrovers zur Sache: Was darf, soll und muss Kunst im Bezug auf die Erinnerung und die Darstellung von Opfern sowie Tätern?, so die diskutierten Fragen. Die Künstler Romuald Karmakar und Christoph Mayer wehrten sich gegen den Anspruch, Kunst müsse stets eine klare Botschaft transportieren. Was dabei herauskommen kann, wenn Filme als Geschichtsschreibung in einen gesellschaftlichen Diskurs eingebunden werden oder diesen sogar bestimmen, habe man zuletzt beim Baader-Meinhof-Komplex beobachten können, so Karmakar. „Was wollte uns der Regisseur mit diesem Film sagen?“, fragte er – und konnte beim besten Willen keine Antwort geben – außer, dass damit möglichst viel Geld gemacht und der Mythos RAF zerschlagen werden sollte. Und wenn man sich die deutschen Qualitätsblätter anschaute, was die an kritischen Anmerkungen zu dem Film geliefert hätten, „weiß man, was in dieser Republik los ist“.

Karmakar kritisierte zudem die offizielle Erinnerungskultur scharf. Im Bezug auf den Boykott des Zentralrats der Juden, dessen Vertreter nicht an der Gedenkstunde am 27. Januar 2009 im Bundestag teilgenommen hatten, forderte er ein Hinterfragen der derzeitigen Rituale. Karmakar berichtete zudem, für eine Demonstration gegen Rechtsextremismus sei die Schauspielerin Julia Jentsch, die Sophie Scholl gespielt hatte, als Rednerin angefragt worden. Daran sehe man doch, wie kaputt die Erinnerungspolitik sei. Beide Künstler forderten, in den Schulen sollte viel mehr mit Originalquellen gearbeitet werden. Es bringe mehr, wenn ein Schüler sich eigene Gedanken mache über eine Rede Himmlers, als nur die Beschreibung des Lehrers zu hören. Es sei falsch, stets die Furcht zu haben, alles was nicht eindeutig sei, könne falsch interpretiert werden. Dies führe dazu, dass die Intention überdeutlich kommuniziert werde – Raum für eigene Gedanken werde so eingeschränkt.

Thomas Krüger, Chef der BPB, bilanzierte die Konferenz und die abschließende Debatte mit der Feststellung, dass man viele Fragen aufgeworfen habe. Mit der Abschlussrunde habe man sich auf dünnes Eis gewagt, doch müsse die Wissenschaft auch die praktische Umsetzung der Theorie offen diskutieren. Auch die US-amerikanische Wissenschaftlerin Simone Schweber von der Universität Wisconsin, die auf der Konferenz über ihre Untersuchungen zum Thema „Teaching about the Holocaust“ referierte, hob abschließend die Offenheit der Debatte positiv hervor. Dies sei genau der richtige Weg.

Siehe auch: “Verstehen, was Menschen zu Tätern werden lässt”, “Geschichtspornografie” im ZDF: “Ein bisschen Nazi spielen”, Täterforschung im globalen Kontext: Blick auf moralische Umformatierung richten