Von der “mitteldeutschen Volksfront” bzw. der “Volksfront von Mitteldeutschland”

Die neonazistische NPD in Berlin ruft nach dem Verbot ihrer revisionistischen Kundgebung am Holocaust-Gedenktag in Berlin nun für den 28. Januar 2009 zu einer „Mahnwache“ auf. Unter dem Motto: „Nein zum israelischen Holocaust im Gaza-Streifen“ wollen die Neonazis gegen den „Vernichtungsfeldzug“ der israelischen Armee demonstrieren. Durch die inflationäre Benutzung des Begriffs Holocaust wollen die Neonazis die deutschen Verbrechen relativieren – und die Opfer posthum zu Tätern machen. Daher solidarisieren sich die Neonazis mit den Palästinensern, da sie dann mit den vermeintlichen Opfern „der Juden“ in einer Reihe stehen.

Hinzu kommt, dass vom 27. bis 29. Januar 2009 eine internationale Konferenz der Bundeszentrale für politische Bildung stattfindet, gegen welche die Ewiggestrigen wohl auch noch mobilisieren wollen. Es geht dabei um die Täterforschung:

Mit einer internationalen Konferenz greifen die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, das Holocaust Research Centre at Royal Holloway, University of London sowie das Kulturwissenschaftliche Institut Essen neueste Erkenntnisse der „Täterforschung im globalen Kontext“ auf.

Bis vor wenigen Jahren stellte man sich die Organisatoren des Holocaust entweder als vom eigentlichen Mordgeschehen distanzierte Schreibtischtäter oder als Exekutoren, in ihrer Mehrheit vornehmlich bloße Befehlsempfänger ohne besonderes Interesse an ihren Opfern, vor. Eine Minderheit sadistischer Exzesstäter ergänzten diese Betrachtungsweise. Neuere Forschungen zeigen jedoch, dass die Suche nach einem mehr oder weniger homogenen Tätertyp ein falscher Ansatz ist. Holocaust-Täter kamen aus unterschiedlichen Altersgruppen, sozialen Milieus und Bildungsschichten. Ideologisch hochmotivierte Täter mordeten genauso wie solche, die der rassistischen Weltanschauung eher leidenschaftslos gegenüberstanden. Diese Beobachtungen lassen sich durch Erkenntnisse aus Fachgebieten wie der Sozialpsychologie, der Soziologie, der Psychologie und der Anthropologie erhellen.

Aus wissenschaftlicher wie aus Sicht der politischen Bildung scheint es dringend erforderlich, einen Rahmen für die Erklärung jener „tragischen Leichtigkeit“ (Germaine Tillion) zu entwickeln, mit der Menschen zu Mördern und Massenmördern wurden.

Die NPD benutzt den Nahostkonflikt also für ihren völkischen Antiimperialismus, Revisionismus sowie den wahnhaften Antisemitismus. Damit will man in der Bevölkerung punkten. Allerdings angeln sich die Rechtsextremisten damit ein Thema, welches schon deutlich konstruktivere politische Bewegungen gesprengt hat. Es hat stets einige Jahre gedauert, bis Rechtsextremisten Konzepte von links völkisch aufgeladen und übernommen haben. Schon in den 1920ern und 1930ern kopierten die Nazis, was das Zeug hielt. Und die angeblich so Neue Rechte war noch einmal aufgebrühter völkischer Unsinn aus früheren Jahren, aktualisiert mit veralteten Antirassismus-Konzepten und postkolonialistischen Argumentationsmustern – sowie nach außen verpackt als Reaktion auf die Neue Linke (68er). Das Konzept der „Freien Kameradschaften“ stammt aus der Autonomen Bewegung, genau wie das Auftreten der „Autonomen Nationalisten“. Und die Idee der „National befreiten Zone“ könnte gut von mafiösen Gangs aus Großstädten stammen, den von der NPD propagierten „Kampf um die Köpfe“ hat sich ein italienischer Linker ausgedacht. Endlich haben die Rechtsextremisten nun aber auch das Konfliktpotenzial erkannt, dass in dem Nahost-Konflikt steckt – und beginnen sich nun mit zunehmender Dynamik über diese Frage zu streiten.

Das Problem der deutschen Rechtsextremisten: Wegen der Fixierung Vieler auf die NS-Zeit und den Rassenwahn der Nazis erscheint es ausgeschlossen, ähnliche Wege einzuschlagen wie Rechtsradikale in anderen westeuropäischen Staaten, die mit dem Antisemitismus strategisch gebrochen haben. Für deutsche Neonazis undenkbar. Sie solidarisieren sich auf Demonstrationen mit der Hamas und anderen Islamisten, denn „die Feinde unsere Feinde sind unsere Freunde“, so das simple Weltbild. Auf jeden Fall teilweise, ruft die NPD aus Sachsen-Anhalt dazwischen, denn die Hamas findet man nur gut, wenn sie in Gaza hockt: „In den letzten Jahrzehnten sind Millionen Islamisten nach Deutschland eingewandert“. Und weiter: „[…] viel zu viele benehmen sich hier mittlerweile wie die ‚Herrenmenschen‘ und wollen aus Deutschland einen islamischen Staat machen, und behandeln die Deutschen wie ‚Tiere‘!“ Da muss man den Herren von der NPD allerdings Recht geben, das geht nun wirklich nicht! Das Patent auf das Herrenmenschentum haben sich die Nazis ja nun wirklich frühzeitig gesichert, das muss man ihnen schon lassen.

„USA und Israel vermischen die Völker“

Noch schlimmer als die Islamisten sind aber laut NPD selbstverständlich die USA und Israel, denn „die Feinde der Völker (USA und Israel) vermischen mit Absicht die verschiedenen Völker, damit sie sich innerlich bekämpfen. […] Wir distanzieren uns von den eingewanderten Islamisten, die unser eigenes Volk hier mit Gewalt und Terror bedrohen.“ Wenn die „Millionen Islamisten“ aber Israelis bedrohen, wenn iranische Politiker davon reden, das „zionistische Geschwür“ zu beseitigen, ist das für die NPD ein legitimer Befreiungskampf.

So einfach geht das, oder eben auch nicht. Denn andere Rechtsextremisten wollen lieber vor der eigenen Haustür kehren, bevor sie sich diesen abstrusen Weltverschwörungstheorien hingeben. So entsteht ein unterhaltsamer Kleinkrieg, der zurzeit zwischen der selbst ernannten Bild-Zeitung des Nationalen Widerstands, „Altermedia“, auf der einen Seite und dem Emporkömmling „Patriotisches Forum Süddeutschland“ auf der anderen Seite im Internet exemplarisch ausgetragen wird. Die Schreiber und Kommentatoren bei Altermedia verstehen sich größtenteils als verbale Radaubrüder, die den nationalsozialistischen Umsturz schon einmal vor dem Bildschirm durchspielen, zumeist garniert mit Gewaltfantasien gegen Andersdenkende (also glücklicherweise fast alle). Die Helden heißen hier Udo Pastörs und Jürgen Rieger.

AM vs PFS vs PI

Beim PFS gibt man sich hingegen etwas gemäßigter, man setzt als Hoffnungsträger auf Andreas Molau, der die NPD in ihrem Auftreten zivilisieren und bereits Bündnisse schmieden möchte, obwohl er die Vogtei von Berlin-Köpenick noch längst nicht eingenommen hat. Für ein neues Image – das mehr Wählerstimmen bringen soll, woher auch immer – ist der NS-Rassenwahn oder der modern daherkommende Antisemitismus über die islamistische Bande (im Sinne von Eishockey) demnach eher kontraproduktiv. Daher wird beim PFS das Thema Nahost einfach ausgespart: „In der Redaktion gibt es zum Nahost-Konflikt verschiedene Haltungen. Zudem erachten wir es nicht als sinnvoll, unsere Kraft durch Einmischung in ferne Konflikte zu vergeuden, während wir im eigenen Land genügend Probleme haben. Diese beiden Feststellungen sind zusammengenommen der Grund, weshalb wir hier – anders als behauptet – in keinster Weise über diesen Konflikt berichten, während ‚Politically Incorrect‘ zum gutmenschelnden, zusammen mit ZdJ und Linken demonstrierenden Propagandaorgan wird und sich „Altermedia“ zusammen mit Islamisten und Linksextremisten in verhältnismäßig unkreativer Weise auf die Seite der Palästinenser stellt.“

Das will Altermedia aber nicht auf sich beruhen lassen und tritt erst einmal mittels Zugriffszahlen bei Alexa zum Schwanzvergleich an (man möge mir diesen Begriff verzeihen, mir fällt einfach kein passenderer ein). Zudem pöbelt man in bewährter Manier gegen die Süddeutschen Forumsbetreiber, die bereits eine Ausweitung, politisch korrekt, auf „Nord- und Mitteldeutschland“ ankündigen. Eins hat man immerhin gemeinsam: Mit den Islamhassern von PI kommen beide nicht klar. Willkommen bei der mitteldeutschen Volksfront! Oder war es jetzt die Volksfront von Mitteldeutschland?

Siehe auch:  NPD-”Mahnwache” gegen den “Holocaust in Gaza” bleibt verboten, Die NPD und der Holocaust: Relativieren statt leugnenBiografie von Horst Mahler – eine mindestens doppelte Wandlung, Antisemitismus in Europa – und der hilflose Kampf der UNO gegen den Judenhass, “Berlin bewegt”, “Ravensbrück rührt”, “Betrifft: Bergen-Belsen”, Auschwitz: Das präzedenzlose Verbrechen, Antisemitische und rassistische Hetze: NPD erreicht mal wieder einen Eklat

6 thoughts on “Von der “mitteldeutschen Volksfront” bzw. der “Volksfront von Mitteldeutschland”

  1. Treffende und erheiternde Zusammenfassung des Grabenkriegs in der rechten Szene. Dieser zeigte sich auch heute wieder beim „Flaggezeigen“ in Schwerin:

    „Um die Islamisierung zu stoppen, wählen Sie NPD, die Partei, die alles mit Iran- und PLO-Fahnen zutapeziert!“

    Fehlt eigentlich nur noch dass die ersten Rieger-Nazis mit Sprengstoffgürteln beladen ein Palästina-Solidaritäts-Selbstmordattentat begehen…am besten bei den „bürgerlichen Judenfreunden“ aus Molaus Ecke.

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