Die NPD und der Holocaust: Relativieren statt leugnen

Die Beschwörung „Nie wieder Auschwitz“ ist spätestens seit 1968 hierzulande ein weitgehend akzeptierter Grundkonsens. So lange das so ist, wird die NPD ihr Ziel, in der „Mitte der Gesellschaft“ anzukommen, nicht erreichen. Auch das erklärt die Wut, mit der sie dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus begegnet.

Von Christoph Ruf für NPD-BLOG.INFO

Jews from Subcarpathian Russia (then part of Hungary) undergo a "Selektion" on the ramp at the Auschwitz-Birkenau extermination camp, May 1944. The officer in front holding a riding crop is either SS Unterscharfuehrer Wilhelm Emmerich or SS Haupsturmfuehrer Georg Hoecker; inmates in striped uniforms—to be killed at a later date—assigned to the "Kanada" section collect the property. Note the physician in the white coat between the columns, Gyorgy Havas, selecting who is sent immediately to death and who will wait. (Diese Datei wurde unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht.)
Jews from Subcarpathian Russia (then part of Hungary) undergo a "Selektion" on the ramp at the Auschwitz-Birkenau extermination camp, May 1944. The officer in front holding a riding crop is either SS Unterscharfuehrer Wilhelm Emmerich or SS Haupsturmfuehrer Georg Hoecker; inmates in striped uniforms—to be killed at a later date—assigned to the "Kanada" section collect the property. Note the physician in the white coat between the columns, Gyorgy Havas, selecting who is sent immediately to death and who will wait. (Diese Datei wurde unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht.)

Es gab Zeiten, da trat die NPD weit weniger vorsichtig auf als heute. Unter dem Parteivorsitzenden Günter Deckert (1991-1995) gehörten Geschichtsrevisionismus und die unverhohlene Leugnung des Holocaust zum Hauptkennzeichen der Partei. 1995 wurde Deckert, der sich auch innerparteilich zunehmend isolierte, wegen Leugnung des Holocaust zu zwei Jahren Haft verurteilt. Kurz darauf setzte ihn der Bundesvorstand als Vorsitzenden ab – angeblich wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten. Eigentlicher Grund war jedoch der Umstand, dass Deckert die NPD zu einer monothematischen, ausschließlich rückwärtsgewandten Gruppierung gemacht hatte.

Von Deckert und von Horst Mahler, der bis zu seinem Parteiaustritt 2003 der wohl wahnsinnigste Antisemit in dieser antisemitischen Partei war, distanzieren sich die Parteioberen heute öffentlich. Doch es lohnt sich genau hinzuhören.

Selbstanzeigen als „endgültige Sollbruchstelle“

Dass Mahler gefordert habe, jeder, der den Holocaust bestreite oder infrage stelle, solle sich selbst anzeigen, um die dann überlasteten Gerichte kollabieren zu lassen, sei die „endgültige Sollbruchstelle“ gewesen, erinnert sich Holger Apfel, der Fraktionsvorsitzender im sächsischen Landtag. Wohlgemerkt, er kritisiert hier eine „beispiellose Verheizaktion“, wisse man doch, dass jeder, der sich Mahlers Initiative angeschlossen hätte, sofort verurteilt worden wäre. Inhaltlich nährt auch er – „in Deutschland gibt es keine objektive Geschichtsforschung“ – den Verdacht, dass er die dokumentierten Tatsachen rund um den Holocaust anzweifelt.

NPD-Propaganda (Foto: Hans Mecon)

Die Thematisierung dieser Zweifel hält er jedoch für falsch. Im Gegensatz zu Mahler und dessen jüngeren Gesinnungsgenossen innerhalb und außerhalb der Partei will sich Apfel nur noch mit Themen beschäftigen, mit denen man Wahlen gewinnt.

Leugnung des Holocaust als verbindendes Element

Auf der anderen Seite gehört die Leugnung des Holocaust zu den Ideologiebausteinen, die die Partei verbindet – man wird deshalb keinen Funktionär finden, der die geschichtsrevisionistischen Thesen als den unwissenschaftlichen Schwachsinn benennt, der er ist. Täte er es, er würde parteiintern wohl sofort als Verräter und Anpasser gebrandmarkt. Die Partei ist deshalb gezwungen herumzulavieren, die Kommunikation nach innen unterscheidet sich von der Außendarstellung gerade in dieser Frage fundamental, wie ein NPD-Aussteiger dem Autor gegenüber zu Protokoll gab.

Jürgen Gansel beim "Trauermarsch" in Dresden. Er schrieb mit der Rede über den "Bomben-Holocaust" unrühmliche Parlamentsgeschichte.

Dennoch provoziert die Partei, in der der Revisionist Olaf Rose 2008 das beste Ergebnis bei der Wahl zum erweiterten Parteivorstand bekam, in den Landtagen von Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen regelmäßig Eklats. Im Norden beispielsweise durch die Weigerung aller NPD-Parlamentarier, sich bei einer Schweigeminute anlässlich der Hitler`schen Machtergreifung zu erheben. Der sächsische Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel sprach im Zusammenhang mit der Bombardierung Dresdens von einem „Bomben-Holocaust“. Und auf Demos – wie jüngst in Passau – wird „Nie wieder Israel“ skandiert.

Relativieren statt leugnen

Die Shoah wird heute öffentlich nicht mehr geleugnet, sondern relativiert – beispielsweise durch den inflationären missbräuchlichen Gebrauch des Wortes Holocaust oder durch die ausschließliche Konzentration auf deutsche Kriegsopfer. Die neueste Provokation ist es, dass eine Nahost-Demo am Jahrestag der Auschwitzbefreiung vom NPD-Vorstand unter dem Titel „Stoppt den Holocaust in Gaza“ angemeldet wurde.

In der Weltsicht der NPD markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs den Beginn einer alliierten Fremdbestimmung – wobei die USA als Schutzmacht jüdischer Lobbys gesehen werden. Das wird explizit nur selten so gesagt, die Codices „Wall Street“, „Ostküste“ umschreiben aber genau diese Wahnvorstellung. Jürgen Gansel, der als einer der programmatischen Köpfe der Partei, führt aus:

„Die Wall Street ist ein Begriff für das global tätige und entortende Big Business, eine Angriffsformation auf die Welt der freien Völker. Dieses Globalkapital kann man nicht mit jüdischem Kapital gleichsetzen. Es ist aber nicht abzustreiten, dass –aufgrund benennbarer historischer Prozesse – überdurchschnittlich viele Juden in Institutionen der Weltfinanz tätig sind. Da braucht man sich nur anzuschauen, wer die letzten drei Präsidenten der Weltbank waren, diesem Machtinstrument der USA. Wolfensohn, Wolfowitz, jetzt Zoellick. Wenn man dann noch weiß, dass der ehemalige Chef der US-Notenbank Greenspan war …“

Karl Richter, ein zuweilen nicht unreflektierter Historiker, fragt schon einmal als Autor der Parteizeitung „Deutsche Stimme“, ob Israel in naher Zukunft in Thüringen wieder angesiedelt werden soll. Auf Nachfrage verteidigt Richter, der für eine NPD-Tarnliste im Münchner Stadtrat sitzt, den Text: Was, wenn die Araber sich im Nahen Osten weiter so vermehren? Was, wenn sie vielleicht eines Tages auch über die Atombombe verfügen? Dann würden doch „gewisse mächtige Kreise“ beschließen, man müsse Israel nun evakuieren. Und was liege da näher, als die Israelis in die neuen Bundesländer umzusiedeln? Immerhin ein Landstrich, der sich zusehends entvölkere. Und dessen Bevölkerung antrainiert worden sei, gegenüber Juden per se ein schlechtes Gewissen haben zu müssen: „Viele würden doch mit offenen Armen ihre Innenstädte räumen.“

Thema umschiffen

Einen so tiefen Einblick wie Richter wollen NPD-Vertreter in der Regel öffentlich nicht in ihre Vorstellungswelt geben – kein Wunder, wird ihnen doch auf Lehrgängen wie denen des Parteischulungsleiters Thomas Salomon eingetrichtert, dieses Thema auf alle Fälle zu umschiffen.

Auch in der „Richtlinie für Kandidatinnen und Kandidaten“ – eine von der Parteiführung herausgegebene Argumentations-Blaupause für den NPD-Wahlkämpfer wird in dankenswerter Offenheit erläutert, warum sie sich nicht inhaltlich zum Nationalsozialismus äußern sollen:

„Auf den Themenkomplex Holocaust, Kriegsschuldfrage 1939 und Nationalsozialismus (..) will uns der Gegner locken, weil er a) mit der historischen Ahnungslosigkeit und damit der antifaschistischen Verblendung der Zeitgenossen rechnen kann und b) damit bestens von seinem politisch-ökonomischen Gegenwartsversagen ablenken kann. Bei entsprechenden Fragen zum NS sollte immer nur gesagt werden: ‚Adolf Hitler ist tot und die NSDAP aufgelöst, was soll also die Frage?‘ (…) Nach der neuerlichen Verschärfung des Volksverhetzungsparagraphen macht sich zudem schon strafbar, wer die ’nationalsozialistische Gewalt- und Willkürherrschaft billigt, verherrlicht oder rechtfertigt‘. (..) Im Bürgergespräch kann bei Nachfrage auf dieses Maulkorbgesetz und die eklatante Einschränkung der Meinungsfreiheit in geschichtspolitischen Fragen hingewiesen werden, um den BRD-Gesinnungsstaat zu delegitimieren.“

Siehe auch: Holocaust-Relativierung und Täter-Opfer-Umkehr: Neonazis am 27. Januar gegen “Holocaust” in Gaza, Biografie von Horst Mahler – eine mindestens doppelte Wandlung, Antisemitismus in Europa – und der hilflose Kampf der UNO gegen den Judenhass, Bergen-Belsen: Wie wird erinnert, wenn bald keine Zeitzeugen mehr da sind?, “Berlin bewegt”, “Ravensbrück rührt”, “Betrifft: Bergen-Belsen”, Auschwitz: Das präzedenzlose Verbrechen, Antisemitische und rassistische Hetze: NPD erreicht mal wieder einen Eklat, David Irving bei Big Brother?, TV- und Buchtipp: Die Odyssee der Kinder, Pogrom vom 9. November 1938: Weißwäscher am Werk, Hessen: Neonazi-Aufmarsch verboten, Neonazis wollen zur Reichspogromnacht aufmarschieren, Historiker: SS-Führer Himmler war verklemmter Einzelgänger, Sobibor 1943: Aufstand in der Hölle

9 thoughts on “Die NPD und der Holocaust: Relativieren statt leugnen

  1. Zitat:“der die geschichtsrevisionistischen Thesen als den unwissenschaftlichen Schwachsinn benennt, der er ist“

    Genau, anders kann man es nicht sagen. Schwachsinniger Schwachsinn, unwissenschaftliche Unwissenschaft.

    Es ist zu hoffen, daß auch alle anderen wissenschaftlichen Erkenntnisse endlich vom Recht der BRD beschützt werden.

    Wer zum Beispiel die spezielle Relativitätstheorie leugnet, der beschwört damit ernste Probleme im interkontinentalen und extraterrestrischen Luftverkehr herauf.

    So geht es nicht.

    Wir Naturwissenschaftler fordern, daß unsere wissenschaftlichen Gesetze nun endlich auch vom Strafrecht beschützt werden sollen. Nicht nur die Banken und die Historiker benötigen Schutz, auch wir Naturwissenschaftler und Ingenieure.

  2. Ziemlich gewitzt, Steve. Nur ein kleiner Hinweis: Durch das Leugnen eines naturwissenschaftlichen Gesetzes werden nicht die Opfer und Überlebenden eines industriellen Massenmordes verhöhnt.

    Ansonsten ist der Vergleich nicht schlecht, denn das Leugnen einer historischen Tatsache – hunderttausendfach belegt, unter anderem durch die penible Buchführung der Täter – durch die geistigen Erben der Nazis und deren Helfer ist ungefähr genauso sinnvoll, wie das Leugnen von naturwissenschaftlichen Gesetzen. Und es würde auch keinen interessieren, wenn NPD und Konsorten dadurch nicht andere Menschen beleidigen und für ihre eigene völkische Propaganda missbrauchen würden.
    Holocaust-Leugnung ist Schwachsinn, das kann man gut so benennen. Die Minderwertigkeitskomplexe, Überlegenheitsgefühle und Vernichtungsfantasien gegenüber Juden sind im Bereich der Paranoia anzusiedeln, mit Argumenten ist da wenig zu machen.

    Aus Sicht des Publizisten Henryk M. Broder habe man beim Antisemitismus nicht mit einem Vorurteil, sondern mit einem Ressentiment zu tun. “Der Antisemit nimmt dem Juden nicht übel, wie er ist, sondern, dass er existiert”, so Broder. Recht hat er.

  3. Dass der Parteischulungsleiter Salomon heißt, finde ich toll. Kein ganz reinblütiger Arier, was?

  4. Gut, dass nicht hier die Millionen deutschen Opfer der menschenfeindlichen „Demokratien“ verhöhnt werden!
    Doch leider fehlt es dem NPD-Blog noch ganz offenkundig an hasstriefender Polemik, welche von den Forschungsergebnissen der Historiker ablenkt – stattdessen wird hier ein fairer und freier Diskurs verschiedener Ansichten hochgehalten.
    Das geht bitte auch etwas philosemitischer! Slalom!

    Link gelöscht, Slalömchen!

  5. Der Youtubelink von „Martin Luther König“ sollte mal bitte überprüft werden auf Inhalt.

    Zum Thema:
    Wenn die Herren Braunies nun hingehen und den Holocaust relativieren, somit leugnen sie doch damit ihre eigene Leugnung? Also gestehen sie somit sich selbst doch ein, dass er stattgefunden hat. Ist das nicht irgendwo ein Widerspruch?

    Mit freundlichen Grüßen
    Olli

  6. Ja, in der Tat O.B. Wer den Holocaust bestreitet, aber von „Bombemholocaust“ spricht, der müsste in der rechtsextremen Logik ja eigentlich aussagen, dass dieser „Bombenholocaust“ niemals existiert hat und dass das Gedenken in Dresden damit überflüssig ist.
    Genau wie die Tatsache, dass man Holocaust-Witze macht („Zyklon B – sechs Millionen zufriedene Kunden“), die gleichzeitig das Eingeständnis des Holocaust darstellen. Aber man ist ja nicht Nazi, weil man auf schlüssige Argumente hört oder auf Tatsachen Rücksicht nimmt.

  7. Der Übergang von der Holocaust-Leugnung zur Relativierung ist ja nichts anderes als ein Eingeständins in diese historische Tatsache. Weil es den industriellen Massenmord an der europäschen Juden nun mal gab und die Rechtsextremisten und Antisemiten es nicht schaffen, ihre Leugnung massentauglich zu machen, muss der Holocaust in einen neuen Rahmen gezwängt werden – den Rahmen der Relativierung.

    Bei einem Teil der Rechtsextremisten und Antisemiten ist eine ähnliche relativierende Transformation zur Person Adolf Hitler zu verzeichnen. Weil man in der Öffentlichkeit damit nicht punkten kann, Hitler zu loben, wird Hitler den Tatsachen entsprechend, als Massenmörder (auch oder vor vor allem an den Deutschen) dargestellt. Mit dem geht aber die Verschwörungstheorie einher, Hitler und die NSDAP seien von amerkanischen Juden finanziert wurden, damit diese irgendwelche Pläne umsetzen konnten usw.

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