Überfall auf 13-Jährige: Zwei Jahre Haft für Neonazi Kevin S. gefordert

Im Prozess um den Neonazi-Überfall auf ein linkes Zeltlager in Nordhessen vor dem Landgericht Kassel hat die Staatsanwaltschaft am 05. Januar 2008 eine Jugendstrafe von zwei Jahren und drei Monaten für den Angeklagten Kevin S. gefordert. Der Verteter der Strafverfolgungsbehörde wirft dem 19-Jährigen schwere Körperverletzung und Sachbeschädigung vor, weil er im Juli 2008 mit einer Glasflasche und einem Klappspaten mehrfach auf ein 13-jähriges Mädchen und ihren zehn Jahre älteren Stiefbruder eingeschlagen hatte, während sie schliefen.

Von Kai Budler 

Nur durch Zufall habe der Angriff für die wehrlosen Opfer keine schlimmeren Folgen gehabt, sagte der Staatsanwalt. Damit wird Kevin S. nicht wegen versuchten Mordes verurteilt, wie es das Gericht anfangs noch nicht ausgeschlossen hatte. Eine verminderte Schuldfähigkeit in Folge eines übermäßigen Alkoholgenusses schloss der Staatsanwalt aus: Kevin S. sei der Initiator des Überfalls gewesen, überlegt und planvoll vorgegangen und habe sich anschließend mit der Tat gebrüstet. Nachdem er die Gewalt zu seiner Handlungsoption gemacht habe, sei unklar, ob der angebliche Ausstieg aus der Neonaziszene heute nur ein Lippenbekenntnis sei.

Der Verteidiger des Angeklagten und ehemaliger Landtagskandidat der NPD, Dirk Waldschmidt, wertete den Ausstieg als ebenso straf mildernd wie das Geständnis und die Reue seines Mandanten. Die dem 23-jährigen Opfer zugefügten Verletzungen bewegten sich „am Rand einer gefährlichen Körperverletzung“ und auch die seiner Stiefschwester seien im Vergleich nicht derart schwer, dass es nötig sei, den oberen Strafrahmen auszuschöpfen. Ohnehin müsse bei der Tat der Alkoholkonsum beachtet werden, denn unter diesen Umständen hätte es auch auf einer Burschenschaftsfeier zu einem solchen „dummen Zwischenfall“ kommen können. Da Kevin S. nicht gewusst habe, dass es sich bei seinem Opfer um ein 13-jähriges Mädchen gehandelt habe, liege auch keine für die Jugendstrafe erforderliche Schwere der Schuld vor. Waldschmidt plädierte für „geeignete Zuchtmittel“ und eine Geldstrafe im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs.

 

Bereits vor den Plädoyers hatte sich der Verteidiger der Nebenklage mit dem von Kevin S. ins Gespräch gebrachten Täter-Opfer-Ausgleich einverstanden erklärt. Als Bedingung forderte er ein Schmerzensgeld von insgesamt 5000 Euro und die Teilnahme des Angeklagten an dem Aussteigerprogramm IKARus des hessischen Landeskriminalamtes. Der 19-jährige hatte gegenüber dem Verteter der Jugendgerichtshilfe behauptet, innerlich mit der Neonaziszene abgeschlossen zu haben. Vor Gericht erklärte er, künftig nicht mehr politisch aktiv sein zu wollen, betonte aber gleichzeitig: „Ich habe meine politische Einstellung, die kann man mir nicht nehmen.“

 Angefangen hatte der Verhandlungstag mit den den Ausführungen des Rechtsmediziners Klaus Steffen Saternus. Demnach erlitten die Opfer insgesamt mindestens acht Schläge gegen Kopf, Hüfte, Oberschenkel und das Sprunggelenk. Zwar seien die Tatwaffen geeignet, den Opfern schwerste Verletzungen zuzufügen, dafür aber seien die Schläge mit einer zu geringen Intensität ausgeführt worden. Bei der Untersuchung des Alkoholgenusses schloss Saternus einen Vollrausch aus. Der nach Angaben von Kevin S. errechnete Alkoholwert betrug zum Tatzeitpunkt 2,5 bis 2,8 Promille: Dies passe zwar zu der „erheblichen Enthemmung“, eine damit einher gehende Einschränkung der Steuerungsfähigkeit sei bei dem Überfall aber nicht erkennbar. Auch das Überklettern des 2,50 Meter hohen Zauns sei eher eine außerordentliche motorische Leistung als das Werk eines Betrunkenen. Ein Urteil wird am 12. Januar 2008 erwartet.

Siehe auch: “Nüchtern hätte ich das nie gemacht” – Prozessauftakt gegen Kevin S., Fall Kevin S.: Opfer-Familie will Anklage wegen versuchten Totschlags erreichen, Video von NPD-Aufmarsch: Daniel Cohn-Bendit “an die Wand stellen”, Hessen: Ex-”Volksfront-Medien”-Macher aus Nazi-Szene ausgestiegenHessen-NPD marschiert: “Cohn-Bendit an die Wand stellen”, Hessen: Offenbar erneut brutaler Nazi-ÜberfallHessen: Staatsanwaltschaft prüft Anklage wegen versuchten Mordes,   Nazi-Überfall in Hessen: 13-Jährige schwer verletzt, Täter aus NPD-Umfeld, Hessen: Keine organisierte Nazi-Szene?!?, Angriffe auf jugendliche Camper: “In Buchenwald, da machen wir die Juden kalt”, Nazi-Überfall: 13-Jährige außer Lebensgefahr

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