Überfall auf 13-Jährige: Prozess gegen den Neonazi Kevin S.

Während die Öffentlichkeit noch gebannt auf die Ermittlungen nach dem Angriff auf den Passauer Polizeichef Mannichl schaut, geht es in Hessen ab dem 17. Dezember 2008 an die juristische Aufarbeitung eines brutalen Neonazi-Überfalls auf eine 13-Jährige. Das Mädchen war von einem bekannten Neonazi fast tot geprügelt worden.

Der Neonazi und Hobby-Filmemacher Kevin S. muss sich vor dem Landgericht Kassel wegen des Überfalls auf ein linkes Zeltlager in Nordhessen verantworten. Die Staatsanwaltschaft wollte den 19-Jährigen zunächst nur wegen gefährlicher Körperverletzung anklagen. Kevin S. hatte zuvor zugegeben, bei dem Angriff im Juli mit einer Glasflasche auf eine schlafende 13-Jährige eingeprügelt zu haben. Ihren zehn Jahre älteren Stiefbruder habe er mit einem Klappspaten geschlagen. Obwohl das Mädchen bei der Attacke lebensbedrohend verletzt wurde, hatte die Staatsanwaltschaft kein versuchtes Tötungsdelikt gesehen und deshalb nur Anklage beim Amtsgericht in Fritzlar erhoben.

Das Amtsgericht erkannte allerdings sehr wohl einen hinreichenden Tatverdacht für einen Mordversuch und erklärte sich deshalb für nicht zuständig. “Ich habe das sorgfältig überprüft und bin zum Schluss gekommen, dass nach Aktenlage auch ein hinreichender Tatverdacht in Richtung versuchten Mordes besteht”, sagte der Fritzlarer Richter Gerhart Lohr am 28. Oktober 2008 einem Bericht von HNA Online zufolge. Das Kasseler Landgericht schloss sich nun dieser Sicht an und übernahm das Verfahren.

“Potentiell lebensbedrohliche Erkrankung”

Die Familie des Mädchens hatte zuvor einen Antrag auf Zuständigkeitsverschiebung vom Amtsgericht Fritzlar zum Landgericht Kassel gestellt. Das erklärte der Rechtsbeistand der Familie, Thomas Kämmer, gegenüber Panorama. Mit dem Antrag solle erreicht werden, dass Kevin S. nicht nur wegen gefährlicher Körperverletzung sondern mindestens wegen versuchten Totschlags angeklagt wird.

Kämmer verwies in seiner Begründung sowohl auf den vorläufigen Arztbericht vom 21. Juli 2008 als auch auf eine oberärztliche Stellungnahme vom 29. September 2008 vom Universitätsklinikum Marburg. Darin wird eindeutig festgestellt, dass bei dem 13-jährigen Mädchen eine “potentiell lebensbedrohliche Erkrankung” vorlag.

Das feine Personal der NPD

Kevin S. gehörte zum engsten Umfeld des ehemaligen hessischen NPD-Chef Marcel Wöll, der unter anderem wegen einer Messerstecherei vor Gericht stand. Wöll zog sich aus „privaten Gründen“ von seinem Amt zurück – vermutlich wegen der Strafverfahren gegen seine Person. Auch der Neonazi Sascha Söder soll kein NPD-Mitglied mehr sein. Söder hatte im Oktober auf einer Demonstration gegen „Kinderschänder“ dazu aufgerufen, Leute wie den Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit sollte man „an die Wand stellen!“ In einem älteren Video forderte er, alle „Juden human zu erschießen“. Auch der Vize-Chef der hessischen NPD, Mario Matthes, wurde jüngst wegen Beleidigung und schwerer Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe von elf Monaten verurteilt.

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