“Nüchtern hätte ich das nie gemacht” – Prozessauftakt gegen Kevin S.

Zum Prozessauftakt gegen den bekennenden Neonazi Kevin S. vor dem Landgericht Kassel hat der 19-jährige Angeklagte am 17. Dezember 2008 ein Geständnis abgelegt. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mitglied der „Freien-Kräfte-Schwalm-Eder“ gefährliche Körperverletzung und Sachbeschädigung vor, das Gericht hatte bereits im Vorfeld darauf hingewiesen, dass es auch zu einer Verurteilung wegen versuchten Mordes kommen könnte.

Von Kai Budler

Kevin S. war im Juli dieses Jahres frühmorgens in das Zelt eines 13-jährigen Mädchens und ihres Stiefbruders auf einem Solid-Camp im hessischen Schwalm Eder Kreis eingedrungen. Laut Anklage prügelte er anschließend mit einer Glasflasche und einem Klappspaten auf die Schlafenden ein. Das Mädchen wurde bei der Attacke lebensgefährlich verletzt. Bereits vor dem Überfall hatten Rechtsextreme Fotos von dem Zeltlager gemacht, die bei einer Hausdurchsuchung auf dem Computer von Kevin S. gefunden worden waren.

Durch seinen Anwalt Dirk Waldschmidt ließ der Angeklagte beim Prozessauftakt eine Erklärung verlesen, in der er die Taten einräumte. Dem vorausgegangen war der Versuch am Vortag eine Demonstration in Treysa im Rahmen des Camps zu stören. Nach den Angaben des 19-jährigen hatten sich die Rechtsextremen bereits Samstagmorgens getroffen, um entsprechende Störaktionen zu planen. In der Nähe der Demonstration waren sie jedoch festgenommen und kurzzeitig inhaftiert worden. Abends habe man dann eine Kirmes besucht, danach folgte der Überfall als Spontanaktion im Alkoholrausch. Mit sechs weiteren Personen sei er früh morgens zu dem Campingplatz am Neuenhainer See gefahren, „um Linke aufzumischen“. Dort sei er über den zwei Meter hohen Zaun geklettert und habe einen Klappspaten gereicht bekommen. In einem vom Lagerfeuer nicht einsehbaren Zelt habe er dann mit dem Spaten und einer Bierflasche auf die Camper eingeschlagen.

Euphorische Stimmung nach dem Überfall

Ein Zeuge aus dem rechtsextremen Spektrum hatte gegenüber der Polizei von etwa zehn Schlägen gesprochen. Erst als das Mädchen zu schreien begann, habe er von seinen Opfern abgelassen und sei mit den anderen Personen im Auto geflüchtet. Die Stimmung auf dem Rückweg beschrieb Kevin S. als euphorisch: „denen haben wir es gegeben“ sei die einhellige Meinung gewesen. In die gleiche Kerbe schlägt eine SMS auf dem später beschlagnahmten Handy des Angeklagten mit dem Wortlaut: „Ist das geil, hör dich mal bei den Zecken um!“ Erst als er von den schweren Kopfverletzungen gehört habe, sei er nachdenklich geworden: „Ich bereue die Tat“, sagte Kevin S. heute und „in nüchternem Zustand hätte ich diese Tat nicht begangen“.

Bei der anschließenden Befragung präsentierte sich der 19-Jährige als gefestigter Neonazi mit einer Vorliebe für die „Querfront-Idee“. Bei ihm sei „kein Hass auf solche Leute vorhanden“, an Punkten, wo sich Themen überschnitten, sehe er vielmehr Gemeinsamkeiten mit linken Gruppen. „Gewalt an sich finde ich schlecht“, sagte Kevin S. Und gestand gleichzeitig, mit einem Spaten bewaffnet und vermummt die Konfrontation mit den Camp-Teilnehmern gesucht zu haben: Die Aktion sei „klar politisch definiert“ gewesen.

Der zweistündige Prozessauftakt fand unter großem Medieninteresse und schweren Sicherheitsvorkehrungen statt. Unter den zahlreichen Zuschauern befanden sich nicht nur alternative Jugendliche aus der Region, auch Mitglieder der rechten Szene beobachteten die Verhandlung. Der Prozess wird am kommenden Montag fortgesetzt, insgesamt sind sechs Verhandlungstage angesetzt.

Das feine Personal der NPD

Kevin S. gehörte zum engsten Umfeld des ehemaligen hessischen NPD-Chef Marcel Wöll, der unter anderem wegen einer Messerstecherei vor Gericht stand. Wöll zog sich aus “privaten Gründen” von seinem Amt zurück – vermutlich wegen der Strafverfahren gegen seine Person. Auch der Neonazi Sascha Söder soll kein NPD-Mitglied mehr sein. Söder hatte im Oktober auf einer Demonstration gegen „Kinderschänder“ dazu auf, Leute wie den Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit sollte man „an die Wand stellen!“ In einem älteren Video forderte er, alle “Juden human zu erschießen”. Auch der Vize-Chef der hessischen NPD, Mario Matthes, wurde jüngst wegen Beleidigung und schwerer Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe von elf Monaten verurteilt.

Siehe auch: Fall Kevin S.: Opfer-Familie will Anklage wegen versuchten Totschlags erreichen, Video von NPD-Aufmarsch: Daniel Cohn-Bendit “an die Wand stellen”, Hessen: Ex-”Volksfront-Medien”-Macher aus Nazi-Szene ausgestiegenHessen-NPD marschiert: “Cohn-Bendit an die Wand stellen”, Hessen: Offenbar erneut brutaler Nazi-ÜberfallHessen: Staatsanwaltschaft prüft Anklage wegen versuchten Mordes,   Nazi-Überfall in Hessen: 13-Jährige schwer verletzt, Täter aus NPD-Umfeld, Hessen: Keine organisierte Nazi-Szene?!?, Angriffe auf jugendliche Camper: “In Buchenwald, da machen wir die Juden kalt”, Nazi-Überfall: 13-Jährige außer Lebensgefahr