Südniedersächsische Neonazi-Szene nach Waffenfunden im Visier

Nach den Waffenfunden bei Neonazis in Südniedersachsen Anfang Dezember 2008 geraten die rechtsextremen Strukruren in der Region verstärkt ins Visier der Ermittlungsbehörden. Eine 20-köpfige Sonderkommission soll Licht in die südniedersächsische Szene bringen, sagte ein Polizeisprecher. Dabei hatte die 2007 gegründete „Ermittlungsgruppe Rechts“ der Polizeiinspektion Northeim bereits vor rund drei Monaten ihr Lagebild „Rechtsextremismus“ vorgelegt, aus dem eine intensive Zusammenarbeit von Teilen der Naziszene in der Region hervorgeht.

Jahrelang gewachsenen Verbindungen

Die Festnahmen nach den Waffenfunden und die Entwicklungen in Südniedersachsen in diesem Jahr sind ein weiterer Beleg für diese unheilvolle Allianz über Landkreisgrenzen hinweg. Zwar gilt die gewalttätige Auseinandersetzung in der Göttinger Table Dance Bar als interner Streit unter Nazis nach einer privaten Geburtstagsfeier. Ein Blick auf die Beteiligten zeigt jedoch die vielen Facetten der rechten Szene und ihre mittlerweile jahrelang gewachsenen Verbindungen untereinander.

Der mutmaßliche Schütze Mario M. lebt seit rund zehn Jahren im Göttinger Umland und zog im Frühjahr 2008 in die Leinestadt. Im Juli hatte der heute 34-Jährige in der Table Dance Bar Moonlight ein Konzert mit Musikgruppen geplant, die zum Teil der extremen Rechten zugeordnet werden. Nach Protesten vor Ort hatte die Stadt Göttingen das Konzert aus Konzessionsgründen verboten, der bekennende Neonazi Mario M. mit guten Kontakten in die entsprechende Musikszene blieb im Fokus der Öffentlichkeit. Auch der Polizei war der Mann, der nach eigenen Angaben früher Fremdenlegionär war („Ich habe die Legion überlebt und euch werde ich auch überleben“), bekannt: Das bei ihm gefundene Waffenarsenal erstaunte jedoch auch die Ermittler.

Ex-FAP-Kader

Seit der Auseinandersetzung befindet sich auch der 34-jährige Dirk N. in Untersuchungshaft. Er war bereits Anfang der 1990er Jahre Mitglied der mittlerweile verbotenen FAP in Northeim um Thorsten Heise und veranstaltete in den letzten Jahren Rechtsrock-Konzerte und rechte Balladenabende in seiner Scheune in der Ortschaft Portenhagen. Der gelernte Koch gilt als Kopf der etwa 30-köpfigen Szene in Einbeck, die eng mit Neonazis aus dem Südharz zusammen arbeitet. Dirk N. ist polizeilich aktenkundig und wurde zuletzt im Oktober 2007 wegen Körperverletzung vom Landgericht Göttingen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Auch ein Zeuge im damaligen Prozess gehört zu den vermeintlichen Tätern des 30. November, befindet sich aber mittlerweile wieder auf freiem Fuß. Gemeinsam mit Dirk N. gehörte auch er zur damaligen FAP Northeim und trägt heute bei Neonazi-Aufmärschen des Öfteren das Transparent der „Kameradschaft Northeim“.

„Wir sind Deutschland – Kicken gegen Links“

Als weiterer Gast der Geburtstagsfeier gilt der Betreiber eines rechtsextremen Versandhandels im Landkreis Hildesheim mit einer breiten Auswahl des einschlägigen Rechtsrock- und Liedermacherangebotes der extremen Rechten. Doch nicht nur die jüngste Auseinandersetzung belegt die Tendenz einer verstärkten Kooperation der rechtsextremen Szene in der Region auf der Basis von Erlebnis-Events. Gleiches gilt auch für das vom NPD Unterbezirk Braunschweig initiierte Fußballturnier „Wir sind Deutschland – Kicken gegen Links“ im August 2008 im Harz mit etwa 60 Teilnehmern aus den rechtsradikalen Spektren aus Goslar, Braunschweig, Wolfsburg, Helmstedt und dem Harz. Auch die Kameradschaft Northeim war zum Kicken angetreten: Auf dem Rücken ihrer Trikots prangte die „88“. Im alphabetischen Code der Nazis das Synonym für Heil Hitler.

Ein Ergebnis der Absprachen über die künftige Zusammenarbeit am Rande dürfte die Vereinbarung der NPD-Kreisverbände Nordhausen, Harz und Osterode vom 3. Oktober sein. Über die Grenzen der drei Bundesländer hinweg beschlossen sie eine Kooperation mit dem Namen „Festung Harz“. Ziel sei es „die Kampangenfähigkeit und Geschlossenheit der Gesamtpartei [zu] dokumentieren. Bestehende Möglichkeiten im parlamentarischen Bereich sollen gegenseitig zur Verfügung stehen.“

Siehe auch: Polizei stellt bei Hausdurchsuchungen Waffenarsenal sicher, Rechtsextreme beim Table-Dance mit Pumpgun und Brandsätzen, Göttingen: Spekulationen um Brand in Afro-Shop, Debatte: Brutalisierung und Modernisierung bei Neonazis?, Niedersachsen: Kein Neonazi-Schwerpunkt im Südharz?