On craint dégun!

Seit dem 10. Dezember 2008 am späten Abend ist der seit dem 1. Oktober in einem Madrider Gefängnis einsitzende Olympique-Marseille-Anhänger Santos Mirasierra wieder auf französischem Boden, nachdem er zuvor auf Kaution aus der Haft entlassen wurde. Am vergangenen Freitag hatte ihn ein Gericht der spanischen Hauptstadt in einem mehr als fragwürdigen Indizienprozess noch zu 3,5 Jahren Haft verurteilt. Die ganze Affäre wirft ein mehr als merkwürdiges Licht auf die spanischen Behörden…

Ein Gastbeitrag von Jean Claude, in leicht geänderter Version auch veröffentlicht bei SportsWire.

Beim Champions League Hinspiel zwischen Atlético Madrid und Olympique Marseille war die spanische Polizei in den Gästeblock eingedrungen, um ein angeblich verbotenes Banner der französischen Fans zu entfernen, auf dem ein Totenkopf mit Clownsmütze zu sehen ist. Eine mehr als fadenscheinige Begründung, gelten die Olympique-Anhänger doch als dezidiert anti-rassistisch und eher linkslastig. Dass die größte organisierte Fangruppierung der Heimmannschaft, „Frente Atlético“, seit Jahren den SS-Totenkopf als Fahnensymbol benutzt, stört die Guardia Civil dagegen offenbar nicht. Zuweilen hängt man dort auch schon mal ein paar Hakenkreuze in die Kurve und erst kürzlich wählte man ein Jörg-Haider-Gedächtnisbanner als Zierde des Fanblocks.

Die mehr oder minder offen mit dem Faschismus sympathisierenden Atlético-Ultràs bepöbelten beim Hinspiel dann auch mehrere schwarze Spieler von Olympique mit rassistischen Gesängen, während französische Medienvertreter afrikanischer Herkunft sich von ihren spanischen Kollegen beschimpfen lassen mussten. Schwerbehinderte (!) OM-Fans, denen Plätze im Innenraum des Stadions zugewiesen worden waren, wurden so lange beschimpft und mit Bierbechern, Feuerzeugen und anderen Gegenständen beworfen, dass sie schließlich umgruppiert werden mussten. Im Gästeblock verprügelte die Polizei derweil die Gästefans. Mehrere Marseille-Fans wurden verletzt, das Bild eines blutüberströmten Anhängers ging um die Welt und einer 70-jährigen Frau wurde eine Rippe gebrochen.

Die UEFA machte Atlético für die rassistischen Sprechgesänge und den unverhältnismäßigen Polizeieinsatz verantwortlich und verhängte zunächst zwei Spiele Platzsperre, selbst der mexikanische Trainer der Madrilenen, Javier Aguirre, wurde gesperrt, weil er den Marseille-Spieler Mathieu Valbuena beschimpft haben soll. Die Sperre führte zu einem Aufschrei der spanischen Sport- und Boulevardmedien, die sich als Opfer einer von UEFA- Präsident Michel Platini angeführten „French Connection“ wähnten. Die Strafe wurde später auf ein Spiel vor verschlossenen Türen reduziert.

Leider gehört Rassismus in Spaniens Sportarenen zum Alltag, wie in den vergangenen Jahren immer wieder augenfällig wurde. Barcelonas schwarzer Superstar Samuel Eto’o wurde 2006 von Real-Saragossa-Fans derartig diffamiert, dass er kurz davor war, das Spielfeld zu verlassen. 2004 motivierte Spaniens Europameistertrainer Luis Aragonés seinen Spieler Antonio Reyes mit den Worten, er solle Thierry Henry zeigen, dass er besser sei, als dieser „scheiß Schwarze“. Eine Entschuldigung lehnte er später ab. Im gleichen Jahr wurden bei einem Länderspiel gegen England die schwarzen Spieler Ashley Cole und Shaun Wright-Philips im Madrider Bernabéu-Stadion mit Affenlauten begrüßt und im vergangenen Jahr wurde Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton beim spanischen Grand Prix wegen seiner Hautfarbe verhöhnt. Auch die unter Fußballfans in ganz Europa bekannte Brutalität der Guardia Civil ist leider absolut nichts neues.

Genauso bedenklich sind indes die Prozessführung und das Urteil zu bewerten: Am vergangenen Freitag statuierten die Richter nach über zwei Monaten Untersuchungshaft ein Exempel und verurteilten Santos zu 3,5 Jahren Haft, obwohl man ihm keine der ihm zur Last gelegten Taten konkret nachweisen konnte. Das Gericht legte ihm einen vermeintlichen Sitzschalenwurf zur Last, weil er sich an eben jenem Stadionaufgang aufgehalten habe, von wo aus die Wurfgeschosse lanciert wurden. Eine solche Rechtsprechung bedeutet nolens volens nichts weniger, als dass man Santos auch dann verurteilt hätte, wenn er an besagtem Aufgang beruhigend auf andere Fans eingewirkt hätte. Die Maxime der spanischen Justiz scheint mit zur falschen Zeit am falschen Ort am Treffendsten umschrieben zu sein, was den Anwalt der Verteidigung in einer ersten Reaktion zu dem Statement veranlasste, das Gericht leide offenbar an Halluzinationen. OM-Präsident Pape Diouf sprach sogar davon, man müsse Santos „aus den Klauen dessen entreißen, was ich noch nicht einmal wage, überhaupt als Justiz zu bezeichnen.“

Dienstag Nachmittag wurde dann wundersamerweise bekannt gegeben, Santos komme trotz der hohen Haftstrafe und der offensichtlichen Fluchtgefahr gegen Kaution frei. Seit gestern ist er nun wieder daheim und hat in einer ersten Stellungnahme betont, dass es vor allem zwei Dinge sein, die ihm nachhaltig in Erinnerung bleiben würde: Die Brutalität der spanischen Polizei und die vollkommen an der Realität vorbeigehende Hetzkampagne der spanischen Presse. Um sich nicht mit dem virulenten Rassismus in Spaniens Stadien und der Untätigkeit der Verantwortlichen zu beschäftigen, sollte der verurteilte Marseille-Anhänger offenbar anhand von dubiosen Indizien in einer Art Sippenhaft-Urteil zum Gewalttäter par excellence erklärt und die OM-Fans zu einem Haufen gemeingefährlicher Hooligans stigmatisiert werden. Die Indizien sprechen indes eine andere Sprache: Es herrschen fragwürdige Zustände im Land des Europameisters.