Über die Anziehungskraft heruntergekommener Bruchbuden auf Neonazis

NDR Info und der Weserkurier beschäftigen sich noch einmal ausführlich mit den angeblichen Immobilienplänen von Jürgen Rieger in Faßberg. Der marode 60iger-Jahre-Bau habe schon bessere Zeiten erlebt, heißt es in den Berichten: „Wegen Renovierung vorübergehend geschlossen“ steht demnach auf einem verwitterten Pappschild an der Eingangstür zum „Landhaus Gerhus“ in der Gemeinde Faßberg. Stummer Zeuge dieser besseren Zeiten sei auch die alte Speisekarte in einem Holzkasten: „Futtern wie bei Muttern“ ist da zu lesen.

Auf braune Führungskader wie den Hamburger Rechtsextremisten Jürgen Rieger übten solch heruntergekommene Bruchbuden wie das „Landhaus Gerhus“ eine geradezu magnetische Anziehungskraft aus. Seit Jahren träume der vermögende Anwalt aus dem Hamburger Nobelvorort Blankenese davon, mit einem braunen Schulungszentrum für seine Gesinnungsgenossen in Niedersachsen Fuß zu fassen. Jetzt wähnte er sich am Ziel, nachdem er vor zwei Wochen eine über das Grundstück eröffnete Zwangsversteigerung platzen ließ und einen Kaufvertrag für das Anwesen präsentiert hatte.

Vorkaufsrecht als juristische Waffe

Doch es sieht den Berichten zufolge so aus, als wenn der Neonazi auch diesmal mit seinen Plänen Schiffbruch erleiden wird. Über alle Parteigrenzen hinweg seien Politiker in der Gemeinde Faßberg und in der nahen Kreisstadt Celle zusammengerückt, um dem braunen Spuk ein Ende zu bereiten. Die juristische „Waffe“ der Kommune sei das so genannte Vorkaufsrecht. Dieses gebe der Gemeinde die Möglichkeit, selbst in den Kaufvertrag einzutreten und Rieger praktisch das Anwesen vor der Nase wegzuschnappen. Der Pferdefuß dabei: Die Gemeinde müsste demnach dann auch den vereinbarten Kaufpreis zahlen- knapp eine Million Euro könnten das werden.

In der Gemeindekasse sei soviel Geld nicht vorhanden. Der CDU- Landtagsabgeordnete und Celler Kreistagspolitiker Karl-Heinrich Langspecht setze deshalb auf eine „konzertierte Aktion“: „Ich gehe fest davon aus, dass es auch Sponsoren, Firmen und Privatpersonen geben wird, die hier mit einsteigen, um die Gefahr abzuwenden.“ Der Bürgermeister der 7000- Einwohner-Gemeinde, Hans-Werner Schlitte (parteilos), setzt den Berichten zufolge auf einen anderen Finanzierungsweg. In seinem Amt werde zurzeit fieberhaft nach einem Investoren gesucht, der der Faßberg das Grundstück wieder abnehmen könnte, um es beispielsweise für ein Pflegeheim zu nutzen.

Rieger scheiterte in Bayern erneut

In den vergangenen Tagen war der Druck auf Faßberg noch stärker geworden, nachdem ein ähnliches Vorgaben von Rieger im bayerischen Warmensteinach gescheitert war. Dort hatte man Riegers Pläne, einen Gasthof zu erwerben ebenfalls mit dem Vorkaufsrecht durchkreuzt. Zugleich hatte man durch planerische Maßnahmen und ein neues Gutachten dafür gesorgt, dass der Wert des Grundstücks in den Keller ging. Anstelle eines siebenstelligen Betrages musste Warmensteinach lediglich 380.000 Euro für den Grundstückkauf einplanen. Ein gangbarer Weg auch für Faßberg? Über Details wird vor Ort eisern geschwiegen. Sicher ist- die Entwicklung in Bayern hat man in der Heide äußerst wachsam verfolgt. Denn ein Scheitern Riegers im Süden wird seinen Wunsch, in Faßberg seine Pläne verwirklichen zu können, deutlich steigern, sei man sich im Landkreis Celle sicher.

Sollte es tatsächlich gelingen, Rieger mit Hilfe des Vorkaufsrechts von Faßberg fernzuhalten, bliebe neben dem finanziellen Opfer ein weiterer Pferdefuß: Wieder einmal wäre es dem Rechtsextremisten gelungen, durch offen geäußertes Interesse an Immobilien eine Gemeinde unter Druck zu setzen und sie zu finanziellen Opfern zu zwingen. Ein Punkt, den auch SPD- Frau Kirsten Lühmann als Problem sieht: „Das andere Gemeinden in ähnliche Situationen kommen könnten, ist denkbar. Aber auch dort müssen alle Beteiligten zusammenstehen, und damit meine ich auch Bund und Land, um das Problem zu lösen“. Mit finanzieller Hilfe aus Hannover kann im Falle Rieger in Faßberg jedoch offenkundig nicht gerechnet werden. Als strukturschwache Gemeinde sei Faßberg schon jetzt auf Zuwendungen aus der Landeshauptstadt angewiesen.

Siehe auch: Angebliche Pläne der NPD: Gemeinde kauft Gasthof, Nazis planen “Zentrum des Widerstandes” im Fichtelgebirge, Spekulationen über Riegers Kaufabsichten und Tietjens Erbe, Niedersachsen: Hotel “Rieger” in Celle?, Niedersachsen: `Kauf Bahnhof Melle rückabgewickelt`, Nazis planen “Zentrum des Widerstandes” im FichtelgebirgeThüringen: NPD will angeblich viergeschössiges Bürohaus kaufenBayern: NPD mietet Büro an / Wieder Immobilien-Trick?, Angeblicher Immobilien-Deal: Jetzt soll Ende August entschieden werden, Bayern: NPD will angeblich Immobilie bei Bayreuth kaufenBayern: Rieger will angeblich “Heß-Gedenkverein” gründenBayern: Rieger und Wulff gehen in Wunsiedel leer aus, Angebliche Immobilienkäufe: Verfassungsschutz spricht von TrickBaden-Württemberg: NPD will angeblich (!) für mehr als 500.000 Euro Schulungszentrum kaufen“Die NPD kann da Radieschen ziehen”, Stadt Delmenhorst geht auf Nummer sicher und kauft Hotel, NPD bald pleite?, Brandenburg: Widerstand gegen NPD-Schulungszentrum, Brandenburg: Molau muss NPD-”Landschulheim” räumen, Brandenburg: NPD pachtet Schulungszentrum, MVP: Erneuter rechtsextremer Immobiliencoup in Anklam, Thüringen: Rieger kann wieder über “Schützenhaus” verfügen, Neonazi-Anwalt Rieger kann Briefkastenfirma reaktivieren, Hamburg: Ermittlungen gegen NPD-Landeschef Rieger wegen Körperverletzung

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