Debatte über Leiharbeit: Demokratische Mitbestimmung als Folklore

Die Zahl der Leiharbeiter in Deutschland hat in den vergangenen 20 Jahren stark zugenommen: Sie stieg von wenigen Zehntausen Anfang der 1980er auf etwa 330.000 im Jahr 2003. Seitdem hat sie sich noch einmal mehr als verdoppelt. Im Jahr 2007 wurden weit mehr als 700.000 Menschen zeitlich begrenzt durch die Vermittlung von Agenturen in Unternehmen eingesetzt. Nun, da die Konjunkturaussichten eintrüben, sind die Leiharbeiter zuerst betroffen.

Große Zeitarbeitsfirmen meinen bereits, das „Umfeld“ habe sich „abgekühlt“, bzw. der Boom sei „auf jeden Fall erst einmal vorbei“. Dennoch: Die Unternehmen präsentieren sich weiterhin als Wachstumsbranche, der Umsatz in Europa liege bei 90 Milliarden Euro, wie es im „Newsletter Zeitarbeit“ heißt. Zudem gelte besonders Osteuropa als Wachstumsmarkt.

„Moderne Lehr− und Wanderjahre“

Ursache des Booms in Deutschland war die Neufassung des Gesetzes zur Arbeitnehmerüberlassung durch die rot-grüne Regierung im Jahr 2004. Seitdem können Agenturen Arbeitnehmer ohne zeitliche Frist verleihen und so schnell einstellen und wieder entlassen. Die Branche bemüht sich, die Zeitarbeit dennoch als „eine Arbeit wie jede andere auch darzustellen“, wie es im Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft heißt.

Die Einsätze in verschiedenen Unternehmen werden hier als Vorteil angepriesen, denn der Arbeitnehmer könne so „relativ schnell viele und differenzierte berufliche Erfahrungen“ sammeln. Seine berufliche Zukunft hat der Arbeitnehmer demnach selbst in der Hand: Er werde beim Kundenunternehmen auf Herz und Nieren geprüft. Wenn er „gut arbeitet und die Firma die Stelle dauerhaft besetzen möchte, stehen die Chancen nicht schlecht, dass der Kollege auf Zeit den Job bekommt“. Dieter Scheiff, Chef der Zeitarbeitsfirma Adecco, nennt dies „eine Art moderne Lehr− und Wanderjahre“.

„Klebeeffekt“ – und sonst nix?

Allerdings muss der Informationsdienst einräumen: „Wie groß der Klebe- und Integrationseffekt ist, war bislang nicht genau bekannt.“ Eine Studie, die im Auftrag des Bundesverbandes Zeitarbeit durchgeführt wurde, sollte Aufschluss geben, hilft allerdings kaum weiter. Denn laut einer angeführten Umfrage sind 24,3 Prozent der Zeitarbeiter noch bei ihrem letzten Kundenbetrieb, 15 Prozent seien wieder erwerbslos – doch machten ein Drittel der befragten Zeitarbeitsunternehmen gar keine Angaben. Die Hans-Böckler-Stiftung nennt in einer Studie einen „Klebeeffekt“ von rund 15 Prozent – was anhand der Angaben des Bundesverbandes Zeitarbeit realistisch erscheint.

Dennoch hat sich das Image der Zeitarbeit offenbar verbessert, denn zunehmend werden auch Jobs im hochqualifizierten Bereich vermittelt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) stellte fest, dass immer mehr Facharbeiter verliehen werden, mittlerweile sind 45 Prozent der Leiharbeiter Qualifizierte, zehn Prozent sogar Hochqualifizierte. Kritiker meinen allerdings, dadurch würden feste Stellen abgebaut, zudem liege der Lohn von Zeitarbeitern deutlich unter dem der festangestellten Kollegen. In keiner anderen Branche seien Armutslöhne so verbreitet wie in der Leiharbeit, so Detlef Wetzel, Vizechef der IG Metall, bei der Vorstellung des „Schwarzweißbuchs Leiharbeit“. Und: Zeitarbeit wirke als Lohndrücker, warnen Gewerkschafter. Dagegen sollen Mindestlöhne helfen, so das Rezept von Sozialdemokraten und Gewerkschaften. Denn die Leiharbeit an sich wird nicht wirklich abgelehnt. „Hauptsache überhaupt Arbeit“, so ein oft zitierter Satz. Die Arbeitslosenzahlen in Höhe von mehreren Millionen und der unbedingte Arbeitskult zeigen hier ihre Wirkung.

Mitbestimmung als Folklore

Die Auseinandersetzung beschränkt sich bei diesem Thema zumeist auf diese rein ökonomische Ebene. Dies kritisiert auch der Wissenschaftler Oliver Decker, der Studien zur Entstehung von demokratiefeindlichen Einstellungen durchgeführt hat. Decker weist im Gespräch mit dem Autoren auf die Auswirkungen auf das Betriebsklima und auf den einzelnen Leiharbeiter hin – besonders im Hinblick auf die Möglichkeiten der Mitbestimmung. „Die Formulierung von gemeinsamen Interessen und der Versuch diese auszuhandeln – so wie es das Betriebsverfassungsgesetz vorsieht – wird erschwert, wenn nicht verunmöglicht“, so Decker, „weil diese Personen nicht zu dem Betrieb gehören“. Tatsächlich sind die meisten Leiharbeiter nur wenige Monate in einem Betrieb, laut Studien zumeist etwa drei Monate. Damit werde „eine der großen Möglichkeiten an einem wichtigen Ort des Lebens, nämlich bei der Arbeit, auch Einfluss zu nehmen, stark reduziert“, betont Decker.

Das Interesse an gewerkschaftlicher Mitbestimmung habe abgenommen und stehe im Kreuzfeuer, meint der Wissenschaftler. „In den letzten Jahren war die Rationalität, die an politisches Handeln angelegt wurde, in erster Linie eine ökonomische – und demokratische Prozesse, die ja auch eine Rationalität haben, sind eher in den Hintergrund getreten“ – dieses Problem würde in der öffentlichen Wahrnehmung wie „Folklorismus“ wahrgenommen.

Normierungsdruck und Eingriff in Grundrechte

In den Studien hatten Decker und Kollegen festgestellt, dass auf vielen Menschen ein sehr hoher Normierungsdruck laste, der durch die Angst vor Stigmatisierung durch wirtschaftlichen Abstieg verstärkt werde. Die Zusammenarbeit der Bundesagentur für Arbeit mit Zeitarbeitsfirmen erscheint auch in diesem Kontext höchst problematisch, denn die Ausnahmesituationen bei der Vermittlung beispielsweise von Ein-Euro-Jobs seien weitreichend, so Decker. Es gehe „um die Einschränkung bürgerlicher Grundrechte wie Freizügigkeit oder Wohnraumwechsel“. Dies beschädige das Ansehen und Vertrauen in diese Institutionen: „Wenn ich am unteren Ende stehe und Verwaltungsobjekt werde, wie soll ich mich dann als Subjekt eines demokratischen Prozesses begreifen?“, fragt Decker.

Keine Reflektion, sondern blind reproduzieren

Dadurch könnten antidemokratische Einstellungen befördert werden, dies sei aber nicht zwingend, betont Decker. Weitere Voraussetzungen für das Entstehen von demokratiefeindlichen Einstellungen seien beispielsweise in der Erziehung zu suchen, dies habe man in den Gruppendiskussionen immer wieder festgestellt. Das Interessant sei, „dass zu dieser eher individuellen Größe der persönlich erfahrenen Erziehung treten allgemein gesellschaftliche Faktoren hinzu. Dabei handelt es sich um einen allgemeinen Druck, der auf den Mitgliedern der Gesellschaft lastet. Bei diesem Druck kann man auch von einer häufigen Bewährungsprobe sprechen, nämlich erwählt oder verworfen zu sein. Aus diesem Druck heraus gibt es heraus auch die Versuchung, diesen weiterzuleiten. Das wäre dann die Variante Sündenbock. Die werden dann stellvertretend mit den Problemen beladen und dann in die Wüste geschickt. In der stillen Hoffnung, dass man den Problemen entgeht.“

Die Wissenschaftler hatten im Bezug auf den hohen Anpassungsdruck in Gruppendiskussionen beobachtet, dass dieser fast nie aufgegriffen und reflektiert worden sei, sondern zumeist blind reproduziert wurde. „Gerade der Druck der Stigmatisierung durch Armut spielte eine sehr große Rolle. Sowohl hinsichtlich des Stigmas das zietiert wurde als auch in dem erkennbaren Versuch trotz der Armut den sie erfahren haben durch die Orientierung an einer Gruppennorm nicht ausgegrenzt zu werden. Und alternativ andere vorzuschlagen, gegen die sich diese autoritäre Aggression richtet.“ Wichtig seien in diesem Zusammenhang „die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten, die durch Erziehung zur Verfügung stehen“. Es sei keinesfalls zwingend, dass auf Grund von Abstiegserfahrungen, Hilflosigkeit und Ohnmacht eine antidemokratische oder gar rechtsextreme Position eingenommen werde.

Kaufe ein Stück Freiraum

Die Mitglieder der Gesellschaft, die nicht als prekarisiert gelten, die können sich laut Decker Freiräume schaffen. Das bedeute, das Menschen, die aus der Gesellschaft herausfallen, immer ehr verschleiert werden als sichtbar gemacht würden. „Menschen, die auf Transferleistungen angewiesen sind, sind einem gesellschaftlichen Zugriff ausgesetzt, der so groß ist, dass er in die intimsten Lebensbereiche hineingeht und die dann transparent gemacht werden müssen und gesellschaftlichen Institutionen jederzeit zugänglich und regulierbar sind“, so Deckert weiter. Und das sei etwas, „vor dem diejenigen die nicht arbeitslos sind, sich schützen könne“. Man habe einen Freiraum, um aus dem gesellschaftlichen Druck heraustreten zu können. Hier gebe es also einen Unterschied zwischen aus der Gesellschaft herausgefallen und dem totalen Zuspruch der Gesellschaft ausgesetzt. Der Druck sei „bei den Menschen am größten, die stigmatisiert werden, die psychisch ausgeschlossen werden, sozial aber voll erfasst werden. Und kontrolliert werden und Gewalterfahrung – ob symbolische oder tatsächliche – machen müssen“.

Decker fordert, „im Sinne von Berthold Brecht ‚Erst kommt das Fressen – und dann die Moral!‘ müssen Menschen auch gesellschaftlich in den Stand gebracht werden, an demokratischen Prozessen ohne Not und Angst teilzuhaben.“ Er erklärt die Politikverdrossenheit auch durch „eine sehr starke Verdichtung der Arbeit“. Es gehe auf Kosten der demokratischen Öffentlichkeit, dass „die Zeit, die man sonst in eine gesellschaftliche Partizipation stecken konnte, nicht mehr so zur Verfügung steht wie es in den 1970iger oder 1980iger Jahren der Fall war“. Und dies gelte nicht nur für Leiharbeiter.

Siehe auch: Hessen: “Ein Blick in die Mitte”, Wirtschaftswunder und blühende Landschaften als “narzisstische Plombe”, Jeder vierte Deutsche wünscht sich eine einzige Partei oder Volksgemeinschaft und “Wir brauchen Unruhe in Ostdeutschland”.