Sachsen: Lok-Fanclub unterstützt Neonazi-Demonstration

Der 1. FC Lokomotive Leipzig hat die Fangruppierung „Blue Caps“ aus dem Bruno-Plache-Stadion verbannt. Nach Vereinsangaben war die Gruppierung „bereits in der Vergangenheit negativ“ aufgefallen. Nun habe der Verein den auf der Homepage der „Blue Caps“ beworbenen Aufruf zu einer von den „Freien Kräften Leipzig“ organisierten Demonstration zum Anlass genommen, der Gruppierung „ein umfassendes Hausverbot für das Bruno-Plache-Stadion“ auszusprechen. Ab sofort seien sämtliche durch Symbole, Schriftzüge oder Ähnlichem der Gruppierung zuordenbare Kleidungsstücke verboten, ebenso deren Fahne. Es erhielten die Personen Hausverbot, welche sich öffentlich zu der Gruppierung „Blue Caps“ bekennen.

Der Verein wollte zudem seinen Rechtsbeistand einschalten, um gegen die Verwendung seines markenrechtlich geschützten Vereinslogos auf der Homepage der Gruppierung „Blue Caps“ vorzugehen, da für dessen Verwendung keine Genehmigung vorliege. Der 1. FC Lok forderte das Leipziger Fanprojekt zudem auf, „endlich auch selbst“ gegen die Gruppierung vorzugehen und die Zusammenarbeit mit dieser einzustellen. Der Verein betrachte auch weiterhin die sozialpädagogische Arbeit, die vom Fanprojekt geleistet werden solle, als wichtig, stelle das Fanprojekt selbst nicht in Frage und bewertee Rückschläge als Teil eines Lernprozesses. Das Fanprojekt werde auch zukünftig dringend benötigt, um gerade den Entwicklungen, wie sie die Gruppierung „Blue Caps“ zeigt, entgegen zu wirken und den zahlreichen anderen Fans Angebot und Anlaufpunkt sein zu können, eine wirkliche Fankultur ausleben zu können.

„Volksgemeinschaft“ gefordert

Am 25. Oktober 2008 fand der Aufmarsch der „Freien Kräfte“ mit Unterstützung der Blue Caps statt. Den Neonazis stellten sich rund 300 Protestler entgegen, sie demonstrierten laut Leipziger Volkszeitung unter dem Motto: „Nur gemeinsam sind wir viele. Freiheit und Menschenwürde statt Volksgemeinschaft“. Organisatorin Juliane Nagel (Die Linke) beklagte dem Bericht zufolge ein Ausbleiben „wirksamer Strategien gegen die aggressiver werdenden Nazis“ seitens der Stadt. Bei jüngsten Aufmärschen von Neonazis in Reudnitz, Grünau und Großzschocher hätte außer der Antifa niemand protestiert, so Nagel.

Ein halbes Dutzend Neonazi-Aufzüge hatte Leipzig in diesem Jahr bereits gesehen. Die aktuelle Versammlung wurde angemeldet vom Leipziger „Stützpunkt“ der Jungen Nationaldemokraten. Die Leipziger Volkszeitung veröffentlichte auch einen kurzen Videobericht von dem Aufmarsch. Die „Blue Caps“ äußerten sich auch zu dem Vorgehen des Vereins. In einer Stellungnahme geben sich die „Blue Caps“ als Verfolgte und Unpolitische:

Wir die BLUE CAPS LE ‘06 werden die Vorwürfe Seitens der LVZ (Leipziger Volkszeitung), SPD Leipzig und diverser Linker Medien nicht einfach Wortlos hinnehmen. In der Vergangenheit wurden immer wieder Stimmen Laut das die BLUE CAPS LE ‘06 eine Ansammlung Rechter “Chaoten” sei, diese Anschuldigung wird in aller Form zurückgewiesen. Wir als BLUE CAPS LE ‘06 haben seit Anbeginn unserer Gründung im September 2006 keinerlei Politik ins Stadion oder später ins Fanprojekt der Stadt Leipzig getragen! Die einzelnen und meist auch verschiedenen Meinungen der einzelnen Mitglieder sind allen bekannt und wurden schon immer von der ganzen Gruppe Akzeptiert. Man war sich immer im Klaren das es im Stadion nicht um Politik sondern um unseren FCL geht! Wie jedem mittlerweile bekannt sein sollte, hat die Verbotspolitik der Stadt Leipzig, des Fanprojektes und des Vereins Lok Leipzig ohne jegliche Anhörung oder Chance sich zu rechtfertigen zugeschlagen und uns BLUE CAPS LE ‘06 aus dem Stadion und dem Fanprojekt per Hausverbot ausgeschlossen , was natürlich ein Zustand ist den man so nicht hinnehmen kann und wird! Auch wurden die Stimmen Laut man sein nur im Fanprojekt um “Rechtes” Gedankengut zu verbreiten. Dazu sei nur eins gesagt, die BLUE CAPS LE ‘06 engagieren sich seit Übergabe der Immobilie bis zur Offiziellen Eröffnung mit aller Arbeitskraft für das Projekt und sahen die Arbeit im Fanprojekt immer als große Möglichkeit, sich in seinem Fan Dasein entwickeln zu können. Daher trat man auch dem Fanprojekt und deren Leiter Udo Überschar und Rainer Maslok immer mit dem nötigen Respekt gegenüber! Wir werden auch die Lügen die über uns Verbreitet werden nicht Wortlos hinnehmen, so ist es Fakt das wir weder mit den Antisemitischen Schmährufen in Jena noch mit irgendwelchen gestellten Hakenkreuzen etwas zu tun haben, wir verbitten es uns und empfinden es als eine Bodenlose Frechheit das unter anderem Linke Hetzmedien […] uns mit solchen “Aktionen” in Verbindung stellen wollen!

Zum Banner [gemeint ist der Aufurf] auf unserer Seite : Wir wissen genau wer die Freien Kräfte Leipzig sind, was sie machen uns für was sie sich einsetzten. Doch ist es keine Gesinnungspolitik, was alle gemeinsam dazu bewogen hatte auf diese eine Demonstration aufmerksam zu machen, sondern vielmehr der gesunden Menschenverstand. Die Blue Caps LE ‘06 sind mittlerweile in einer Stufe des Lebens angelangt, wo viele Familienväter Mitglieder sind und so ist es für uns als selbstverständlich anzusehen, das man auf eine Demonstration, wo es um die Zukunft und auch um den Schutz unsere Familien geht, aufmerksam zu machen. Das wir nun in eine Ecke gedrängelt werden auch, wenn der größte Teil eine Nationale Einstellung trägt, ist uns unklar, da man bisher nie solche “Werbung” machte bzw. wie bereits erwähnt im Zusammenhang mit dem 1.FC Lok noch nie Politisch als Gruppe aufgefallen ist. […] Diese Stellungnahme wurde mit Einverständnis aller Mitglieder Verfasst und Öffentlich gemacht.

Diese „Politik-hat-im-Stadion-nix-zu-suchen,-wir-sind-ja-nur-national“-Schiene kennt man ja seit Jahrzehnten. Übrigens finden sich auf der Seite der „Blue Caps“ auch Videos von Demonstrationen in Leipzig im August, bei denen Parolen wie „Kinderschänder an die Wand“ skandiert wurden. In einem Redebeitrag forderte ein Neonazi den Aufbau einer „Volksgemeinschaft“. Vier Tage nach dem Fund der Leiche eines ermordeten Mädchens hatten 500 Demonstranten – darunter viele Neonazis – die Todesstrafe für „Kinderschänder“ gefordert. Etwa hundert Teilnehmer trugen laut Medienberichten uniformähnliche Kleidung, wie sie in der rechtsextremen Szene üblich ist. Mit Megafonen gaben Neonazis Anweisungen für Schweigeminuten und Verhalten während der Kundgebung. Angemeldet hatte die Demonstration eine Leipzigerin, die in dem Viertel von Michelles Familie wohnt.

Neonazis versuchen immer wieder durch das Thema Kindesmissbrauch Sympathien in der Öffentlichkeit zu gewinnen, in Leipzig ist dieses Thema offenbar anschlussfähig.

Siehe auch: Neonazis und die Drohung als Mittel der Politik, Hessen: “Irgendwann heißt es wieder: Wir haben nichts gewusst!”, Quantensprung für die NPD: Union debattiert über Gleichsetzung mit Linkspartei, Weltweiter Trend zur Abschaffung der Todesstrafe – aber nicht bei NPD und Neonazis, Totes Baby in Baden-Württemberg: Wie aus “Kameraden” Todfeinde werden, Demonstrationen am 1. Mai und in den vergangenen 12 Monaten, Sachsen: Anklage wegen Kinderpornographie gegen Ex-NPD-Mann

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