TV- und Buchtipp: Die Odyssee der Kinder

Das Jahr 2008 ist ein Gedenkjahr, und manche Momente der Erinnerung stehen in einem historischen Zusammenhang – wie der 70. Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938 und der 60. Jahrestag der Gründung des Staates Israel im Mai 1948. Der Film „Die Odyssee der Kinder“ schlägt auf bewegende Weise eine Brücke zwischen beiden Daten.

Das Geschehen ist kaum bekannt, obwohl sich so eindringliche Erfahrungen darin spiegeln. Im Vordergrund steht das aufrüttelnde Schicksal jüdischer Kinder und Jugendlicher im Zeichen von NS-Diktatur, Krieg und Holocaust – und Neuanfang. Es sind die Erlebnisse Tausender junger Menschen, die vor dem mörderischen Terror der Nazis fliehen mussten. Hunderte von ihnen erreichten schließlich – nach einer dramatischen Odyssee – das Gelobte Land. Nach aufwändigen Recherchen ist es gelungen, Überlebende jener „Kinder-Odyssee“ zu finden und sie ausführlich zu befragen. Die Dokumentation ruft ihr Schicksal in Erinnerung.
Fast vier Jahre dauerte das Drama der jüdischen Kinder, ein steter Wechsel von Flucht, Bedrohung und Gefangenschaft. Der Weg führte über zwei Kontinente – Tausende Kilometer. Viele überlebten die Strapazen nicht, nur einige Hundert erreichten am Ende das Ziel.

Die Etappen der Odyssee zeigen, wie die jungen Menschen immer wieder Opfer der Willkür wurden: Im Rahmen der sogenannten „Polen-Aktion“ wies Hitler-Deutschland tausende Juden polnischer Herkunft im Herbst 1938 aus. Das Attentat des 17-jährigen Herschel Grynszpan auf den deutschen Legationssekretär in Paris war eine Reaktion darauf. Den Nationalsozialisten diente seine Tat als willkommener Vorwand für den beispiellosen Terror-Akt des 9. November.

In Polen fanden die Vertriebenen nur widerwillig und vorübergehend Schutz. Nach dem Überfall NS-Deutschlands am 1. September 1939 kam es dort zu ersten Massenmorden durch die SS, nun flohen mehr als 250.000 polnische Juden, unter ihnen auch viele der Kinder aus Deutschland. Ost-Polen war das nächste Ziel. Doch waren dort die Sowjets einmarschiert, als Verbündete der Deutschen. Zigtausende der Flüchtlinge wurden nach Sibirien deportiert, zum Arbeitseinsatz bei Hunger und mörderischer Kälte.
Nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 ließ Moskau die Gefangenen ziehen. Viele der jüdischen Kinder schlossen sich dem Tross der polnischen Anders-Armee an, die in Afrika gegen Rommel kämpfen sollte. Über Taschkent gelangten 1.000 jüdische Kinder auf abenteuerlichen Wegen nach Teheran, wo der Schah von Persien Zuflucht gewährte. Die jüdische Untergrundbewegung Haganah wurde auf die „Teheran-Kinder“ aufmerksam und setzte alle Hebel in Bewegung, um zu helfen.

Wer die Tortur überlebt hatte, konnte nun auf eine neue Heimat hoffen: In einer dramatischen Rettungsaktion erreichten schließlich etwa 1.000 junge Flüchtlinge das Gelobte Land. Einige der Schicksale, die für die Erfahrungen so vieler stehen, werden in der Dokumentation zum ersten Mal geschildert – anhand von ausführlichen Interviews, aufwändigen szenischen Rekonstruktionen und bislang unbekannten Dokumenten und Filmmaterial. Die Berichte der Überlebenden künden zum einen von menschlichem Leid, von Verfolgung und Erniedrigung, vom Verlust der Familie und der Heimat, zum andern aber auch von Hoffnung und dem Willen zu Überleben. Die Geschichte dieser Odyssee führt eindringlich vor Augen, was jüdische Kinder und Jugendliche in der Nazi-Zeit und im Krieg erleiden mussten, und wie viele doch die Kraft fanden für ein „zweites Leben“ in einer neuen Heimat.

Der Film lief bereits am 23. September 2008 bei arte, das ZDF zeigt ihn am 09. November 2008 zur zuschauerfreundlichen Zeit um 23:50 Uhr. Zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht ist die Prime Time einer Serie über die 1000-jährige Geschichte der Deutschen sowie einem Schmachtfetzen aus dem Tal der Wilden Rosen vorbehalten.

Siehe auch: Pogrom vom 9. November 1938: Weißwäscher am Werk, Hessen: Neonazi-Aufmarsch verboten, Neonazis wollen zur Reichspogromnacht aufmarschieren, Auschwitz: Das präzedenzlose Verbrechen, 69 Jahre nach der Reichspogromnacht: Erneut jüdischer Friedhof geschändet

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